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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2003)

Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften


Kaspar Maase
Inhalt

Einleitung

Gammler und Halbstarke

Teenager, Beatfans, bewegte Studenten

Hebungsprogramm und"dekadente Lebensweise"

Der verlorene Beat-Krieg

Mentalitätswandel

Teenager, Beatfans, bewegte Studenten
Im Westen nährte rasch ein kommerzielles Interesse die Jugendkultur - man wollte den "Teenagern" Musik und Filme, Kleidung und Getränke verkaufen.[9] Die Teenager beerbten die Halbstarken, sie wirkten zahmer, eingedeutscht (Peter Kraus und Conny Froboess statt Elvis Presley und Bill Haley), nicht provokativ. Damit konnte der Stil einen weitaus größeren Kreis Jugendlicher bis in die Mittelschichten hinein anziehen, darunter auch Mädchen. Während (verglichen mit den Halbstarken) die expressive Körperlichkeit auf dem Weg in die Mitte der Jugend zurücktrat, wurde bis zu den Oberschülern eine hedonistische Einstellung dominant. Jungsein bedeutete immer weniger, in erster Linie zu lernen und an sich zu arbeiten; es hieß, die Freiheiten und Vergnügungsmöglichkeiten eines kurzen Lebensabschnitts nutzen - nicht zuletzt mittels Konsum.

Pädagogen, Jugendfunktionäre und Kulturkritiker zeichneten das Bild ahnungsloser, unpolitischer und manipulierter Halbwüchsiger, die von den Managern der Kulturindustrie zu Starkult und Modegläubigkeit verführt würden.[10] Doch seit der Halbstarken-Hysterie der Jahre 1956 bis 1958 hatte sich eines geändert: Zwar verkörperten die "amerikanisierten" Jugendstile für viele Bürger weiterhin das Ende von Ordnung und Anstand; doch einflussreiche Sozialwissenschaftler und Politiker waren zu dem Schluss gekommen, die moralischen und politischen Grundfesten der Bundesrepublik seien nicht gefährdet. Mit dem Übergang zum Massenwohlstand müssten sich Konsum-, Freizeit- und Vergnügungsverhalten unvermeidlich verändern, und die Jugend gehe dabei voran; deshalb müsse man deren Impulse aufnehmen und integrieren - durch die Einbindung moderner Rhythmen in die Jugendarbeit wie durch Konsumerziehung. Schließlich diente im Kalten Krieg die Steigerung des Lebensstandards als Propagandatrumpf gegen den Kommunismus. Während die DDR Rock'n'Roll und jugendliche Normverletzungen als feindliche Aktivität bekämpfte, erlaubte es der tolerantere Umgang in der Bundesrepublik, die Überlegenheit westlicher Freiheit vorzuführen.[11]

Im Alltag spielten solche strategischen Überlegungen keine große Rolle. Das zeigte die westdeutsche Reaktion auf Beatmusik und -fans seit 1964. Exzessive Formen weiblicher Fanbegeisterung[12], die Verwischung von Geschlechtergrenzen sowie sexuelle Provokationen in Songs ("Let's spend the night together") und Bühnenauftritten erschienen allen, die in einer sich tief greifend wandelnden Welt Halt an rigiden Moralnormen und Körperpanzern suchten, als Angriff auf ihre persönliche Lebensordnung. Die "Pilzköpfe" wurden zum Negativsymbol, auf das man mit mehr oder minder brutalen Haarschneideaktionen reagierte. So lag es nahe, Beatfans und die unter dem Einfluss der amerikanischen Hippie-Bewegung seit der Mitte der sechziger Jahre häufiger sichtbaren langhaarigen "Gammler"[13] in einen Topf zu werfen mit allem, was an Protest und Kritik die durch die erste handfeste Wirtschaftskrise 1966 und die Erstarrung des CDU-Staates verunsicherten Bürger irritierte. Freddys Song fasste die Mischung aus Abwehr und Abscheu am Vorabend der Studentenbewegung zusammen.

Der verbreitete Vorwurf der Faulheit hatte einen antiintellektuellen Subtext. Er verweist auf das gewandelte Sozialprofil der Jugendstile. Oberschüler und Studierende wurden im Laufe der sechziger Jahre zunehmend in den jugendkulturellen Wertewandel einbezogen. Man kann deutlich verfolgen, wie Populärkultur ihren Einfluss auf die künftigen Vertreter der tonangebenden gebildeten Mittelschichten und akademischen Eliten erweiterte. Beatbegeisterung erfasste die Gymnasien in ganz anderer Weise als noch Rock'n'Roll und Teenagermusik.[14]

Besonders folgenreich war der Wertewandel unter den Studenten. Zweifellos trug die Bewegung an den bundesdeutschen Hochschulen elitäre Züge. Doch hat Jakob Tanner auf den "nachhaltig wirkenden spill-over auf (die) Konsumkultur" hingewiesen, der von sub- und gegenkulturellen Impulsen ausging; er zeigt, entgegen mancher 68er-Legende, die Linie "von Woodstock in den Supermarkt", die aus der "Propagierung eines hedonistischen Zugangs zum Leben" folgte.[15] Am deutlichsten trat der Wandel des kulturellen Habitus im alltäglichen Umgang mit populären Künsten hervor. Ende der sechziger Jahre war unter den Studenten Pop- und Rockmusik als Mittel zum persönlichen Stimmungsmanagement wie als Ausdruck sozialer Bewegung akzeptiert. Man erlaubte dem Körper sogar, danach zu tanzen - für die elitären Jazzfans der frühen Sechziger noch eine absolut vulgäre Entgleisung. Rückblickend spricht Ulf Preuss-Lausitz von "Revolutionen der Haut" und einer "Kultur der Lust", die intensive musikvermittelte Körpergefühle und das Sichverausgaben im Tanz ebenso einschloss wie befreiende Erfahrung von Sexualität.[16]

Es förderte die Aneignung, dass junge Intellektuelle nun populären Künsten einen progressiven, demokratischen und befreienden Charakter zuschrieben. Traf das in den Fünfzigern nur für Jazz zu, so galten in den Sechzigern auch Beat und Rock in gesellschaftskritischen Milieus als antiautoritär und antimilitaristisch - Musik, die den Anspruch individueller Freiheit transportierte.[17] Manche lasen gar Italowestern als revolutionäre Parabel.

Selbstverständlich wurde das kulturelle Kapital, das man aus dem Elternhaus mitbrachte und im Bildungsgang erwarb nicht irrelevant. Doch am Ende der sechziger Jahre teilten "gebildete" und "ungebildete" Jugendliche bereits einige ästhetische Vorlieben; sie schätzten Spannung, Tempo, visuelle Kraft, intensive sinnliche Erfahrung, das Spiel mit Standards, Stereotypen und populären Mythen. Es entstand gemeinsames kulturelles Terrain - auch wenn sich Volksschüler und Studenten unterschiedlich darauf bewegten.[18]
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Deutsche Zeitgeschichte: 60er und 70er Jahre
Editorial
1968 im Westen - was ging uns die DDR an?
1968 im Osten - was ging uns die Bundesrepublik an?
Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften
Amerikanisierung oder Internationalisierung?
"Trau keinem über 30"
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Von der Konfrontation zum Dialog
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Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung, Aufbau des Sozialismus und Aufstand des 17. Juni 1953 - diese Stichworte beschreiben die Ära der 50er Jahre in beiden deutschen Staaten.
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