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Informationen zur politischen Bildung (Heft 164)

Arbeiterbewegung in England und Frankreich



Einleitung

England

1815
Kornzölle

1819
Demonstration in Manchester mit Todesopfern

1824/25
Aufhebung von Koalitionsverboten und Entwicklung der Gewerkschaften

1832
Wahlrechtsreform

1838
Veröffentlichung der Volkscharte

1844
Gründung der Konsumgenossenschaft in Rochdale

1846
Aufhebung der Kornzölle

1847
Zehnstundentag

1867
Wahlrechtsreform

1884
Wahlrechtsreform

1884
Gründung der Fabian Society

1900
Entstehung der Labour Party



Frankreich

1831/34
Weberaufstände in Lyon

1848
Revolution in Paris und Juniaufstand Pariser Arbeiter

1867
Erste Internationale Arbeiterassoziation mit wachsendem Einfluss von Marx

1871
Pariser Kommune

1884
Legalisierung der Gewerkschaften

Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern war zunächst so vielfältig wie das, was man damals unter den arbeitenden Klassen der Bevölkerung verstand. Handwerksmeister verschiedener Berufe, Handwerksgesellen, Heimarbeiter vor allem im Textilgewerbe, Tagelöhner und Landarbeiter, Kleinbauern und Pächter, Dienstleute und Hausangestellte und vor allem Fabrikarbeiter im engeren Sinne wurden zu der arbeitenden Bevölkerung gezählt und waren zu verschiedenen Zeiten Träger von verschiedenen Bewegungen, die man als Vorformen oder als Ausprägungen der Arbeiterbewegung angesehen hat.

Wie verschieden ihre Zusammensetzung und ihre Methoden, Organisationsformen und Zielsetzungen auch gewesen sein mögen - einige Grundformen und Grundzüge haben sich schrittweise durchgesetzt und der ganzen Bewegung ein relativ einheitliches Gepräge gegeben, im selben Grade, in dem sich die Industrialisierung durchsetzte und die Arbeits- und Erwerbsverhältnisse relativ einheitlich gestaltete.

Arbeiterbewegung in England

Es war daher nicht zufällig, dass sich im England des 19. Jahrhunderts einige Grundformen und Grundströmungen der Arbeiterbewegung zuerst herausgebildet haben, die sich dann in entsprechend abgewandelten Formen auch in anderen Ländern zeigten. Die Arbeiterbewegung entwickelte drei Säulen ihrer Organisationsform und Aufgabenstellung: die politische, die gewerkschaftliche und die kooperative Organisation zuletzt meistens in der Gestalt der Konsum-Genossenschaften. Die englische Arbeiterbewegung im vorigen Jahrhundert wurde in allen drei Säulen zu so etwas wie einem Vorbild für die in den anderen Ländern später aufkommenden Arbeiterbewegungen. Es gibt einige gute Gründe, in der Geschichte der Arbeiterbewegung im England des vorigen Jahrhunderts etwa vier Phasen voneinander zu unterscheiden. Sie sind zwar nicht durch bestimmte Jahreszahlen starr voneinander getrennt, sondern mehr durch die Akzentuierung einiger Erscheinungen voneinander zu unterscheiden.

Zeit der Maschinenstürmer

Die erste Phase von den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bis etwa 1825 hat man sehr häufig die Phase des Luddismus oder der Maschinenstürmerei genannt. Der Luddismus hat seinen Namen nach einem legendären Ludd erhalten, der im 18. Jahrhundert bei der Zerstörung eines Strumpfwirkerstuhls eine führende Rolle gespielt haben soll. Daher nannte man die oft gegen die Maschinen gerichtete Bewegung auch die luddistische Bewegung. Es war nahe liegend, dass sie hauptsächlich von den heimarbeitenden und handwerklichen Arbeitergruppen getragen wurde oder ausging, die sich in ihrer Existenz durch die neu eingeführten produktiveren und menschensparenden Maschinen wie den Webstuhl oder die Spinnmaschine bedroht fühlten. Diese Bewegung begann sehr zeitig. Schon 1769 wurde in England ein Gesetz gegen Zertrümmerung der Maschinen und Zerstörung von Gebäuden erlassen. Nach der Jahrhundertwende und mit eintretenden Krisenerscheinungen wurde das Gesetz 1812 sogar noch verschärft.

