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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 5-6/2010)

Agrarethik und Grüne Gentechnik - Plädoyer für wahrhaftige Kommunikation


Franz-Theo Gottwald
Inhalt

Einleitung

Rolle der Medien

Agrarethisches Plädoyer: mehr Wahrhaftigkeit

Grüne Gentechnik - Versprechen und Wirklichkeit

Für einen kommunikativen Neubeginn

Einleitung
Die ablehnende Haltung breiter Bevölkerungsschichten gegenüber der Grünen Gentechnik in Deutschland ist seit Jahren unverändert stark. Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Emnid im August 2009 ergab, dass 65 Prozent der Deutschen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in Lebensmitteln ablehnen. Nur sechs Prozent befürworten derartige Nahrungsmittel. Auffallend ist, dass selbst Wählerinnen und Wähler der wissenschafts- und fortschrittsliberalen FDP mit 60 Prozent mehrheitlich gegen Grüne Gentechnik und Hightech-Landwirtschaft eingestellt sind.[1] In einer Forsa-Umfrage für SlowFood im Mai 2009 sprachen sich sogar 78 Prozent der Deutschen gegen gentechnisch veränderte (gv) Lebensmittel aus.[2]

Zur Person
Franz-Theo Gottwald
Dipl.-Theol., Dr. phil., geb. 1955; Honorarprofessor für Umwelt-, Agrar- und Ernährungsethik an der Humboldt-Universität zu Berlin; Lehrbeauftragter für Politische Ökologie an der Hochschule für Politik, München; Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, Südliches Schlossrondell 1, 80638 München.
E-Mail: info@schweisfurth.de

Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit stellte in einer Umfrage im Juni vergangenen Jahres fest, dass in auffälliger Weise die Urteile über andere Einsatzgebiete der Gentechnik, etwa in der Medizin, in verschiedenen Bevölkerungsschichten differenziert ausfallen, während die Anwendung dieser Technologie speziell in der Landwirtschaft bei 74 Prozent der bayerischen Bevölkerung auf Ablehnung stößt.[3] Auch bei den Landwirten ist die Skepsis groß - mittlerweile gibt es deutschlandweit 190 gentechnikfreie Regionen, Kommunen und Initiativen.[4] Diese wohl größte landwirtschaftliche Basisbewegung der vergangenen Jahre begann 2004; seitdem beschließen Land- und Forstwirte in ganz Deutschland auf Grundlage freiwilliger Selbstverpflichtungserklärungen oder per Beschluss auf Bauernversammlungen, ihre Felder gentechnikfrei zu bewirtschaften.

Das lässt den Schluss zu, dass die Informationspolitik und die vielfältigen kommunikativen Bemühungen der Befürworter der Grünen Gentechnik - beispielsweise durch Roadshows oder Ausstellungen Aufklärung und Wohlwollen zu schaffen - weitgehend fehlgeschlagen sind. Im Gegenteil: Eine dezentral sich organisierende Gegenöffentlichkeit ist entstanden, die teils auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams (Feldbefreiungen) nicht nur Widerstand leistet, sondern auch Kommunikationsangebote seitens staatlich getragener Bildungseinrichtungen oder durch politiknahe Stiftungen ablehnt.

Die derzeitige kommunikative Lage kann mit einem Stellungskampf verglichen werden: Die Fronten sind festgefahren. Zwischen ihnen liegen Wissens-, Unsicherheits- und Wertekonflikte. Beide Seiten interpretieren die komplexen sachlichen Zusammenhänge unterschiedlich und erhalten so Wissenskonflikte aufrecht. Sie beschreiben und beurteilen Unsicherheiten unüberbrückbar unterschiedlich, die aufgrund mangelnder Erkenntnisse auftreten können, etwa hinsichtlich der Folgen von Patenten auf Leben. Gegner und Befürworter befinden sich in teils radikalen Wertekonflikten. Ihre weltanschaulichen oder moralischen Bewertungen von vorhandenem Wissen und Nicht-Wissen sind meist diametral entgegengesetzt.[5] In diesem Zusammenhang wird auch vom "Verlust des gesamten Sittenkodex" gesprochen.[6]
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10. Februar 2012
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