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Schriftenreihe (Bd. 382)
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Die Zensur als technischer Defekt |

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Lorenz Lorenz-Meyer
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Das Internet ist reich an Mythen und Legenden. Doch mit etwas Glück findet sich dort auch zu jeder Mystifikation ein Aufklärer, der sie ins rechte Licht rückt. Berühmt sind die Netzarchive mit Fakten zu den "Urban Legends" (wie die "Spinne in der Yucca-Palme"). Wenn man aber bei http://www.urban legends.com nach dem Stichwort "John Gilmore" sucht, wird einem kein Treffer angezeigt.
Dabei hat John Gilmore das Netz mit einem seiner hartnäckigsten Mythen versorgt. Bereits im Jahr 1993 zitiert das Time-Magazine den US-Informatiker mit dem Satz: "The Net treats censorship as a defect and routes around it." Auf Deutsch: "Das Netz behandelt Zensur als einen Defekt und umgeht sie." Kaum ein Satz in Sachen Internet ist so oft zitiert worden, kaum einer ist mit einer solchen Inbrunst und Hoffnung geglaubt worden.
Der vordergründige Optimismus hat jedoch auch Züge vom wohl bekannten Pfeifen im Walde. Denn das Internet ist in Wahrheit ebenso wie jedes andere Medium von der Zensur bedroht – vielleicht mehr noch als die anderen, denn es ist jung, und in jungen Medien werden immer Dinge erprobt, Grenzen ausgestestet, und das provoziert Reaktionen.
Natürlich sind es die "üblichen Verdächtigen", die in ihrer Kontrolle missliebiger Daten am weitesten gehen: Die Volksrepublik China oder der Sauberstaat Singapur beispielsweise setzen ebenso wie die Herrscher von Saudi-Arabien komplexe Filtersysteme ein, um ihre Untertanen vor kritischen oder vermeintlich unmoralischen Inhalten abzuschirmen.
Das Thema Zensur im Internet ist also längst nicht abgehakt und erledigt. Im Gegenteil: Alle paar Monate werden neue Fälle bekannt, in denen Regierungen versuchen, Einfluss zu nehmen auf die Inhalte, die in den Leitungen des Netzes übertragen werden. Und es sind nicht nur autoritäre Regimes wie China, Singapur oder Saudi-Arabien, die einen freien Datenfluss behindern. Auch moderne Demokratien wie Australien, die USA oder die Bundesrepublik Deutschland sind wiederholt mit Kontrollmaßnahmen in die Diskussion geraten. |
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10. Februar 2012
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