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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 12/2001)

Fortgesetzte Umweltzerstörung in Lateinamerika trotz des Diskurses der nachhaltigen Entwicklung?


Hugo C. F. Mansilla
Inhalt

I. Die augenblickliche Lage

II. Die Zerstörung des tropischen Regenwaldes

III. Eine vorläufige Interpretationsskizze

IV. Umweltfragen und ethnische Aspekte

V. Die öffentliche Verwaltung und der Diskurs der Nachhaltigkeit

VI. Das Verhalten der Privatunternehmer

II. Die Zerstörung des tropischen Regenwaldes
Zur Zeit bringen die neuen Formen von Erzgewinnung - vor allem im tropischen Norden Brasiliens - ebenfalls die Vernichtung von Wald und Busch mit sich, in einem Rhythmus, der in früheren Zeiten unvorstellbar gewesen wäre [3] . Das heißt: Heutzutage hält die rasch zunehmende Zersetzung des tropischen Regenwaldes trotz lokaler Umweltschutzprogramme und zahlreicher diesbezüglicher Ämter unvermindert an. Dies stellt höchstwahrscheinlich das schwerstwiegenste ökologische Problem Lateinamerikas dar [4] : Nicht nur wegen des Verlustes eines einzigartigen, für das weltweite Klimagleichgewicht unerläßlichen Ökosystems, sondern auch deshalb, weil die Abholzung der Urwälder sehr selten dauerhaft produktives Agrarland hergibt; die "erschlossenen" Flächen verwandeln sich oft unumkehrbar in öde Steppen oder Wüsten.

Der Druck auf die tropischen Gebiete geht in letzter Instanz auf das kontinuierliche Bevölkerungswachstum und die Inwertsetzung natürlicher Ressourcen zurück. Die sozioökonomische Notwendigkeit, ländliche Arbeitskräfte zu absorbieren, die Nahrungsmittelproduktion gewaltig zu steigern und die Holzgewinnung zu sichern sowie neue Mineral- und Erdölvorkommen zu finden, haben sämtlich zur Expansion der Agrargrenze, zum Bau von Straßen und Siedlungen und somit zur beschleunigten Waldrodung geführt. Dieses Phänomen ist deshalb so folgenreich, weil die Vernichtung tropischer Wälder die Auslöschung eines bedeutsamen Teils der Biodiversität mit sich bringt; die Stabilität des Weltklimas ist bekanntlich mit diesem Ökosystem aufs engste verbunden [5] . Dabei ist zu berücksichtigen, dass unter den natürlichen Ressourcen, die von Entwicklungsländern exportiert werden, Holz im Allgemeinen und Edelhölzer im Besonderen zu den Produkten gehören, die - berechnet in konstanten Preisen für die Zeitspanne 1948-2000 - eines der besten finanziellen Ergebnisse erzielen, wesentlich besser als mineralische Rohstoffe, Nahrungsmittel, Textilien, Kautschuk und Tabak [6] . Man kann deshalb den Druck verstehen, der auf eine schnellere und systematischere Ausbeutung der tropischen Regenwälder drängt, und warum so wenige Bevölkerungssektoren einem effektiveren Schutz dieser Ökosysteme unterstützen.

Die hier skizzierten Gründe für die Vernichtung der Wälder, die hauptsächlich auf die Ausdehnung der Agrargrenze und die Ausbeutung von Holz als einer exportierbaren Ressource zurückgehen, gelten vornehmlich für Brasilien, Mittelamerika und den Andenraum und weniger für Länder wie Argentinien und Uruguay. Das Ausmaß der Waldzerstörung in Brasilien und Bolivien erreichte in den letzten Jahren extremen Umfang: Nach einem Bericht des World Resources Institute und der Interamerikanischen Entwicklungsbank ist Brasilien jährlich für eine Waldvernichtung verantwortlich, die 28 Prozent der weltweiten Fläche an Regenwäldern umfasst (Bolivien für 7,2 Prozent). Im Weltmaßstab sind beide Länder zur Zeit die größten Waldzerstörer. Laut Angaben des amtlichen brasilianischen Bundesinstituts für Raumforschung (INPE) können (Ende 1997) 517 069 qkm Waldfläche allein im brasilianischen Amazonasgebiet als vernichtet und abgebrannt gelten (10,34 Prozent der Gesamtfläche des Amazonasregenwaldes). Diese Angabe schließt die "reguläre", d. h. von staatlichen Stellen genehmigte Abholzung und die Rodung außerhalb des eigentlichen Amazonasbeckens nicht ein (jährlich rund 11 000 qkm). Nach derselben Studie wurden jährlich zwischen 1978 und 1988 durchschnittlich 21 130 qkm Wald gerodet (das entspricht ungefähr der Fläche Belgiens); ab 1995 beträgt die durchschnittliche Abholzungsfläche 29 059 qkm (mit eindeutig steigender Tendenz) [7] . Mexiko verfügt über viel kleinere bewaldete Flächen als die südamerikanischen Länder, aber der Rhythmus der Waldzerstörung ist dort ebenfalls sehr hoch. Laut amtlichen Angaben wurden 1997 durch nicht genehmigte Rodung und Brände rund 800 000 ha Wald und Busch zerstört; allein von Anfang Januar bis Ende Mai 1998 wurden 380 000 ha Wald durch "unkontrollierbare" Flächenbrände vernichtet.

