Zusammenfassend kann behauptet werden, dass dem Erschließungsprozess tropischer Gebiete folgende Konstanten zugrunde liegen:
- Bescheidene, aber systematische und kontinuierliche Verbesserungen im Bereich öffentlicher Gesundheitsfürsorge seit etwa 1940/1950 haben in ganz Lateinamerika, insbesondere im Anden-raum, zu einem gewaltigen demographischen Schub geführt, sodass von einer wahrhaften Bevölkerungsexplosion in wenigen Jahrzehnten gesprochen werden kann. Zudem weisen seit langem die Agrarböden im andinischen Hochland Erschöpfungs- und Erosionserscheinungen großen Ausmaßes auf. Die immer größer werdende Landflucht erzwingt die Erschließung tropischer Gebiete, zumal sie als menschenleer und leicht nutzbar gelten. Es kommt hinzu, dass die exponentiell gewachsene städtische Bevölkerung ein kaum zu befriedigendes Bedürfnis nach Nahrungsmitteln entfaltet hat, dem die Landwirtschaft in den höher gelegenen Zonen des Andenraums nicht genügen kann.
- Nach dem allmählichen Niedergang des klassischen Bergbaus ist die Holzgewinnung eine wirtschaftlich sehr lukrative Tätigkeit geworden, vor allem wegen der uneingeschränkten Nachfrage der Industrienationen nach Edelhölzern. Schließlich ist das neue Wirtschaftsmodell, das alle Regierungen der Region befolgen, stark exportorientiert: Heutzutage stellt Holz eine der wenigen in Lateinamerika gewonnenen Ressourcen dar, die gute bis ausgezeichnete Preise auf dem Weltmarkt erzielen. Wenn ein Produkt einerseits Devisen für das Land und Profit für den Unternehmer einbringt und andererseits zahlreiche Arbeitsplätze schafft, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass irgendeine Regierung aus ökologisch-konservierenden Gründen die tropischen Regenwälder wirksam beschützen würde.
- Ferner muss bedacht werden, dass der effektive politische Wille, der Zerstörung des Regenwaldes energisch Einhalt zu gebieten, kaum vorhanden ist. Hierfür sprechen mehrere Gründe, die in ganz Lateinamerika ähnlich sind: das relativ niedrige kulturelle und informative Niveau der hohen Bürokratie, eine lückenhafte und widerspruchsvolle Gesetzgebung und hauptsächlich der Druck der politisch mächtig gewordenen Interessenverbände der Holzindustriellen und der entsprechenden Gewerkschaften.
- Des Weiteren darf nicht verkannt werden, dass in weiten Teilen Lateinamerikas Brandrodung und Brandstiftung als übliches Verfahren gilt, um Neuland für Landwirtschaft, Viehzucht und Erzförderung zu gewinnen. Alle Gesellschaftsschichten befürworten, wenn auch diskret, die Brandrodung, ohne sich Gedanken über die langfristigen Konsequenzen zu machen. Die Menschen, die sich um ökologische Probleme kümmern oder gar an die Rechte der Natur denken, bilden eine kleine Minderheit (Urwaldindianer, kritische Intellektuelle, aufgeklärte Bürokraten), welche kein politisches Gewicht besitzt. Dieser Tatbestand hat eine lange Vorgeschichte. "Brandrodung ist die Technik", schrieb Jürgen Schübelin, "mit der seit dem Eindringen der Europäer in die Waldgebiete des gesamten Kontinents, von Zentralamerika bis Patagonien, versucht wird, Ackerland zu erschließen . . .". Diese Methode genießt "trotz aller durch sie verursachten Katastrophen und Tragödien ungebrochene Popularität"
. Umsonst haben seit langer Zeit Agrarwissenschaftler darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Verfahren alles Leben (einschließlich der natürlichen Düngemittel) zerstört und damit die durchschnittliche Bodenfruchtbarkeit stark einschränkt. Zwar wird nach wenigen Jahren die ausgesprochen dünne Humusschicht weggeschwemmt, die physische Größe der tropischen Gebiete täuscht aber einen Überfluss an leerem Land vor, sodass sich die Bauern und Viehzüchter einfach das nächste Stück Wald zur Brandrodung vornehmen. Nach wie vor weist die brasilianische Bundesbehörde für Kolonisierung und Agrarreform (INCRA) die in tropischen Gegenden neuangesiedelten Bauern und Landarbeiter an, Wald so schnell wie möglich zu roden, um Agrarflächen zu gewinnen
. In anderen Staaten mit tropischen Regionen dürfte die Lage ähnlich sein.
- Schließlich muss auf die Korruption bei denjenigen Behörden aufmerksam gemacht werden, die einerseits Waldkonzessionen zu erteilen haben und andererseits die gesetzliche Kontrolle über die Einhaltung der Umweltschutzauflagen ausüben. Im relativ gut dokumentierten bolivianischen Fall kann man davon ausgehen, dass die in Frage kommenden Behörden (Centros de Desarrollo Forestal) zu den staatlichen Instanzen gehören, bei denen ein überdurchschnittliches Maß an Bestechlichkeit festgestellt wurde. Durch verhältnismäßig kleine Beträge und gute politische Verbindungen kann man ausgedehnte Landflächen als Konzession zur Holzgewinnung erhalten; mittels noch kleinerer Summen kann man sich jegliche unbequeme Kontrolle seitens jener Behörden ersparen. |
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