Es kam zu großen Massendemonstrationen wie 1819 auf dem Petersfeld bei Manchester, in der das Militär eingriff ("Peterloo"). Es gab Schießereien und Todesopfer, und einige Anführer der Bewegung wurden hingerichtet. Genauere Forschungen haben gezeigt, dass es sich in dieser Phase nicht nur um Ausbrüche gegen die Maschinenentwicklung gehandelt hat; zum Teil waren die Aktionen gegen die unternehmerischen Verleger, die Rohstoffe, manchmal auch Produktionsmittel ausliehen und die Fertigwaren verkauften, und nicht so sehr gegen die Maschinen gerichtet, um bessere Löhne zu erreichen oder um Lohnherabsetzungen zu verhindern. Dennoch bleibt an dieser Phasencharakterisierung wohl immer noch richtig, dass die Bewegung noch nicht von Fabrikarbeitern der neuen Industriebetriebe getragen wurde, sondern der Schwerpunkt bei den zum Teil vorindustriellen Gruppen lag, die die aufkommende Industrialisierung wie eine Bedrohung und nicht als Grundlage ihrer Existenz erlebten. Der Aufruhr war daher mehr sporadisch und äußerte sich in gewaltsamen Einzelaktionen noch ohne eine einheitliche größere und sozialgeschichtliche Perspektive.

Chartismus

Die zweite Phase ab 1824/25 spiegelte gleichzeitig industrielle und politische Veränderungen des Landes wider. Die zunehmende Industrialisierung verwandelte immer größere Teile der arbeitenden Bevölkerung in Fabrikarbeiter an Maschinensystemen, hob für diese Arbeiter die hausindustrielle, in den Wohnungen stattfindende Verstreuung auf, drängte sie in große Werkstätten, aber auch in den sich rasch entwickelten größeren Industriestädten zusammen und schuf neue Bedingungen für einheitliche Aktionen auf dem Boden der industriellen Entwicklung als der Basis ihrer Existenz.

Der Anteil der Landbevölkerung an der Gesamtbevölkerung sank in England zwischen 1770 und 1841 von etwa 40 % auf 26 % herab. Die Einwohner Manchesters vermehrten sich in der Zeit zwischen 1801 und 1841 von 35 000 auf 353 000, die von Birmingham in dem gleichen Zeitraum von 23 000 auf 181 000, von Sheffield von 46 000 auf 111 000. Die Bevölkerung der Baumwollgrafschaft Lanceshire stieg im Zeitraum von 1801 bis 1831 von 692 931 auf 1 336 854 an, und die Bevölkerung des Wollbezirks von Yorkshire vermehrte sich im gleichen Zeitraum um 100 %.

