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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 7-8/2004)
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Politische Bildung in der globalen Wissensgesellschaft |

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Uli Wessely
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Herausforderungen an die politische Bildung |
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Auch die politische Bildung wird am Anfang des 21. Jahrhunderts von dem Übergang zur globalen Wissensgesellschaft herausgefordert. Sie wird zu einer Neuausrichtung bei der Definition ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgaben gezwungen. Dabei wird sie mit verschiedenen Ebenen dieses gesellschaftlichen Wandels konfrontiert: Beispielsweise hat die politische Bildung erst sehr spät begonnen, die so genannte digitale Revolution in der Medienlandschaft und der öffentlichen Kommunikation wahrzunehmen und eigene Aufgaben innerhalb dieses Kontextes zu definieren. Die Chancen für die politische Bildung, "die das Lernen mit digitalen Medien im Fach mit sich bringen kann", werden erst allmählich erkannt. Auch der Bereich der Globalisierung von Ökonomie, Kultur und Politik sowie Denationalisierungsprozesse wie die europäische Integration bilden ein zentrales Postulat an die politische Bildung. Diese ist noch weit davon entfernt, sich aus dem Bezugssystem des Nationalstaates zu lösen.
Es erscheint daher notwendig, die Aufgaben politischer Bildung im Kontext der globalen Wissensgesellschaft näher zu betrachten. Jedoch betrifft der mit der globalen Wissensgesellschaft einhergehende Umbruch nicht allein die Inhalte, sondern auch das Selbstverständnis politischer Bildung. So hat politische Bildung die Aufgabe, jene Prozesse zu bearbeiten, welche die Wirklichkeit der Gesellschaft beeinflussen. Darüber hinaus soll sie den Menschen auf die Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft vorbereiten und ihn dabei unterstützen. Gerade hier wird politische Bildung mit den Auswirkungen der globalen Wissensgesellschaft und den allgemeinen Prozessen der Globalisierung konfrontiert. Die nationalstaatlichen Gesellschaften lösen sich durch grenzüberschreitende Interaktionen immer mehr auf. Gleichzeitig können auch Entwicklungen im jeweiligen sozialen Umfeld nicht mehr ausreichend erklärt werden, ohne auf globale Einflüsse zurückzugreifen.
Globales Lernen
Wie sollte eine zukunftsfähige politische Bildung im Kontext von Globalisierung und globaler Wissensgesellschaft aussehen? Dazu muss festgehalten werden, dass "die enge Bindung des öffentlichen Bildungsauftrages an das nationalstaatliche Paradigma (...) die breite Entfaltung von Ansätzen einer international und weltbürgerlich orientierten Erziehung erheblich behindert" hat. Dennoch hat sich in den vergangenen dreißig Jahren eine so genannte Entwicklungspädagogik herausgebildet, in der politische Bildung eine besondere Rolle spielt. Hier wird der Blick über nationalstaatliche Grenzen hinaus auf weltpolitische Themen und Probleme ausdrücklich als herausragende Aufgabe beschrieben.
Diese entwicklungspolitische Bildung hat mittlerweile eine Entwicklung zum Konzept des "Globalen Lernens" durchlaufen, wobei der zweideutige Begriff in Deutschland im Gegensatz zum englischsprachigen Raum erst zu Beginn der neunziger Jahre Eingang fand. Gemäß der zweifachen Bedeutung von "global" bedeutet Globales Lernen zum einen die Vermittlung weltweit vernetzter Themenkomplexe, die zum anderen methodisch multiperspektivisch, interdisziplinär und ganzheitlich vermittelt und wahrgenommen werden. Dabei verbindet das Konzept des Globalen Lernens Inhalte der entwicklungspolitischen Bildung mit denen "der Friedenserziehung, der Umweltbildung, dem interkulturellen Lernen, dem ökonomischen Lernen und der Menschenrechtserziehung". Globales Lernen möchte den Menschen dazu qualifizieren, die entstehende globale Welt- und Wissensgesellschaft mitzugestalten und verantwortungsbewusst zu begleiten. Damit zielt Globales Lernen auf die Entwicklung derjenigen individuellen Kompetenzen, die nötig sind, um in der globalisierten, zunehmend zusammenwachsenden Welt existieren zu können. "Es zielt auf eine Form des Lernens und eine Weise des Denkens, die es erlauben, lokale Gegebenheiten in ihrer Einbindung in den globalen Kontext wahrzunehmen, und dazu befähigen, lokales Handeln in Einklang mit globalen Erfordernissen zu bringen."
