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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2003)

Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften


Kaspar Maase
Inhalt

Einleitung

Gammler und Halbstarke

Teenager, Beatfans, bewegte Studenten

Hebungsprogramm und"dekadente Lebensweise"

Der verlorene Beat-Krieg

Mentalitätswandel

Hebungsprogramm und"dekadente Lebensweise"
Die Jugendkultur der DDR war in vielfacher Hinsicht abhängig von den Kurswechseln der SED und von staatlichen Vorgaben, doch unzweifelhaft eroberten die Energien des Sichabsetzens und Sichabgrenzens einen sich ständig ausweitenden Raum. Im Mittelpunkt stand Popmusik; während einheimische Schlager wie im Westen an Einfluss verloren, lieferten Beat und Rock (auch deutschsprachiger) den symbolisch-demonstrativen Stoff für Jugendkultur. Als Ressource im Hintergrund ist die steigende Verfügung über Zeit und Kaufkraft zu erwähnen[19], die Jugendliche neue Freizeitmöglichkeiten verlangen ließ. Nach eigenem Selbstverständnis musste die DDR darauf eine sozialistische Antwort geben.

Darunter verstand man bis in die siebziger Jahre hinein ein planmäßiges "kulturelles Hebungsprogramm"[20]. Es gehörte durchaus in die aufklärerisch-volkserzieherische Tradition, war jedoch von KPD und SED reduziert worden auf einen Gegenentwurf zur westlichen Entwicklung, die man pauschal als "imperialistische Massenkultur" ablehnte. Dietrich Mühlberg hat die Konsequenzen zusammengefasst: "Kulturpolitik und Kulturarbeit bekamen (...) einen repressiv-autoritären Grundzug: Kampfansage an fast alle massenkulturellen Formen, Front gegen die vom Westen her einbrechende Amerikanisierung der Lebensweise; weitgehende Beseitigung kommerzieller kultureller Angebote und Zurückweisung der bunten Freizeit (als eines gefährlichen Mittels, mit dem die Ausbeuter beim Arbeiter das Bewusstwerden seiner entfremdeten Lebenssituation zu verhindern versuchen). Dagegen wurden vorindustrielle und proletarische Kulturmuster betont und entschlossen Anstalten gemacht, alle an die traditionellen Werte der (volkstümlichen) Hochkultur heranzuführen. Da zugleich (...) die Arbeit zum Hauptmittel der Persönlichkeitsentwicklung stilisiert wurde, führte das zur Pädagogisierung aller Bereiche des sozialen Lebens und zur Verwandlung der Gesellschaft in eine Umerziehungsanstalt mit Schule und Betrieb als bestimmenden Sozialisationsinstanzen."[21] Aus dieser Sicht waren spontane Aktivitäten Jugendlicher mittels herausfordernder Populärkultur (die sie im Westen suchten und fanden) absolut unakzeptabel. Mehr noch: Jugendkultur erschien als systemfeindlich, als Unterwanderungsinstrument des Klassengegners.

In den frühen Sechzigern verfolgten die Sicherheitsorgane weiter Cliquen und "Meuten" überwiegend männlicher Arbeiterjugendlicher, die auf Straßen und Plätzen "herumhingen" und zu deren Standardausrüstung die laut aufgedrehte "Heule", das Kofferradio mit möglichst rockigem Sound, gehörte.[22] Weniger auffällig, aber ebenso bedrohlich schienen Gruppen, die im privaten Rahmen "Parties" mit heißer Musik, Alkohol und "sexuellen Exzessen" feierten. Für die SED verkörperten diese Jugendlichen eine dem Sozialismus feindliche, "dekadente Lebensweise".

Bei der Unfähigkeit, mit derartigen Phänomenen umzugehen, ist eines in Rechnung zu stellen: Große Teile der Bevölkerung lehnten, unabhängig von ihrer politischen Haltung, derartige jugendliche Normverletzungen aggressiv ab, als Verhöhnung von Ordnung, Anstand, Sauberkeit, als Zeichen für Arbeitsscheu und Asozialität. Auch direkte, teilweise demonstrativ "nach Arbeiterart" mit Schlägen oder Haareabschneiden durchgeführte Gewaltaktionen gegen so genannte Gammler fanden teilweise Zustimmung.[23] Vermutlich hat Thomas Lindenberger Recht mit der These, dass gerade der repressive "Umgang mit den Asozialen und Rowdies eine jener wenigen Brücken zwischen SED und Bevölkerung darstellte, die die Kommunikation gemeinsamer Wertvorstellungen ermöglichte"[24].