Unter diesen Bedingungen begann die neue Periode und die Schwerpunktverschiebung innerhalb der Arbeiterbewegung. Sie ist durch mehrere Eigenarten gekennzeichnet:
  • durch Aufhebung einer Reihe von Gesetzen, durch die die gewerkschaftlichen Koalitionen verboten worden waren; damit wurde der Weg zu einer großen Gewerkschaftsbewegung in England frei;
  • durch den sich verstärkenden Kampf um die Erweiterung der Wahlrechte für das Parlament, sowohl für die neuen bürgerlichen industriellen Klassen wie auch für die Arbeiter;
  • durch den sich intensivierenden Kampf gegen die Korn-Zölle, die nach Abschluss der Napoleonischen Kriege 1815 eingeführt worden waren, die Lebenshaltung verteuerten und den industriellen Export beeinträchtigten.
In dieser Periode der englischen Arbeiterbewegung entwickelte sich eine große Gewerkschaftsbewegung, wurden die Konsum-Genossenschaften gegründet, entstanden die ersten Formen zentraler und größerer Streikbewegungen, die bis an den Rand des Generalstreiks gingen, drangen sozialreformerische und sozialistische Ideen des Fabrikanten Owen und vor allem seine Forderung nach der Einrichtung von Produktiv-Genossenschaften, das heißt Genossenschaftsbetrieben der Arbeitnehmer selber, mit Staatshilfe zur Einschränkung des gewerblichen Wettbewerbs in die Arbeiterbewegung ein, wurde der Kampf um den Zehnstundentag, um die Erhöhung der Löhne, für die Einschränkung der Kinder- und Frauenarbeit, gegen das Armengesetz und für die Aufhebung der Korn-Zölle geführt.

Die Volkscharte

Aber im Laufe der Periode konzentrierte sich die Bewegung immer mehr auf den Kampf um die so genannten People's Charter, die Volkscharte, nach der die ganze Bewegung und die Phase ihren Namen erhalten hat. England gilt seit dem 18. Jahrhundert für die meisten europäischen Länder als das klassische Land des Parlamentarismus. Konstitutionelle und demokratische Elemente im englischen Staatsleben waren sicher bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts weiter entwickelt als in den anderen Ländern. Dennoch ist der damalige Parlamentarismus mit den heutigen Zuständen kaum zu vergleichen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren im englischen Parlament die großen neuen Industriestädte, die neue Klasse der industriellen Unternehmer und die Arbeiter, noch nicht vertreten. Unter dem Eindruck der Französischen Revolution von 1830 kam es auch in England zu einer großen Bewegung für die Wahlrechtserweiterung, die aber die Wahlrechte nur auf die begüterten bürgerlichen Gruppen in den städtischen industriellen Unternehmerkreisen ausdehnte, so dass von etwa 6 Millionen Männern nur 839 000 das Wahlrecht erhielten.

Die Arbeiterklasse, die sich an der Wahlrechtsbewegung zum Teil in Verbindung mit den bürgerlichen Gruppen sehr engagiert hatte, ging also leer aus. Das war der Anlass für die Entwicklung einer selbstständigen Arbeiterbewegung, die mit der Gründung eines ersten englischen Arbeitervereins in London begann und aus der die Idee und Formulierung der People's Charter hervorging.

Die Volkscharte formulierte sechs Forderungen: 1. allgemeines Wahlrecht, 2. gleiche Wahlkreiseinteilung, 3. Abschaffung des Zensus für Parlamentskandidaten, 4. einjährige Legislaturperiode, 5. geheime Abstimmung und 6. Diäten für Abgeordnete, um auch den Vertretern der nicht besitzenden Schichten die Teilnahme an der Parlamentsarbeit überhaupt zu ermöglichen. Das Dokument wurde 1838 zuerst veröffentlicht und bildete von da ab den Mittelpunkt der chartistischen Arbeiterbewegung.

In dieser Bewegung gab es mehrere Richtungen: Eine, die zur Durchsetzung der Parlamentsreform und sozialreformerischer Zielsetzungen auf gewaltsame Aktionen drängte, eine andere, die durch Aufklärung und gesetzliche Mittel zu ihren Zielen kommen wollte. Es wäre also falsch anzunehmen, dass es in der englischen Arbeiterbewegung keine revolutionären Strömungen gegeben hätte. Die besonderen politischen und sozialen Verhältnisse und Traditionen in England aber machten es verständlich, dass sich die reformerische Richtung durchsetzen konnte. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in anderen Ländern durften die Chartisten für ihre Petitionen im ganzen Lande Unterschriften sammeln und sie dem Parlament zur Überprüfung der Echtheit der Unterschriften vorlegen und eine Debatte im Parlament anregen. So sammelte man 1839, 1842 und 1848 mehrere Millionen Unterschriften und legte sie dem Parlament vor, aber das Parlament lehnte jedes Mal ab, und die Bewegung löste sich auf.