Aus entwicklungspolitischer Perspektive möchte Globales Lernen auf die Forderungen nach weltweiter Gerechtigkeit sowie neuen wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten des Zusammenlebens pädagogisch reagieren. Dabei geht es um das Leben heutiger und künftiger Generationen auf diesem Globus. Gleichzeitig hat Globales Lernen die Aufgabe, einen angemessenen Umgang mit kultureller Vielfalt zu fördern sowie einen interkulturellen Perspektivwechsel zu unterstützen. Dabei ist es wichtig, die kulturell abhängige und begrenzte Eigensicht der Welt wahrzunehmen, andere Betrachtungsweisen zu akzeptieren sowie zu lernen, sich mit diesen Betrachtungsweisen selbst anzusehen. Deshalb verzichtet eine globale Betrachtungsweise des Globalen Lernens darauf, einen Blickwinkel festzuschreiben, der ungebunden an den Standort des Einzelnen wäre.
Globales Lernen bedarf also eines umfassenden Bildungsverständnisses, das über die Vermittlung neuen Fachwissens deutlich hinausgeht. Auf der Sachebene wird dabei das Wissen über die Herausforderungen zur Entwicklung der Weltgesellschaft benötigt, aber es muss auch die Tatsache akzeptiert werden, dass zur Beurteilung komplexer Sachverhalte immer zu wenig Wissen zur Verfügung steht. Deshalb muss gelernt werden, sachliche Widersprüche einzuordnen, Wissen zu erlangen und unter den Bedingungen nur unzureichender Kenntnis aller Faktoren abgewogene Entscheidungen zu treffen. Außerdem ist die Fähigkeit zu abstraktem Denken erforderlich, denn die Probleme einer künftigen globalen Wissensgesellschaft zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie nur noch schwer wahrzunehmen sind und sich außerhalb des individuellen Erfahrungshorizonts bewegen. Auf der sozialen Ebene ist zu lernen, dass Fremdes und Vertrautes immer weniger regional begrenzt werden kann. Dabei ist auf das Kennenlernen von unterschiedlichen Menschen, Lebensstilen und Sozialerfahrungen nicht zu verzichten. Hier sind sprachliche Kompetenzen, wie Fremdsprachenkompetenz, aber auch Ausdrucksfähigkeit, von enormer Bedeutung.
Globale Medien in der politischen Bildung
Als herausragendes Medium in der globalen Wissensgesellschaft ist das Internet anzusehen. "Bei der rasanten Veränderung der modernen Industriegesellschaften nimmt das Internet als technische Repräsentanz und Infrastruktur der unter dem Begriff der 'Globalisierung` gefassten Entwicklungstendenzen eine zentrale Rolle ein." Um die Rolle des Internets für die politische Bildung zu verdeutlichen, ist es notwendig, zunächst seine Rolle für die Politik zu reflektieren: "Internet in der Politik? Lange Zeit hielt man das digitale Netz vor allem für den Ort, an dem sich Wissenschaftler untereinander verständigen, darauf entdeckte die Unterhaltungsindustrie seine Möglichkeiten, schließlich entstand ein wahrer Hype rund um den E-Commerce. Der wurde Ende 2000 mit einer Welle von Enttäuschungen und Zusammenbrüchen beendet. Bei all der Hektik wird uns erst allmählich klar, dass wir in ein neues informationsbasiertes Zeitalter eintreten, in dem alle Lebensbereiche des Menschen tief greifend verändert werden. Und dazu zählen ganz sicher die Politik und die Grundlagen unseres demokratischen Systems."
Wie in vielen anderen Bereichen des Internets kamen auch die ersten Impulse zu dessen politischem Einsatz aus den USA. Inzwischen haben auch die Europäer, die einzelnen Staaten wie die Europäische Union, die Möglichkeiten des Netzes entdeckt. Dem liegt die Feststellung von Ökonomie und Wissenschaft zugrunde, dass nur gemeinsam mit der Politik der Einstieg in das digitale Zeitalter zu bewältigen ist. Dabei kommt der Politik die Rolle zu, die Bürgerinnen und Bürger besser zu informieren, die Transparenz der Entscheidungswege zu erhöhen sowie neue Mittel zur Diskussion und Beteiligung anzubieten. Formen der digitalen Stimmabgabe bei Wahlen etwa werden bereits praktiziert und sind in naher Zukunft flächendeckend denkbar.
Gleichzeitig ist zu beachten, dass den politischen Inhalten im Netz eine starke Konkurrenz mit einer dominierenden Anzahl kommerzieller Angebote gegenübersteht. Die Fülle an Informationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, wirkt "unübersichtlich und mehr verwirrend als transparenzfördernd". Es ist daher zu vermuten, dass die Hoffnung, durch das Netz könnte die bestehende Politikmüdigkeit überwunden werden, nicht in Erfüllung gehen wird. Dennoch ist schon heute absehbar, dass das Internet die politischen Kommunikationsformen ergänzen und vielleicht grundlegend verändern wird.
