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Eine Dokumentation in Auszügen aus dem Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages

6.5.2003
Sterben die Deutschen aus? Vergreist unsere Gesellschaft? Wird es einen "Krieg der Generationen" geben?

Einleitung



Sterben die Deutschen aus? Vergreist unsere Gesellschaft? Wird es einen "Krieg der Generationen" geben? - Fragen, die dramatisch klingen und nicht immer von überlegter Wortwahl zeugen. Bestimmte Medien greifen sie gerne auf, vor allem, um Aufregung zu erzeugen und um zu emotionalisieren. Sachlich und ausführlich hat sich dagegen die Enquete-Kommission "Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik" diesen aktuellen und vor allem zukünftigen Entwicklungen innerhalb der deutschen Bevölkerung gewidmet. Dafür nahm sie den Zeitraum bis 2050 ins Visier, was bedeutet, dass sie sich auf Schätzungen, Vorausberechnungen und vorsichtige Prognosen stützen musste. Zum ersten Mal in der Geschichte des Parlamentes hat sich eine Enquete-Kommission über drei Legislaturperioden hinweg mit einem Themenkomplex befasst. 1994 und 1998 gab es so genannte Zwischenberichte, 2002 wurde der 700 Seiten starke Abschlussbericht mit entsprechenden Handlungsempfehlungen an den Deutschen Bundestag vorgelegt und am 25. April 2002 im Parlament beraten. Von einer größeren Öffentlichkeit wurden allerdings die dort erarbeiteten und diskutierten, im Wortsinn fundamentalen, existenziellen Probleme unseres Landes kaum wahrgenommen.

Die Kommission hat sich mit allen wesentlichen Aspekten des demographischen Wandels auseinander gesetzt: Die Menschen leben länger aufgrund des technischen und medizinischen Fortschritts. Die Geburtenzahlen gehen zurück, und das schon seit Jahrzehnten. Das belegt eine Zahl, welche die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft aus statistischer Sicht deutlich macht. Die Einwohnerzahl von heute rund 82 Millionen wird aller Voraussicht nach bis 2050 auf rund 60 Millionen sinken. Das bedeutet weniger Kinder und weniger Menschen, die im Arbeitsprozess stehen. Nicht nur die Wirtschaft muss sich mit diesem Szenario für die Zukunft auseinander setzen. Die Frühverrentungspraxis, die den Staat horrende Summen gekostet hat, steht auf dem Prüfstand. Es wird jetzt nach Lösungen gesucht, wie die Beschäftigung von Älteren gesteigert und ihre Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt nutzbar gemacht werden können.

In diesem Zusammenhang drängt sich zudem die Frage auf: Wie gestaltet das Land vor diesem Hintergrund seine Zuwanderungspolitik? Allen Beteiligten ist schon jetzt bewusst, dass Zuwanderung die Folgen des demographischen Wandels nicht aufhalten, sondern unter bestimmten Bedingungen nur mildern kann. Auch bei den ausländischen Staatsangehörigen geht nämlich die Zahl der Geburten zurück. Hier hat ein Anpassungsprozess stattgefunden. Auf ein fraktionsübergreifendes Konzept konnte sich die Kommission beim Thema Zuwanderung nicht einigen. Die aktuellen Auseinandersetzungen führen uns nahezu jeden Tag vor Augen, dass es hier wohl keinen Königsweg gibt.

Zur Diskussion fordert daneben das wachsende Pflegebedürfnis "Älterer" und Hochbetagter heraus. Prävention, Rehabilitation, Differenzierung der Versorgung, verbindliche Versorgungsziele und Personalentwicklung sind in dem Themenkomplex "Gesundheit, Pflege und soziale Dienste" wichtige Stichworte. Das Generationenverhältnis und der Generationenvertrag - also die auf gesellschaftlichen Normen und Werten basierende und nur zum Teil gesetzlich festgelegte Übereinkunft, der zufolge die mittlere Generation für den Unterhalt sowohl der Kinder als auch der nicht mehr erwerbstätigen Älteren sorgt - gehören ganz oben auf die Tagesordnung und damit die Reform der Sozialversicherungssysteme. Nur mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird die Frauenerwerbsquote gesteigert werden können. Die Wirtschaft braucht diese "stille Reserve". Und viele Frauen wollen nun mal beides: Familie und Beruf. Damit verbunden ist wiederum eine verbesserte Kinder- und Schulbetreuung. Hier sieht man besonders, dass kein Politikfeld isoliert betrachtet werden kann. Die Reform der Altersversorgung in Deutschland ist weiterhin dringendst erforderlich. Und auch die gesetzliche Krankenversicherung stellt die demographische Entwicklung vor immense Probleme.