Erfolge und Auswirkungen des Chartismus

Äußerlich gesehen endete sich also mit einem Misserfolg. Dennoch hat sie auf entscheidende Weise auf die soziale und auch politische Reformbewegung des Landes eingewirkt, und dies erklärt, warum die Arbeiter auch den Eindruck haben konnten, in der weiteren Entwicklung in höherem Grade in die englische Gesellschaft eingeordnet worden zu sein als früher. 1846 fielen die Kornzölle, 1842 und 1844 erließ das Parlament Arbeiterschutzgesetze. 1847 wurde der Zehnstundentag eingeführt, und 1844 wurde die große und für die weitere Entwicklung bedeutsame Bewegung der Konsumgenossenschaften gegründet. Wenn ein Teil der umkämpften Wahlrechtsreformen auch erst 1867 und 1884 Wirklichkeit wurde und in einem wachsenden Maße auch den Arbeitern das Wahlrecht gab - so war auch das eine späte Folge der ersten großen industriellen Arbeiterbewegungen nicht nur Englands, sondern der ganzen Welt. Von ihr ist eine Fülle von Ideen und praktischen Anregungen für alle anderen Ländern ausgegangen. Vor allem aber hat sie auch die Bahnen für eine auf schrittweise Reformen der englischen sozialen und politischen Verhältnissen ausgehenden Arbeiterbewegung in England selbst gelegt.

Zeit des Tradeunionismus

Nach dem Jahre 1850 verlagerte sich der Schwerpunkt der Arbeiterbewegung auf die Gewerkschaftsarbeit und auch auf die Entwicklung der Genossenschaften. Jetzt trat die Verteidigung der unmittelbaren Interessen der Arbeiter in den Vordergrund, und man versuchte mit verschiedenen Gruppen von Angeordneten im Parlament Gesetze anzuregen, zu diskutieren und auf diesem Wege einen mehr indirekten Einfluss auf die politische Entwicklung auszuüben. Das wurde auch dadurch erleichtert, dass die Konservativen und Liberalen die Arbeiterfrage jeweils nach ihren Interessen gegeneinander ausspielten.

Die bis etwa in die 80er und 90er Jahre dauernde Zeit verdient daher den Namen "tradeunionistische" Periode. In dieser Phase haben die Trade Unions, die Gewerkschaften - ungeachtet vieler Rückschläge und auch innerer Uneinigkeiten - sowohl einflussmäßig im Ringen um Tarifvereinbarung, Arbeitszeitregelung, Schiedsgerichte, Ausbau des Genossenschaftswesens, Erweiterung der Fabrikinspektion wie auch zahlenmäßig ständig an Stärke gewonnen. Soweit die klassischen Historiker der englischen Gewerkschaftsbewegung, das Ehepaar Webb, die Zahlen haben ermitteln können, stellten sie für 1850 eine Mitgliedschaft der Gewerkschaften um etwa 25 000, für das Jahr 1892 aber eine Mitgliederzahl von 1 507 000 fest.

Die Labour Party

Erst in den 80er Jahren begannen sich in England Gruppen zu entwickeln, die über die Arbeit der Gewerkschaften und Genossenschaften hinaus sowohl mit weiterführenden sozialistischen Zielsetzungen wie auch Forderungen nach einer direkten politischen Vertretung der gesamten Arbeiterschaft auftraten. In dieser Zeit spielten die sozialdemokratische Föderation von Hyndman (1882) und die Independent Labour Party (Unabhängige Arbeiterpartei) von Keir Hardy (1893) eine größere, teilweise aber auch nur vorübergehende Rolle. Einen nachhaltigen Einfluss übte die kleine Gruppe der so genannten Fabian Society aus, die 1884 entstand und deren Namen schon ein ganzes Programm ausdrückte. Sie bezeichnete sich Fabianismus nach Fabius Maximus Cunctator, dem großen römischen Feldherrn, dessen strategische Kunst in zögernd vorsichtigen Schritten bestand. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Gruppe gehörte das Ehepaar Webb und der Dichter Bernard Shaw. Sie entwickelten das Programm einer schrittweisen reformerischen Umgestaltung der englischen Gesellschaft in Richtung auf größere gesellschaftliche Kontrolle über die Industrie, Vergesellschaftung des Bodens und Ausbau der kooperativen Unternehmungen.

