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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 12/2001)
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Fortgesetzte Umweltzerstörung in Lateinamerika trotz des Diskurses der nachhaltigen Entwicklung? |

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Hugo C. F. Mansilla
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IV. Umweltfragen und ethnische Aspekte |
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Um die tatsächliche Bedeutung zu verstehen, die in der Praxis den legalen Statuten von Umweltschutz und Naturreservaten sowie der populär gewordenen Theorie der nachhaltigen Entwicklung zukommt, muss man das Verhältnis von ethnischen Fragen und ökologischen Problemen streifen.
Bei der Erschließung und Inwertsetzung des tropischen Regenwaldes stößt man auf eine ethnisch-kulturelle Minderheit, die von jeher in diesen Gebieten lebt und ein Anrecht besitzt, ihre Kultur gemäß eigenständigen Normen zu entfalten und ihr Habitat, also ihren Lebensraum, nach eigenem Gutdünken weiter zu nutzen. Die Erschließung und Besiedlung dieser tropischen Regionen erzeugt somit nicht nur sozioökonomische Probleme, sondern auch eine ethnische Komponente, deren Folgen noch nicht klar abzusehen sind. Die Ethnien des tropischen Regenwaldes - im Gegensatz zu allen Einwanderern, einschließlich derjenigen indianischen Ursprungs - haben ein existenzielles und vitales Interesse an der Erhaltung ihrer angestammten Ökosysteme, da ihr bisheriger Lebensstil von der Erhaltung dieses fragilen Habitats vollkommen abhängig ist. Einige dieser Ethnien sind bereit, ihre Kultur gewaltsam zu verteidigen.
Vertreter einer romantisierenden Sicht, die bei Sozialwissenschaftlern nicht selten auftritt, tendieren dazu, die Lebens- und Arbeitsweise der Urwaldindianer zu verklären und ihnen ein total ökologiefreundliches Verhalten gegenüber ihrer Umwelt zuzuschreiben. Darüber hinaus neigen sie dazu, die umweltangepasste Lebensweise einiger Urwaldethnien (Tieflandindianer) auf die gesamte indianische Bevölkerung des jeweiligen Landes auszudehnen. Die übergroße Mehrheit der indianischen Gruppen Lateinamerikas - in Mexiko, Guatemala und im Andenraum - besteht jedoch aus so genannten Hochlandbewohnern, die den ökologiefreundlichen Umgang mit der Natur, die ihre Vorfahren pflegten, längst aufgegeben haben und inzwischen Formen von Landwirtschaft und Viehzucht betreiben, die umweltschädlich sind.
In einigen Ländern wie Brasilien, Peru, Bolivien und Ekuador haben politisierte und radikalisierte Bewegungen der Tieflandindianer wiederholt Proteste angemeldet: zum einem gegen die unaufhörliche Ausdehnung der Agrargrenze durch starke Binnenwanderungen bäuerlicher Herkunft und zum anderen gegen die Prospektion und Gewinnung natürlicher Ressourcen, insbesondere Holz und Mineralien. Diese Ethnien beklagen auch die Tatsache, dass die entsprechenden Regierungen bereits unterzeichnete Abkommen zum Schutz der indianischen Territorien und der Naturreservate nicht einhalten und vielmehr die wirtschaftliche Inwertsetzung dieser Zonen unter der Hand stark fördern. Im Andenraum sind es Bauern und Landarbeiter aus den Hochlandethnien, die größtenteils den Einwanderungsstrom in die tropischen Zonen bilden. Die Ausdehnung der Agrargrenze und die Erzgewinnung bewirken letztlich die Rodung des Urwaldes und die Zerstörung des natürlichen Habitats der indianischen Urwaldethnien; sie rufen gleichzeitig Entwicklungen wie Straßenbau, Inwertsetzung anderer natürlicher Ressourcen und Erlangung zusätzlicher Agrarflächen hervor, welche die überwältigende Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung als Zeichen eines ebenso notwendigen wie unvermeidlichen Fortschritts ansehen.
Eine nüchterne Betrachtung der Praktiken der Tieflandindianer Brasiliens und des Andenraumes vereitelt deren Idealisierung. Es ist anzunehmen, dass sie am Modernisierungsprozss teilnehmen und den bestmöglichen finanziellen Vorteil daraus ziehen wollen. Die organisierte Bewegung der Tieflandindianer Brasiliens, Boliviens und Perus scheint in den letzten Jahren schwächer geworden zu sein, weil die Holzkonzerne die entsprechenden Führungsgruppen am Betriebsgewinn beteiligt haben. Dieses einfache Bestechungsverfahren erwies sich als erfolgreich. Ein Teil dieser Urwaldindianer sind dazu übergegangen, stillschweigend eine Übereinkunft mit den Holzindustriellen zu schließen: Sie lassen die Rodung auf ihren Territorien zu und erhalten einen finanziellen Anteil am Verkauf des Holzes, und die Privatunternehmer müssen keine Steuern und Abgaben an den Staat entrichten
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In einigen Ländern Lateinamerikas ist der Umweltschutz waldbedeckter Gebiete angesichts des knapp gewordenen Agrarbodens auch bei anderen indianischen Ethnien unpopulär, insbesondere bei den bäuerlichen Bevölkerungssektoren hochgelegener Gebiete. Eine der ständigen Forderungen der Bauernvereinigungen gegenüber allen Regierungen zielt auf die Aufhebung des gesetzlichen Verbots, in den - wenigen vorhandenen - Nationalparks und ökologisch geschützten Zonen eine wirtschaftliche Tätigkeit (wie Waldrodung, Bestellung der Felder, Anlage von Plantagen) auszuüben. Immer wieder kommen die Bauernvertretungen und die zuständigen Behörden zu einem vorläufigen Arrangement, nach dem der legale Status der Nationalparks pro forma aufrechterhalten wird, die Existenz aber und die Arbeitsweise der bereits bestehenden Bauernsiedlungen (einschließlich Koka-Plantagen) innerhalb der Nationalparks weiterhin und auf unbestimmte Zeit geduldet werden. Dasselbe gilt für die Aktivitäten der Holzindustrie innerhalb der Naturreservate. In einigen Nationalparks haben Privatunternehmer seitens der diesbezüglichen Behörde die "legale" Erlaubnis erhalten, Holz unbegrenzt zu schlagen. In den meisten lateinamerikanischen Ländern gibt es Nationalparks und rechtlich geschützte Naturreservate, in denen Einwanderung, ökonomische Tätigkeit und Waldrodung verboten sind. Die meisten dieser Einrichtungen existieren wörtlich nur auf dem Papier: in der Regel werden sie landwirtschaftlich genutzt, ständige menschliche Ansiedlungen sind dort häufig anzutreffen und das Fällen von Bäumen geschieht ohne Unterlass und ohne Kontrolle.
