Zustimmung und Widerstand im Nationalsozialismus
Wolfgang Benz
30.4.2003
Fast hunderttausend Soldaten sammeln sich im September 1937 in der Nürnberger Luitpoldarena: Zwischen 1933 und 1938 fand auf dem Gelände jedes Jahr der Reichsparteitag statt. (© AP)Einleitung
Widerstand gegen fremde Eroberer, gegen feindliche Besatzung im eigenen Land gilt als notwendig, moralisch gerechtfertigt und gehört zu den patriotischen Pflichten. So hatten die Männer und Frauen, die gegen die deutsche Herrschaft überall in Europa während des Zweiten Weltkrieges kämpften, selbstverständlich die Zustimmung und den Beifall der meisten ihrer Landsleute, während die Kollaborateure mit dem nationalsozialistischen Regime verachtet wurden. Mit ihnen wurde nach dem Krieg ohne Erbarmen abgerechnet, in Norwegen und Frankreich ebenso wie in den Niederlanden oder in anderen Ländern Europas.
Ganz anders verhielt es sich mit dem Widerstand in Deutschland selbst. Die Nationalsozialisten hatten bei ihrem Machtantritt 1933 zwar keineswegs die Mehrheit der deutschen Wähler hinter sich, aber sie wußten durch Propaganda und durch eine raffinierte Herrschaftstechnik, die Lok-kung und Zwang höchst wirkungsvoll verband, sowohl Gegner und Oppositionelle - das waren Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberale und andere Demokraten - als auch ihre anfänglichen Verbündeten und Machtteilhaber - die Konservativen - auszuschalten. Die Mehrheit des Volkes konnten die Nationalsozialisten rasch für ihre Ziele begeistern. Die Erfolge in der Außenpolitik, die Scheinerfolge in der Wirtschafts- und Sozialpolitik und der innere Frieden, der bis über den Beginn des Zweiten Weltkrieges hinaus im Deutschen Reich zu herrschen schien, bestätigten die Nationalsozialisten und festigten ihre Herrschaft. Daß die Gegner des Regimes in Konzentrationslagern und Gefängnissen verschwanden oder emigrieren mußten, berührte viele Menschen, die der NS-Herrschaft insgesamt oder teilweise zustimmten, wenig.
Entscheidend für den Erfolg und die Stabilisierung des Regimes war auch, daß die bürgerlichen Parteien, die Mehrheit der Sozialdemokraten und der Gewerkschafter sich überrumpeln ließen und der Auflösung und dem Verbot ihrer Organisation im Sommer 1933 keinen Widerstand entgegensetzten. Obwohl prominente Vertreter der Sozialdemokratie, der Gewerkschaften und des politischen Katholizismus (Zentrum und Bayerische Volkspartei) in Gefängnissen und in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, verhielt sich die Mehrheit der Mitglieder abwartend und passiv. Der Rückzug ins Private oder in die "innere Emigration" (eine Haltung der Nichtbeteiligung, stiller Abwehr und Verweigerung) erschien auch vielen Regimekritikern als einziger Ausweg. Angesichts des Denunziantentums und der Möglichkeiten zum Terror, die der Staat schließlich in Händen hatte, konnte man dem einzelnen auch kaum einen Vorwurf machen. Viele gaben sich außerdem der trügerischen Hoffnung hin, die NS-Herrschaft könne nicht lange dauern - wegen des Dilettantismus ihrer Funktionäre, wegen der überspannten außen- und militärpolitischen Ziele, wegen des Auslands, das die Provokationen und die Exzesse der Nationalsozialisten nicht endlos hinnehmen werde. Als diese Illusion sich als trügerisch erwies, hatten die Nationalsozialisten längst alle öffentlichen Einrichtungen nach ihrem Willen umgebaut oder beseitigt, den Rechtsstaat zerstört, einen Herrschaftsapparat aufgebaut, der als Staat im Staate funktionierte, mit eigenen Ausführungsorganen wie der Schutzstaffel (SS), der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), dem System der Konzentrationslager, womit sie ihre Gegner einschüchtern, einsperren und vernichten konnten.
Nach zwölf Jahren war die Herrschaft der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) durch die militärische Niederlage des Deutschen Reiches beendet. Europa lag in Trümmern, Millionen Tote waren zu beklagen, auf den Schlachtfeldern, unter der Zivilbevölkerung und als Opfer der Verbrechen und Mordaktionen des nationalsozialistischen Regimes: sechs Millionen Juden, Hunderttausende Sinti und Roma, die dem Rassenwahn geopfert wurden, Oppositionelle, sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus vielen Nationen, Behinderte, Angehörige unerwünschter Minderheiten, als "Assoziale" denunzierte Menschen, Homosexuelle.