Die Ideen dieser Gruppe haben auch programmatische Gedanken der 1900 entstehenden Labour Party mitgeformt, in der sich Gewerkschaften, aber auch andere sozialistische und politische Gruppen zusammenfanden und die Arbeiterschaft nunmehr eine einheitliche politische Vertretung erhielt. Die Mitgliedschaft dieser Partei wuchs von 376 000 im Jahr 1900 auf 1 612 000 im Jahre 1914 an. Sie nahm an den Wahlen teil und war nunmehr auch im Parlament vertreten. Diese Epoche, die ihren Höhepunkt in der Gründung der Labour Party (Arbeiterpartei) erhielt, kann man daher auch die Epoche des Labourismus in der englischen Entwicklung nennen, von der aus die englische Arbeiterbewegung in das 20. Jahrhundert hineinwuchs.

Arbeiterbewegung in Frankreich

In Frankreich verlief die Geschichte der aufkommenden Arbeiterbewegung trotz vieler gemeinsamer Züge mit der englischen Entwicklung aus anderen Bedingungen heraus in mancher Hinsicht anders. Nach der gewaltsamen Revolution von 1789 gab es in der politischen Geschichte Frankreichs bis 1871 einen dauernden Pendelschlag gewaltsamer Auseinandersetzungen um die Gestaltung des Staates. In den stets blutigen und revolutionären Auseinandersetzungen handelte es sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts um gemeinsame Umsturzversuche von Bürgerlichen und großen Teilen von Arbeitern und Handwerkern zur Durchsetzung ihrer politischen und ökonomischen Interessen. Durch diese Gewaltsamkeiten im Pendelausschlag in der bürgerlichen und kapitalistischen Entwicklung selber hat natürlich auch die Methode der französischen Arbeiterbewegung ihre besondere Prägung bekommen.

Aber es ist zweifelhaft, allein daraus die These ableiten zu wollen, dass die französische Arbeiterbewegung im Gegensatz etwa zu der englischen die revolutionäre Version repräsentierte. Es gab in der Geschichte der französischen Arbeiterbewegung ebenfalls große reformerische Strömungen, die von englischen Erfahrungen beeinflusst waren. Wie wenig die französische Arbeiterbewegung prinzipiell als eine revolutionäre Variante anzusehen ist, zeigte sich nach 1871. Nachdem mittel- und großbürgerliche Schichten ihren auch politischen Einfluss in den angemessenen Formen gesichert zu haben schienen und sich mit der Entwicklung einer parlamentarischen Demokratie zu identifizieren begannen, wurde auch den Arbeitern eine umfangreichere Entwicklung ihrer gewerkschaftlichen und politischen Organisation ermöglicht. Trotz aller besonderen Züge, die sie auch dann noch behielt, wie sie jede national selbstständige politische Bewegung charakterisiert, zeigten sich doch von dieser Zeit ab durchaus ähnliche Eigenschaften wie in der Entwicklung der englischen oder später auch der deutschen Bewegung.

Soweit die Verschiedenheiten vor allem vor 1871 in Erscheinung traten, liegen sie vielleicht auf einem anderen Gebiete als auf dem des Gegensatzes zwischen Revolution und Reform. Die Industrialisierung ging in Frankreich langsamer voran als zur gleichen Zeit in England. Deswegen wuchs auch der Einfluss der neuen industriellen Unternehmerklassen bedeutend langsamer, während das Finanz- und Bankkapital schon frühzeitig einen außerordentlichen Einfluss ausübte. Außerdem blieb der Anteil einer klein- und mittelbäuerlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung bis ins 20. Jahrhundert hinein viel größer als in anderen sich industrialisierenden Ländern.

