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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2003)
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Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften |

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Kaspar Maase
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Zwei Schlaglichter: Am 31. Oktober 1965 versammelten sich auf dem Leuschnerplatz in der Leipziger Innenstadt etwa zweieinhalbtausend Menschen zu einer illegalen Kundgebung. Anlass war, dass der Rat des Bezirks über 50 Amateurbeatgruppen die Lizenz entzogen und damit faktisch Auftrittsverbot erteilt hatte. Die Fans zeigten sich unschlüssig, es gab weder Transparente noch Sprechchöre. Schließlich wurden sie von der Volkspolizei eingekesselt, gejagt und zusammengeknüppelt, 267 von ihnen wurden verhaftet. Mindestens 100 wurden anschließend zu mehrwöchigem Arbeitseinsatz verurteilt und ins Braunkohlerevier verfrachtet. Den meisten schnitt man gewaltsam die Haare. Vorangegangen war eine DDR-weite Pressekampagne gegen "Gammler und ähnliche Elemente", charakterisiert durch "lange, unordentliche, teilweise vor Schmutz starrende Haare". Beatgruppen, so war zu lesen, gebärdeten sich "beiihren Darbietungen wie Affen, stoßen unartikulierte Laute aus, hocken auf dem Boden oder wälzen sich auf ihm herum, verrenken die Gliedmaßen auf unsittliche Art".
1967 brachte der seit einiger Zeit nicht mehr besonders erfolgreiche westdeutsche Schlagersänger Freddy Quinn einen neuen Titel heraus: "Wir". Er griff ein Thema auf, das viele Bundesbürger seit Jahren empörte: die "Gammler". "Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR! / Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR! / Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, / Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR!" Von lautstarker Meute, ungewaschenen Haaren und Protestierern war die Rede. Lag es an der Dürftigkeit von Text und Musik, dass Freddy auch diesmal keinen Hit landete? "Volkes Stimme" hatte sich seit dem Auftreten der "Pilzköpfe" und langhaarigen Beatfans ähnlich artikuliert. Es gab Zwangshaarschnitte, Aufläufe und bedrohliche Situationen, wo "Gammler" sich in den Städten zeigten. Nicht nur in West-Berlin fielen Sätze wie "Alle ins Arbeitshaus sollen se se schicken. (...) Wenn das mein Sohn wär, den würd ich totschlagen."
Um zu klären, was die mentalitätsgeschichtlich offenbar verwandten Ereignisse in beiden deutschen Gesellschaften bedeuteten, beginnt man am besten mit den Halbstarken der Jahre 1956 bis 1960. Das waren männliche Arbeiterjugendliche, die um den Rock'n'Roll herum einen subkulturellen Stil entwickelten. Obwohl nur eine verschwindende Minderheit, avancierten sie doch rasch zum Bürgerschreck Nr. 1. Das hatte komplexe Ursachen. Die Halbstarken und ihre "Urwaldmusik" wurden als Herausforderung für die überkommene hierarchische Ordnung zwischen Generationen, Geschlechtern, Klassen und "Rassen" wahrgenommen. Rock'n'Roll und das, was die Jugendlichen damit machten, war keine neue Variante jener Schlager- und Tanzmusik, die beide deutschen Gesellschaften als unvermeidliche Trivialität akzeptierten; Rock'n'Roll - das machten Schlagzeug, E-Gitarren, Lautstärke und Bühnenshow ebenso deutlich wie die wilden Tanzformen - brach mit den melodischen, harmonischen Idealen des Schönen, die sich von der klassisch-romantischen E-Musik ableiteten. Sein Maßstab waren physische Sensationen und das körperliche Mitgehen; er schien alle Normen des Maßhaltens und der Selbstkontrolle aufzukündigen und wurde in Ost und West als unwiderstehliche Verführung zu unmittelbarem sinnlichem Genuss, als Propaganda für eine hedonistische Lebensauffassung und damit als Bedrohung der Kultur wahrgenommen.
Über die Halbstarken der DDR weiß die Geschichtsforschung nicht viel. Hier scheint es sich ebenfalls um Cliquen (groß)städtischer Arbeiterjugendlicher gehandelt zu haben. Sie traten weniger öffentlich in Erscheinung als ihr bundesdeutsches Pendant und bezogen Inspirationen oft aus dem Westen. Auch die Ost-Halbstarken wurden öffentlich gebrandmarkt, unter Druck gesetzt, kriminalisiert; der Innenminister erklärte "eine anständige Tracht Prügel" für angemessen. Mit der Schließung der Grenze durch den Mauerbau 1961 hofften viele DDR-Politiker, das fremde Gewächs auszutrocknen. |
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10. Februar 2012
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Informationen zur politischen Bildung |
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Deutschland in den 50er Jahren
Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung, Aufbau des Sozialismus und Aufstand des 17. Juni 1953 - diese Stichworte beschreiben die Ära der 50er Jahre in beiden deutschen Staaten. |
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