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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 20/2003)

Dynamik der demografischen Alterung, Bevölkerungs-Schrumpfung und Zuwanderung in Deutschland


Prognosen und Auswirkungen
Herwig Birg
Inhalt

I. Einführung

II. Die demographische Entwicklung Deutschlands im internationalen Vergleich

III. Prognose- und Simulations-rechnungen zur demographischen Zukunft Deutschlands

IV. Auswirkungen auf die Altersstruktur und das System der sozialen Sicherung

V. Auswirkungen auf den Anteil der Zugewanderten an der Bevölkerung und auf die Integrationsprobleme

VI. Auswirkungen der Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt, das Wirtschaftswachstum und das Pro-Kopf-Einkommen

VII. Auswirkungen der Zuwanderung auf das Ausbildungs- und Qualifikationsniveau

VIII. Generationenerneuerung durch Geburten oder Generationenersatz durch Migration?

IV. Auswirkungen auf die Altersstruktur und das System der sozialen Sicherung


In Deutschland laufen zwei Entwicklungen parallel: Die Zahl (nicht nur der Anteil) der über 60-Jährigen nimmt von 1998 bis 2050 um rd. 10 Mio. zu, gleichzeitig geht die Zahl der 20- bis 60-Jährigen um 16 Mio. zurück. Wir haben es also gleichzeitig mit einer Bevölkerungsexplosion der Älteren und einer Bevölkerungsimplosion der Jüngeren zu tun (Schaubild 5). Die Zahl der über 80-Jährigen wächst besonders schnell: von rd. 3 Mio. auf rd. 10 Mio. Es wird im Jahr 2050 so viele Menschen über 80 geben wie unter 20. Warum es möglich ist, seriöse Aussagen für so lange Zeiträume zu treffen, zeigt folgende Überlegung: Die 60-Jährigen und älteren im Jahr 2050 sind die 13-Jährigen und älteren, die heute unter uns leben.

Am Ende des 20. Jahrhunderts hatte die Bevölkerung in Deutschland noch eine vergleichsweise günstige Altersstruktur. Das Verhältnis aus der Zahl der 60-Jährigen und Älteren, bezogen auf 100 Personen in der mittleren Altersgruppe von 20 bis unter 60 (= Altenquotient), betrug z.B. im Jahr 2000 rd. 39. Bei einer Konstanz der Geburtenrate auf dem bisherigen Niveau von rd. 1,4 Lebendgeborenen pro Frau würde der Altenquotient bis zum Jahr 2050 kontinuierlich auf etwa 90 zunehmen, sich also mehr als verdoppeln. Die Bedeutung dieser Entwicklung für die Funktion des sozialen Sicherungssystems liegt auf der Hand: Die auf dem Umlageverfahren beruhenden Zweige der Sozialversicherung - die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung - sind angesichts steigender Zahlen bei den über 60-Jährigen bei einer gleichzeitig schrumpfenden Zahl von 20- bis 60-jährigen Beitragszahlern nicht mehr aus Beiträgen finanzierbar. Mit einer Reform des sozialen Sicherungssystems durch eine teilweise Ergänzung der umlagefinanzierten Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung durch kapitalgedeckte Zusatzversicherungen können die demographisch bedingten Belastungen jedoch nicht vermieden, sondern nur gemildert und umverteilt werden. Deshalb stellt sich die Frage, ob sich die Ursache der steigenden Belastungen - der zunehmende Altenquotient - durch die Einwanderung jüngerer Menschen, bei denen es sich dann aber um Beschäftigte bzw. um Beitragszahler und nicht - wie in den vergangenen Jahren - um Arbeitslose bzw. um Sozialhilfeempfänger handeln müsste, verhindern oder zumindest merklich abschwächen lässt.

Demographische Berechnungen zeigen in aller Klarheit, dass sich die demographische Alterung auch durch hohe Zuwanderungsüberschüsse Jüngerer nicht stoppen, sondern nur mildern lässt: Bei einem jährlichen Wanderungssaldo von z.B. 100 Tsd. steigt der Altenquotient bis 2050 auf 83, bei 200 Tsd. auf 80 und bei 300 Tsd. auf 76. Selbst ein Wanderungssaldo von jährlich 600 Tsd. könnte nicht verhindern, dass der Altenquotient bis 2050 auf 68 zunimmt.[6] Noch höhere Altenquotienten ergeben sich, wenn man - wie dies sehr wahrscheinlich ist - eine wachsende Lebenserwartung unterstellt.

Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen hat in ihrer Untersuchung über die Auswirkungen der Wanderungen auf die Bevölkerungszahl und die Altersstruktur in den Industrieländern gezeigt, dass nach Deutschland bis zum Jahr 2050 netto 188 Mio. jüngere Menschen zuwandern müssten, wenn dadurch der Anstieg des Altenquotienten verhindert werden soll.[7] Die Zahl ist deshalb so hoch, weil die Zugewanderten und die Einheimischen gleich schnell altern, so dass ein z.B. im Jahr 2000 im Alter von 30 Jahren Zugezogener den Altenquotienten ab dem Jahr 2030 erhöht, denn er gehört ab 2030 selbst zur Altersgruppe über 60. Aus der höheren Geburtenrate der (aus Ländern der Dritten Welt) Zugezogenen ergibt sich nur ein geringer Verjüngungseffekt, so dass für eine Konstanz des Altenquotienten extrem hohe Zuwandererzahlen erforderlich wären.

Wollte man das heutige Rentenniveau und das Versorgungsniveau mit Gesundheits- und Pflegeleistungen beibehalten, müssten die realen Belastungen pro Kopf der 20- bis 60-Jährigen in unserem größtenteils nach dem Umlageverfahren finanzierten sozialen Sicherungssystem im gleichen Umfang wie der Altenquotient steigen, d.h. sich mehr als verdoppeln - oder die Versorgungsniveaus in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung müssten entsprechend gesenkt, also ungefähr halbiert werden. Bei einer günstigen Produktivitätsentwicklung könnte sich das Pro-Kopf-Einkommen bis 2050 zwar noch real verdoppeln, aber von dem verdoppelten realen Bruttoeinkommen würden die Versorgungsempfänger ebenfalls profitieren (was häufig übersehen wird), so dass dann - gedanklich - statt heute 40 Prozent der doppelte Prozentsatz für die Versorgung der Rentner, Kranken und Pflegebedürftigen abgezogen werden müsste, wenn es beim bisherigen Umlageverfahren bliebe (die jetzigen Beitragszahler bezahlen die Versorgung der jetzt Alten bzw. Kranken und Pflegebedürftigen).[8]

Um die Grenzen der Belastbarkeit bei der eigentlich erforderlichen Erhöhung des Beitragssatzes nicht zu überschreiten, wurde die gesetzliche Rentenversicherung mit der jüngsten Rentenreform ("Riester-Reform") durch eine private Altersvorsorge ergänzt. Eine entsprechende Ergänzung ist auch für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung unumgänglich, wenn man die wachsende Finanzierungslücke nicht durch immer höhere steuerfinanzierte Zuschüsse decken will. Alle Reformvorschläge orientieren sich an folgenden drei Grundstrategien, die sich in unterschiedlicher Weise miteinander kombinieren lassen: (1) Erhöhung der Beitragszahler und -zahlungen durch eine Senkung der Arbeitslosigkeit, durch eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote oder durch eine Anhebung des Ruhestandsalters, (2) Erhöhung der Zahl der Beitragszahler durch eine Erhöhung des Beschäftigungsgrades der Einwanderer und (3) Erhöhung der Geburtenrate. Wollte man den Anstieg des Altenquotienten allein durch die Anhebung des Ruhestandsalters auffangen, müsste das Ruhestandsalter auf 73 Jahre erhöht werden, und wollte man dieses Ziel alternativ durch eine Steigerung der Geburtenrate erreichen, müsste die Kinderzahl pro Frau auf 3,8 zunehmen.
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10. Februar 2012
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Ältere Menschen
Editorial
Die Jugend von gestern - und die Senioren von morgen
Dynamik der demografischen Alterung, Bevölkerungs-Schrumpfung und Zuwanderung in Deutschland
Der Alters-Survey: Die zweite Lebenshälfte im Spiegel repräsentativer Daten
Betriebliche Sicht- und Verhaltensweisen gegenüber älteren Arbeitnehmern
Das Alter(n): Gestalterische Verantwortung für den Einzelnen und die Gesellschaft
Eine Dokumentation in Auszügen aus dem Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages
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