Noch am Anfang des 20. Jahrhundert betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung in Frankreich etwa 40 bis 42 %, in Großbritannien, Irland um 12 % und in Deutschland lag er zur ähnlichen Zeit bei 35 %. Die Industrialisierung blieb auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht nur hinter der Englands, sondern auch noch hinter der Deutschlands zurück. Die für Eisenbahn, Schifffahrt und Fabriken verwandte Dampfkraft betrug in England 1880 7 600 000 PS, in Deutschland 5 170 000 PS und in Frankreich 3 000 070 PS. Demgegenüber hielten sich kleinindustrielle und kleingewerbliche Betriebsformen, teilweise noch in vorindustriellen Heimarbeitsverhältnissen, außerordentlich lange. Noch 1888 zählte man im Rh™ne-Departement in der Seidenindustrie 28 978 Handwebstühle und nur 1900 mechanische Webstühle.

Der Rückstand in der Industrialisierung im Zusammenhang mit den Pendelausschlägen in der Entwicklung der parlamentarischen Demokratie des Landes gab auch den politischen Aktivitäten nicht nur auf seiten der arbeitenden Bevölkerung den Charakter sporadisch gewaltsamer und konspirativer Aktionen, wie er für die vorindustrielle Zeit charakteristischer ist als für die entwickelte Industriegesellschaft. Der dem Luddismus ähnliche Charakter der Auseinandersetzungen wurde in den Weberaufständen von Lyon besonders sichtbar.

Die Aufruhrbewegungen der Seidenweber von Lyon in den Krisenjahren 1831 und 1834 wurde von Arbeiterschichten getragen, die in vorindustriellen Formen arbeiteten. 800 so genannte Fabrikanten lieferten den Rohstoff und sorgten für den Verkauf der Fertigprodukte, 10 000 Klein- und Zwischenmeister mit durchschnittlich je fünf Webstühlen ließen 30 bis 40 000 Arbeiter an diesen Webstühlen arbeiten.

Aber er hielt sich in Frankreich vor allem auch im Kampf um die Gewährung parlamentarischer Rechte sowohl in der Arbeiterbewegung wie in manchen republikanischen Bestrebungen des Bürgertums viel länger in der Form geheimer Konspirationen. Unter ihnen hat die von dem Sozialisten Blanqui geführte Organisation im Laufe der Revolution von 1848 und der Kommune von Paris von 1871 einen größeren Einfluss ausgeübt.

Utopische Sozialisten

Eine besondere Prägung erhielt die französische Arbeiterbewegung aber auch durch die sozialistische Literatur, die zunächst vor allem sozialistische Zukunftsordnungen ausmalte und daher unter dem Namen "Utopischer Sozialismus" eine breitere Wirkung ausübte. In diesem Zusammenhang sind Anhänger von St. Simon, außerdem Fourier und Cabet, aber auch Proudhon mit seinen anarchistischen Tendenzen, weit über Frankreichs Grenzen bekannt geworden. Überhaupt haben anarchistische und später syndikalistische Tendenzen in Frankreich wie in anderen südlichen romanischen Ländern eine größere Bedeutung erlangt als etwa in England oder in Deutschland.