In den Jahren seit dem Rio-Gipfel von 1992 hat der Privatisierungsprozess der Wälder eine spürbare Beschleunigung erfahren, wenn auch oft unter der Modalität der Konzession (Verleihung übertragbarer Nutzungsrechte). Besonders gravierende Waldbrände riesigen Ausmaßes sind seitdem in fast allen Ländern Lateinamerikas festzustellen. Es wäre unbegründet, einen obligatorischen Kausalzusammenhang zwischen Privatisierung und vermehrter Waldvernichtung herzustellen. Es wäre aber ebenso naiv, jegliche Verbindung zwischen beiden Phänomenen abzustreiten. Im August/September 1998 verbrannten beispielsweise Tausende von Quadratkilometern Wald und Busch im Bundesstaat Mato Grosso (Südwestbrasilien), in einer Zone, in der die "Erschließung wilder Landstriche" jetzt erste Priorität genießt, und zwar für die Beschaffung von Grasland zwecks extensiver Viehzucht. Zwischen Februar und April 1998 wütete das Feuer im Bundesstaat Roraima, an der Grenze zu Venezuela: 3,3 Millionen ha Wald und Buschland wurden in kurzer Zeit unwiederbringlich zerstört [8] .

Interessant ist in diesem Zusammenhang der bolivianische Fall, weil dort die Waldrodung relativ spät anfing (nach 1975), dann aber eine exponentiell zunehmende Beschleunigung durchgemacht hat. Laut einer halbamtlichen Berechnung wurden um 1980 durchschnittlich 90 000 ha Regenwald pro Jahr abgeholzt; 1990 waren es bereits 170 000 ha, und 1997 zwischen 525 000 und 750 000 ha. Nach einer offiziellen Berechnung erreichte die Waldrodung 1993 nur 80 000 ha, 1994 ca. 90 000 ha und 1997 rund 168 000 ha [9] . Nach Angaben des damaligen Ministers für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt, Erick Reyes Villa, befanden sich 1998 bereits 41 Prozent der Gesamtfläche Boliviens (rund 450 000 qkm!) im Prozess einer unumkehrbaren Desertifikation, hauptsächlich wegen der Zerstörung des Vegetationsmantels (Wald- und Buschbrand in allen Varianten). Ein immer noch gültiges Waldgesetz von 1997 verbietet in Bolivien alle Wald- und Buschbrände, die nicht ausdrücklich und schriftlich von den zuständigen Behörden genehmigt worden sind; die Erlaubnis soll nur ausnahmsweise erteilt werden, wenn ein nachgewiesenes öffentliches Interesse dafür besteht. Einfache Bauern und mächtige übernationale Konzerne verwenden gleichermaßen die Brandrodung seit Jahrzehnten, ohne sich im geringsten um die völlig unbekannte gesetzliche Regelung zu kümmern. Regierungsstellen strengen sich freilich nicht übermäßig an, diese Bestimmung bekannter zu machen. Laut amtlichen Angaben ließen sich bereits 1995 in Bolivien 36 000 Waldbrände feststellen, die nicht auf "natürliche Ursachen" zurückzuführen sind. Derselbe Minister für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt gab zu, dass das relativ fortschrittliche bolivianische Gesetz zum Umweltschutz, das vom Parlament 1992 verabschiedet wurde, noch nicht in der alltäglichen Praxis angewandt werden könne, weil seit 1992 alle Durchführungsbestimmungen fehlten.
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09. Februar 2012
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Inhalt
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Umweltpolitik und Nachhaltigkeit
Editorial
Von der ökologischen Sicherheit zum nachhaltigen Frieden?
Umweltpolitik und nachhaltige Friedenspolitik
Krisenprävention in einer gewaltträchtigen Welt. Was kann europäische und deutsche Entwicklungspolitik leisten?
Umweltflüchtlinge. Ursachen und Lösungsansätze
Fortgesetzte Umweltzerstörung in Lateinamerika trotz des Diskurses der nachhaltigen Entwicklung?
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