Mit der zunehmenden Bedeutung des Internets für die Politik werden auch die Auswirkungen auf die politische Bildung evident, denn "es verändert imGegenstandsbereich der politischen Bildung Wesentliches und damit auch die Möglichkeit der Information und der Teilhabe". Neben dieser Dimension macht Thomas Meyer noch zwei weitere Bereiche aus, in denen das Internet für die politische Bildung Bedeutung erlangt. Demnach verändert es die Möglichkeiten der Lernprozesse und damit auch deren Angebotsformen und Reichweite. Darüber hinaus ist es für wichtige Zielgruppen politischer Bildung ein wesentlicher Bestandteil des Alltags geworden und somit Grundvoraussetzung für die Kommunikation mit diesen. Dadurch kann das Internet politischen Bildnern ermöglichen, Adressaten anzusprechen, die sonst kaum in Berührung mit politischer Bildung kommen dürften. Insbesondere bei jüngeren Generationen könnte die Einbeziehung des Internets einen möglichen Zugang zur politischen Bildung erschließen.
Gleichzeitig wird die Nutzung des Internets als Informationsquelle für die politische Bildung immer mehr in den Vordergrund rücken. Dabei spielen die Eigenschaften des Mediums selbst eine Rolle, die es gegenüber anderen Medien auszeichnen, nämlich "seine Aktualität, die Authentizität des Materials, seine Möglichkeiten zur Kooperation". Es wird zu beachten sein, dass die Informationsbeschaffung nicht immer leicht ist. "Das WWW ist ein riesiger, kaum zu durchschauender Informationsdschungel (...). Vor allem ausführliche Informationen zu Politik und politischer Bildung führen in dem Datenmeer eher ein Nischendasein, denn das Netz ist größtenteils ein Markt- und Spielplatz der Werbung und des Kommerzes, weniger ein breites politisches Forum, an dem sich viele beteiligen." Dennoch ist es möglich, das Internet als Informationsquelle zu nutzen. Allerdings ist es wie beim traditionellen Gang in die Bibliothek auch hier von Bedeutung, auf eine sinnvolle Suchstrategie zurückzugreifen bzw. diese überhaupt erst zu erlernen.
Damit wird die Vermittlung von Medienkompetenz als "Basisqualifikation eines demokratischen Bürgers" auch für die politische Bildung unverzichtbar. Medienkompetenz ist dabei Teil der Methodenkompetenz, "um sich selbst politische Sachverhalte, politische Probleme sowie politische Entscheidungen und ihre Folgen erschließen zu können. Dazu gehört auch, sich selbständig und gezielt über Massenmedien und neue Medien Informationen zu beschaffen, auszuwählen und kritisch zu bearbeiten".
Was bedeutet Medienkompetenz für die politische Bildung? Obwohl er in der Literatur breit diskutiert wurde, erweist er sich als dehnbarer Begriff, über dessen Bedeutung für die politische Bildung kaum Klarheit herrscht. Ulrich Sarcinelli hat dargelegt, dass Medienkompetenz auch eine politische Kategorie ist. Er vertritt den Standpunkt, dass politische Bildung nicht den Fehler machen sollte, "alles, was irgendwie mit Medien zu tun hat, zu ihrem Aufgabenbereich zu erklären. Politische Bildung ist keine Medienpädagogik, so wichtig medienpädagogische Elemente für die politische Bildungsarbeit sein können. Gegenstand der politischen Bildung ist die Politik". Medien sind für die politische Bildung nicht nur deshalb von Interesse, weil sie die Schlüsselinstanz der Politikvermittlung sind. Vielmehr haben sie sich insofern selbst zu einem Teil des Politikprozesses entwickelt, als die Medien nicht mehr nur "Medium", sondern auch "Faktor" gesellschaftlicher und politischer Entwicklung geworden sind. In diesem Sinne lässt sich Medienkompetenz in der politischen Bildung folgendermaßen beschreiben: Sieht man die Medien als politischen Faktor der Gesellschaft an, so gilt für die Vermittlung politikrelevanter Medienkompetenz zum einen der Systembezug im Sinne von Stellen der Politikvermittlung, zum anderen der Bürgerbezug, wonach Medienkompetenz als Basisqualifikation demokratischer Bürgerkompetenz zu begreifen ist.
Über diesen von Sarcinelli dargelegten Aspekt von Medienkompetenz in der politischen Bildung hinaus muss aber auch festgehalten werden, dass Medienkompetenz als Grundqualifikation, als Kulturtechnik in der entstehenden Wissensgesellschaft durchaus Aufgabe der politischen Bildung sein muss. Diese kann sich nicht dem allgemeinen Bildungsziel der Medienkompetenz entziehen, welche die Wissensgesellschaft mit sich bringt. Die politischen Informationen, auf die weltweit in Sekundenbruchteilen zugegriffen werden kann, bedürfen einer Einordnung, Verarbeitung und kritischen Reflexion. Aufgabe der politischen Bildung muss es sein, hier Unterstützung zu leisten. |
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10. Februar 2012
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Online-Angebot |
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Politische Bildung Online
Die Plattform fasst die Internet-Angebote der Bundeszentrale und der Landeszentralen für politische Bildung zusammen, um sie einem breiten Internet-Publikum zur Verfügung zu stellen. |
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