Erklärungsversuche
Schon in den dreißiger Jahren, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg, suchte die Welt nach Erklärungen für die Haltung der Deutschen, die dies alles, wenn nicht gewollt oder gebilligt, so doch hingenommen hatten, die dem "Führer" Adolf Hitler mindestens äußerlich bis zum Untergang die Treue gehalten hatten. Die Deutschen seien aufgrund ihres Charakters und ihrer Geschichte - so einer der Erklärungsansätze - besonders autoritätsgläubig veranlagt, zur Demokratie unfähig und daher bereit zur Unterordnung unter einen Führer, gleichzeitig aber gierig, sich als Herrenmenschen über andere Völker zu erheben, Deutschland zur Großmacht zu machen, kurzum, alle Deutschen seien Nazis gewesen und fanatische Anhänger Hitlers: Das glaubten viele Menschen in aller Welt, als die Verbrechen der Hitlerregierung offenkundig wurden.
Sich rechtfertigend und den pauschalen Vorwurf abwehrend, zogen sich Deutsche in großer Zahl auf die Entschuldigung zurück, man habe nichts gewußt und auch nichts machen können. Konzentrationslager oder Verurteilung durch Sondergerichte oder Schlimmeres habe jedem gedroht, der sich nicht angepaßt habe. Deutschland und die Deutschen seien die ersten Opfer von Hitler und seinem Unrechtsregime gewesen, lautete die Rechtfertigung. Tatsächlich brauchte es aber Zeit, das Terrorsystem aufzubauen und den Rechtsstaat zu beseitigen. Diese Zeit hatten die Nationalsozialisten zur Verfügung, weil sie lange auf die wachsende Begeisterung einer Mehrheit deutscher Bürger bauen konnten.
Die Wahrheit über die deutsche Haltung ist komplizierter. Die Deutschen sind keineswegs aus Veranlagung anfällig für rechtsextreme Programme und Ideologien. Sie waren aber auch nicht ohnmächtige Opfer nationalsozialistischen Terrors. Es gab vielfältige Haltungen von Verweigerung, Opposition und Widerstand, aber es gab auch, selbst bei Regimekritikern und entschiedenen Hitlergegnern, Übereinstimmungen in den Zielen und Loyalitäten gegenüber Vorgesetzten. Insbesondere lebten viele in Gewissenskonflikten: durfte man den Kampf gegen die eigene Obrigkeit führen, während das Vaterland bedroht war? Mußte man nicht nach außen hin zusammenstehen? Aus diesem Dilemma kamen die meisten Offiziere nicht heraus, die Hitler und die Nationalsozialisten verachteten, aber glaubten, dem äußeren Feind gegenüber ihre Pflicht tun zu müssen.
Der Historiker Hans Mommsen kommt zu dem Schluß: "Die große Masse der Staatsbürger war bereit, dem Kabinett Hitler einen Vertrauensvorschuß einzuräumen, was sich bald als verhängnisvoll erwies. Die Vorstellung, das System von innen reformieren zu können, hielt sich auch bei den oppositionellen Gruppen ungewöhnlich lang. Der bürgerliche Widerstand stand zum Dritten Reich in einem Verhältnis gebrochener Loyalität, er lehnte dessen innenpolitische Methoden ab, stimmte aber in manchen außen- und militärpolitischen Zielsetzungen überein." Weil ihnen die Werte "Freiheit" und "Demokratie" weniger galten als die Hoffnung auf eine Großmachtstellung Deutschlands, nahmen die Deutschen das NS-Regime hin, auch wo sie es mißbilligten: "Nicht überlegene Manipulation und Herrschaftstechnik, sondern mangelnde Widerstandskraft der deutschen Gesellschaft gegen die Zerstörung der Politik ist die entscheidende Ursache der deutschen Katastrophe." (Hans Mommsen)
Hilfsdienste
Neuere Ergebnisse eines Forschungsprojekts haben noch bittere Wahrheiten über das "Dritte Reich" zutage gefördert. Die Gestapo war gar nicht das allmächtige und allgegenwärtige Instrument des Terrors, das jederzeit und überall Regungen des Widerstandes erstickte und Oppositionelle vernichtete. Die Historiker Klaus-Michael Mallmann und Gerhard Paul ziehen nach gründlichen Studien über Herrschaft und Alltag im Saarland das Fazit: "Ohne das Heer der freiwilligen Zuträger aus der Bevölkerung und Verwaltung wäre die Gestapo nahezu blind gewesen. Und ohne die Amtshilfe durch Kriminalpolizei, Schutzpolizei und Gendarmerie hätte sie die ihr aufgetragenen Funktionen nicht erfüllen können [...] Die Gestapo bildete zwar die letzte Instanz, war aber in den wenigsten Fällen die treibende Kraft. Sie verhörte, selektierte, entschied, deportierte, verwarnte; zu selbständigen Recherchen aber war sie kaum in der Lage. Die breite Kollaboration mit dem Regime, die gesellschaftliche Akzeptanz des Terrors hoben diese Defizite auf und verschafften der Gestapo viele Ohren, gerade auch im Umfeld der Regimegegner."