Revolution 1848

Im Kampf um die Demokratisierung des Staatsapparates gingen Vertreter von Arbeitergruppen mit Repräsentanten bürgerlicher Strömungen, ähnlich wie in England, auf lange Zeit zusammen, bis auch hier die Interessenordnung deutlicher hervortrat. Das geschah zum ersten Male während des 19. Jahrhunderts im Verlauf der Revolution von 1848, nach dem Sturz des Bürgerkönigs und den Versuchen, die Republik einzuführen. Hier gerieten die Pariser Arbeiter mit bürgerlichen Strömungen in Konflikt, als sozialreformerische Forderungen erhoben wurden, die vom Bürgertum abgelehnt worden sind. Das führte zu Barrikadenkämpfen und zu blutigen Auseinandersetzungen, die mit der Niederschlagung der ersten selbstständigen Arbeiterbewegung endete. Bei diesen blutigen Kämpfen spielten Taktik und Methode von Blanqui eine gewichtige Rolle. Daneben aber gab es auch Vertreter der reformerischen Perspektive, wie Louis Blanc, der in Orientierung an dem englischen Chartismus auch die Errichtung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe propagierte.

Pariser Kommune

Den nachhaltigsten Eindruck auch auf andere europäische Arbeiterbewegungen machte aber die Pariser Kommune von 1871, nach der französischen Niederlage und dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreiches im Krieg gegen den Norddeutschen Bund und süddeutsche Staaten unter Preußens Führung. Die vorläufige republikanische Regierung Frankreichs, die mit Preußen wegen des Friedens verhandelte, hatte Paris verlassen. Die Pariser kommunale Verwaltung war aus bürgerlichen Demokraten, aber auch aus Vertretern des Anarchisten Proudhon, aus Repräsentanten der blanquistischen Richtung und Vertretern der von Marx beeinflussten Ersten Sozialistischen Internationale zusammengesetzt. Die Versuche der Pariser Kommunarden aber fanden in dem übrigen Frankreich kaum einen Widerhall und ließen vor allem die große Masse der Bauern völlig unberührt. Unter der Duldung der preußischen Armeen wurde schließlich die Pariser Kommune in außerordentlich blutigen Auseinandersetzungen niedergeschlagen. Ob sie die erste Form einer so genannten Diktatur des Proletariats war, wie es schon von Marx und Engels und später von Lenin dargestellt worden ist, soll hier nicht diskutiert werden und dürfte wohl einigem Zweifel unterliegen. Aber als Beispiel eines solchen in die Zukunft weisenden ersten Versuches der sozialistischen Arbeiterbewegung wurde sie jedenfalls gefeiert. In dieser Interpretation hat sie für die weitere Entwicklung der Arbeiterbewegung auch außerhalb Frankreichs und später in der Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten eine große Rolle gespielt.

Nach 1871 wurde in der französischen Republik das Wahl- und Koalitionsrecht erweitert. Damit begann eine umfassendere Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung und auch einer politisch-sozialistischen Bewegung in breiterem Umfang, die sich, wenn auch in einigen besonderen Formen, praktisch in den Bahnen entwickelte, wie die meisten demokratischen Arbeiterbewegungen in Westeuropa sich entfaltet haben. Nach der vollen Legalisierung der Gewerkschaften im Jahre 1884 kam es zur Gründung mehrerer größerer Zusammenschlüsse, die 1902 zu einer einzigen Gewerkschaft verschmolzen worden sind. In ihr hatte allerdings das traditionell-syndikalistische Element mit dem großen Misstrauen gegenüber parlamentarischer Arbeit immer noch eine große Bedeutung. Die verschiedenen politischen sozialistischen Gruppen einigten sich erst am Anfang des Jahrhunderts unter der Führung von Jaurès zu einer einheitlichen sozialistischen Partei, die bei den Parlamentswahlen eine wachsende Stimmenzahl auf sich vereinigen konnte.
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12. März 2010
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Voraussetzungen der Industrialisierung - Entwicklung der Technik
Verkehrswege und Transportwesen
Deutschland wird industrielle Weltmacht
Von der Ständeordnung zur Industriegesellschaft
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Das 19. Jahrhundert 1
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Die Grundlagen für die gegenwärtigen politischen Systeme der europäischen Staatenwelt wurden im 19. Jahrhundert geschaffen: von Monarchien zu demokratischen Verfassungsstaaten.
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