Die illegale, aber von allen Regierungen ausnahmslos tolerierte Besetzung geschützter Bereiche seitens landloser Bauern, die pausenlose Ausbreitung der Agrargrenze und die sehr hohe Auswanderungsquote - meistens Richtung USA - lassen die Unhaltbarkeit der populären Vorstellung ans Licht kommen, dass der lateinamerikanische Subkontinent und seine tropischen Regionen im Wesentlichen menschenleere, ökonomische unausgenützte Flächen seien. Sogar gelehrte Publikationen von Umweltschutz-Sympathisanten legen den Schluss nahe, dass Nationalparks und gesetzlich geschützte Naturreservate "Räume ohne Einwohner" darstellen
: Aus ökonomischen und politischen Gründen sei es nun unerlässlich, mit diesem moralisch unhaltbaren Zustand der menschenleeren Zonen im Zeitalter des raschen Bevölkerungswachstums ein Ende zu machen.
In den meisten Ländern Lateinamerikas (mit Ausnahme einiger Staaten in Mittelamerika und im karibischen Raum) gibt es einen weiteren Aspekt dieser mit der ethnischen Frage verwandten Thematik. Indianische Gruppen, indigenistische Tendenzen und damit verbundene Intellektuelle hegen ein verständliches Misstrauen gegenüber Einwanderungsströmen jeglichen Ursprungs, da dadurch die schon arg lädierte Identität dieser Nationen noch mehr in Gefahr geraten könnte. Bei ihnen taucht sehr selten die Behauptung auf, dass Lateinamerika ein beinahe leerer Kontinent sei und dass die tropischen Zonen energisch besiedelt werden müssten. Die relativ niedrige Bevölkerungsdichte tropischer Gebiete wird als eine kulturell-historische Besonderheit der Tieflandindianer betrachtet, die als solche respektiert werden muss.
Die so genannte populäre öffentliche Meinung von Weißen und Mestizen, die sich nicht von kritisch-wissenschaftlichen Standpunkten beeinflussen oder gar irritieren lässt, hält an der klischeehaften Vorstellung fest, dass die lateinamerikanische Bevölkerung viel zu klein ausfalle, um die angeblich unermesslichen Naturreichtümer des leeren Subkontinents angemessen zu erschließen und zu nutzen. Demnach werden die Ureinwohner der Regenwälder keineswegs als vollwertige Menschen angesehen; man hält sie für unfähig, ihre Regionen nach westlichen Standards zu modernisieren. Eigentlich werden sie als ein Hemmnis für die Prospektion und Inwertsetzung der natürlichen Ressourcen betrachtet. Die Vorstellung von dünnbesiedelten Räumen resultiert aus dem mechanistischen Vergleich zwischen Peru und Israel oder Brasilien mit Holland, wobei unausgesprochen der Bevölkerungsdichte Israels und der Niederlande eine normative und deshalb nachahmenswerte Gültigkeit zugeschrieben wird.
Vertreter dieser Meinung übersehen die Tatsache, dass ein erheblicher Teil Lateinamerikas aus Wüsten, Steppen, Bergland und Urwald besteht, d. h. aus Regionen, die kaum zu bewohnen oder agrarisch zu nutzen sind oder nur um den Preis einer ausgedehnten, unumkehrbaren ökologischen Beeinträchtigung. Die Flächen, die sich sowohl für städtische Besiedlung als auch für intensive Landwirtschaft eignen, sind in Lateinamerika ziemlich knapp und fast alle bereits dicht bevölkert und agrarisch stark beansprucht. Paradoxerweise ist die agrarisch nutzbare Fläche in den meisten Ländern des Subkontinents eindeutig kleiner als beispielsweise in den Vereinigten Staaten oder Kanada, wenn man das tatsächlich landwirtschaftlich nutzbare Land je Kopf der Bevölkerung in Betracht zieht. Einen besonders deutliches Beispiel stellt Bolivien dar: Seine allgemeine Bevölkerungsdichte beträgt zur Zeit 7,2 Einwohner pro Quadratkilometer, aber die tatsächliche Dichte Boliviens in Bezug auf bewohnbares oder agrarisch nutzbares Land beträgt rund 100 Einwohner pro Quadratkilometer. |
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13. März 2010
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