Das Konstrukt einer "feindlich-dekadenten Lebensweise" verknüpfte Stilzeichen (Rockmusik, Auseinandertanzen, lange Männerhaare und andere Verwischungen von Geschlechtergrenzen) geradezu kausal mit Unsauberkeit und Asozialität, mit exzessiver Sexualität, Straftaten und Bekämpfung des Sozialismus; es erlaubte nur prinzipiellen Kampf gegen die Jugendkultur. Raum für pragmatisches Handeln entstand überhaupt erst dort, wo man (bei fortbestehender grundsätzlicher Ablehnung) Musik und Tanzformen zur Privatsache erklärte. Anhand der Songtexte und der Lern- und Arbeitsleistungen sowie der Unauffälligkeit der Jugendlichen in Politik und Freizeit wurde entschieden, was man dulden wollte. Faktisch schwankten die Reaktionen zwischen beiden Polen. Grob kann man sagen, dass im Lauf der siebziger Jahre die zweite Variante bestimmend wurde. Die SED fand sich innerhalb der von ihr gezogenen Staatssicherheitsgrenzen in "friedlicher Koexistenz" mit der "unsozialistischen" Jugendkultur ab. In den Sechzigern waren gewissermaßen die Bedingungen des Burgfriedens ausgekämpft worden.[25]

Im September 1963 verkündete das SED-Politbüro ein Jugendkommuniqué, das unter dem Motto "Der Jugend Vertrauen und Verantwortung" zur Musikfrage formulierte: "Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll!"[26] Das wurde als Schwenk zu mehr Toleranz verstanden, war aber zunächst eine Reaktion darauf, dass die Verantwortlichen vielerorts nicht wussten, wie sie mit der trotz Mauerbau wachsenden Zahl von Jugendlichen umgehen sollten, die öffentlich westliche Musik hörten, Twist tanzten, sich für eine zunehmende Zahl von Beat und Rock spielenden Bands mit zum Teil ekstatischer Bühnenshow begeisterten und dazu auf eine Weise kleideten und stylten, die sich irgendwie auf Bilder von Westlichem bezog.

Sicher verschafften in der DDR Westgüter Ansehen, und sicher gab es Imitationsversuche. Dennoch ist das Pauschalurteil einer Orientierung am Westen als Triebkraft der Jugendkultur fragwürdig.[27] Es gab ältere Traditionen einer proletarischen Jugendästhetik des Knallig-Schicken, Glänzend-Extravaganten, körperlich-erotisch Herausfor-dernden; man bastelte sich aus dem - woher auch immer - zugänglichen Angebot und in Eigenarbeit eine "dufte Schale". Begeisterung für Westmoden war mit Loyalität zum Staat durchaus vereinbar. Von den frühen Sechzigern bis zur Mitte der siebziger Jahre gab es Konstellationen, in denen auch nicht sozialistisch engagierte Jugendliche sich als selbstbewusste Bürger einer DDR mit Zukunft fühlten.[28] Man kann es durchaus als eigenständigen Stil sehen, wie ein junger Leipziger sich um 1960 zum Ausgehen herrichtete: "Schwarzes Nylonhemd, dottergelber Schlips, darauf war meistens noch ein Gemälde - Hula-Mädchen -, Bluejeans, Leuchtsocken dazu (...). Ringelsocken und dottergelbe Handschuhe, solche Wildlederhandschuhe, und dazu natürlich die Ente, (...) die geölte Ente."[29]
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10. Februar 2012
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Deutsche Zeitgeschichte: 60er und 70er Jahre
Editorial
1968 im Westen - was ging uns die DDR an?
1968 im Osten - was ging uns die Bundesrepublik an?
Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften
Amerikanisierung oder Internationalisierung?
"Trau keinem über 30"
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Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung, Aufbau des Sozialismus und Aufstand des 17. Juni 1953 - diese Stichworte beschreiben die Ära der 50er Jahre in beiden deutschen Staaten.
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