Elf Politiker und Politikerinnen aller Fraktionen und elf Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, so genannte Sachverständige, haben mit dem Abschlussbericht ein fundiertes Angebot erarbeitet, wie mit diesen wichtigen Fragen umgegangen werden kann. Es ist ein "Steinbruch" für die Wissenschaft, ein Arbeitsinstrument für die Parlamentarier und Parlamentarierinnen des 15. Deutschen Bundestages - und für jeden Einzelnen ein Angebot, sich mit der Komplexität einer Entwicklung auseinander zu setzen, die alle angeht und betrifft. Aus Platzgründen können im Folgenden nur einige der Themenfelder dokumentiert werden.

Der Kommissionsbericht liefert nicht nur eine Fülle von Analysen, Fakten, Handlungsempfehlungen und Literaturhinweisen, sondern gibt auch wichtige Denkanstöße für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Altern. Letztendlich gilt: Alle Lebensphasen sind gleichwertig. Die einseitige, problematische Konzentration auf den derzeitigen Jugendwahn zeigt, dass das Alter neu bewertet werden muss. Dabei darf die steigende Anzahl älterer Menschen nicht nur unter kurzsichtigen Kostenaspekten diskutiert werden. Ältere Menschen sind mit ihren Erfahrungen und ihrem sozialen Engagement ein großer Gewinn für die Gesellschaft. So wird auch der Satz der amerikanischen Autorin, Sozialwissenschaftlerin und Feministin Betty Friedan schnell verständlich. Sie unterstreicht aus ihrer Sicht: "Was heißt denn Jungbrunnen. Der Altbrunnen bringt es."

Ines Gollnick

Ines Gollnick, M. A., arbeitet als freie Print- und TV-Journalistin in Bonn und Berlin. Sie schreibt u.a. für die Wochenzeitung "Das Parlament" über Themen zu den Ressorts Bildung, Medien und Jugend. Für die Themenausgabe "Zukunft der Generationen" von "Das Parlament" hat sie 2002 das redaktionelle Konzept erarbeitet.

Service:

Der Schlussbericht der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik" ist kostenfrei als CD-ROM beim Deutschen Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Platz der Republik, 11011 Berlin, erhältlich (Tel. 030/227 32 072). Als gedruckte Version kann er beim Bundesanzeiger-Verlag in Bonn unter Tel. 0228/38 20 840 bestellt werden. (18,60 Euro).



Die Bevölkerungspyramide in der Bundesrepublik Deutschland steht auf dem Kopf. Während der Anteil der Älteren immer größer und der Anteil der Berufstätigen immer kleiner wird, nimmt Deutschlands Bevölkerung drastisch ab. Immer mehr Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter. So sehr diese Tatsache zu begrüßen ist, bedeutet dieser demographische Wandel eine große Herausforderung: eine Herausforderung für jeden Einzelnen, für die Familien, für die Gesellschaft, für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt, für die sozialen Sicherungssysteme wie für die Politik insgesamt. Mit unserem bisherigen Verständnis von Sozialstaat werden wir diesen Anforderungen im weitesten Sinne nicht mehr begegnen können ((...)).

Der demographische Wandel ist immens und macht es erforderlich, über die Veränderung im Bevölkerungsaufbau intensiv nachzudenken und mögliche Konsequenzen aufzuzeigen. Die sich abzeichnende Entwicklung ist eine Herausforderung, der von allen Seiten aus begegnet werden muss. Hier sind nicht nur Politiker in Bund, Ländern und Kommunen zum Handeln aufgerufen, sondern auch die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, der Wohnungsmarkt, die Städte- und Verkehrsplanung, aber vor allem auch Bildung und Wissenschaft.

Der demographische Wandel und die enorme Verlängerung der durchschnittlichen Lebenszeit dürfen nicht primär als Problem, sondern müssen als Gewinn gesehen werden. Der Wunschtraum der Menschheit, möglichst alt zu werden, scheint zunehmend erfüllbar. Im Jahr 2050 wird die statistische Lebenserwartung der Frauen 85, die der Männer 80 Jahre sein. Diese Menschen sind weder der alte, graue Teil unserer Gesellschaft, noch sind sie als Rentnerberg anzusehen, wie es gelegentlich die veröffentlichte Meinung darstellt. Sie sind vielmehr Menschen einer Generation, deren altersbedingte Probleme wir in diesem Bericht aufzeigen und durch politische Handlungsvorschläge einer Lösung zuführen wollen ((...)).

(Aus dem Vorwort von Walter Link, MdB, Vorsitzender der Enquete-Kommission)


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