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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2003)

Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften


Kaspar Maase
Inhalt

Einleitung

Gammler und Halbstarke

Teenager, Beatfans, bewegte Studenten

Hebungsprogramm und"dekadente Lebensweise"

Der verlorene Beat-Krieg

Mentalitätswandel

Der verlorene Beat-Krieg
Jugendkultur konnte sich nach dem Kommuniqué von 1963 entfalten. Das stärkte aber zugleich die Widerstände im Apparat und unter den Älteren.[30] Schon in der Vorbereitung zum "Deutschlandtreffen" der FDJ Pfingsten 1964 gab es öffentlichen, ja offiziellen Raum für Beat und Twist. Zum Treffen etablierte man das "Jugendradio DT 64", das mit kleinen Dosen heißer Musik das Ohr der Jugendlichen für die sozialistische Argumentation gewinnen wollte, aber eben auch der eigenen Musikszene Impulse und Verdienstmöglichkeiten gab. Im April 1965 brachte die volkseigene "Amiga" die erste Beatles-LP heraus. Die FDJ schrieb im Juli einen Wettbewerb für Musikgruppen aus, an dem sich Hunderte von nicht selten frisch gegründeten Bands beteiligten. Im Bezirk Leipzig stieg die Zahl der amtlich erfassten "Laiengitarrengruppen" von sechs Anfang 1965 auf 83 im November, in Berlin von 50 auf über 300.[31]

Die Dynamik richtete sich nicht gegen die politischen Verhältnisse, aber sie war nicht einzupassen in das Korsett "gepflegter Beatmusik" (Honecker) und "sozialistischer Tanzkultur". Die Fronde gegen den neuen Kurs bekam Oberwasser; der Wettbewerb wurde abgeblasen, und das 11. ZK-Plenum verdammte im Dezember 1965 alles Unliebsame in der DDR-Kultur, auch die "Übersteigerung der Beat-Rhythmen", welche die Jugend zu "Exzessen" aufputsche.[32] Zu den Maßnahmen, die den Umschwung einleiteten, gehörten die erwähnten Auftrittsverbote im Bezirk Leipzig. Darauf antwortete die "Beat-Demonstration" vom Oktober 1965. Von den Teilnehmern waren allerdings zwei Drittel "Sicherheitskräfte", und einiges spricht dafür, dass der Staatsapparat das Ereignis provozierte, um ein Exempel zu statuieren.[33] In der nun folgenden Eiszeit wurden die öffentlichen Räume für unerwünschte Musik und ihre Fans drastisch eingeschränkt. Doch was in Jugendclubs und bei Tanzveranstaltungen unter dem Druck des Publikums geschah, war nicht zu kontrollieren; Bands und ihre Anhänger wichen in die Provinz aus. Mitschnitte und Kopien auf Tonband, das Kursieren importierter Schallplatten und die einschlägigen Sendungen westdeutscher Radio- und Fernsehanstalten sorgten dafür, dass Rock und Pop, Blues und Soul im DDR-Alltag Wurzeln schlugen.

Unter diesem Druck milderte sich in den späten Sechzigern die Reglementierung, und um 1970 entsprachen Hörgewohnheiten, Tanz- und Kleidungsmaßstäbe der meisten Heranwachsenden der internationalen Jugendkultur. Michael Rauhut spricht von "offizieller Anerkennung" der DDR-Rockmusik ab 1969.[34] Die Landschaft der Geschmäcker und Freizeitmuster war durchaus differenziert, aber Rhythmus und Sound im Gefolge der Beatles und Stones waren "schichtübergreifend für fast alle Jugendlichen attraktiv"[35] geworden. Ihre Anziehungskraft empfanden FDJler und überzeugte Sozialisten, Abiturienten und Studenten, Mädchen und junge Frauen. Verglichen mit den Fünfzigern, als Rock'n'Roll-Begeisterung sich auf proletarische Jungen-Cliquen beschränkte, bedeutete das eine historische Annäherung im kulturellen Habitus der Bildungsschichten und Sozialmilieus. 1977 gaben bei einer Befragung in fünf DDR-Bezirken 84 Prozent der Schüler und Studenten an, sie interessierten sich besonders für "Beat" - für Schlager hingegen nur 38, für sinfonische und Kammermusik 24 Prozent.[36]

In den siebziger Jahren etablierte sich eine vielfältige Musikszene. Sie schloss internationalen Mainstream ebenso ein wie alternative Nischen[37], in denen - auf dem Grat zwischen Duldung und Verbot - hoch artifizielle und anspruchsvolle Gewächse blühten. Der VIII. SED-Parteitag 1971 beschloss Erich Honeckers neuen Kurs, wonach Leistung für den Sozialismus sich unmittelbar in Lebensstandard und -genuss auszahlen sollte. Infrastruktur und Freizeitangebote für Jugendliche wurden deutlich erweitert: Clubs, Diskos und Musiksendungen, Tanz- und Konzertveranstaltungen, Mode und Unterhaltungselektronik. Die Grenzen waren allerdings eng gezogen. 60 Prozent der gespielten Musik mussten aus dem Sozialismus kommen; Auftritte westlicher Gruppen gab es kaum, und die seltenen Auflagen ihrer Platten blieben weit hinter der Nachfrage zurück. Den Bands fehlte moderne Klang- und Studiotechnik, für die Auftrittsgenehmigung mussten sie musikalische und textliche Zugeständnisse machen, und immer wieder wurde zensiert.

Doch trotz der verbreiteten Unzufriedenheit bildeten internationale Musik-, Mode- und Verhaltensstile unwiderruflich den Rahmen für Wünsche und Selbstpräsentation der Jugendlichen wie der Künstler zwischen Hitparade und Underground. Die Bedeutung dieser Erfahrungen hat Christoph Dieckmann in einem Schlaglicht eingefangen: "Man war ja dankbar für Live-Kopien unerreichbarer Originale (...). Deep Purple und Uriah Heep (...) erzeugten Andacht und Weihe in den Diskotheken, die damals landesweit entstanden. Wahrlich, wer nie nach Child in Time zerfloss, wer niemals zu Lady in Black in einer sächsischen Dorfdisko schmuste, der weiß nicht, was Ewigkeit ist."[38]

Moderne Jugendkulturen veränderten nicht nur den Musikgeschmack. Der Körper, seine Sensationen wie seine Inszenierung, rückte in den Vordergrund der Aufmerksamkeit auch bei denen, die aus eher körperdistanzierten Milieus mit asketischem oder lustfeindlichem Habitus stammten.[39] Ähnliches galt für Genüsse und Begehren, die sich mit auffälliger Kleidung oder einer Stereoanlage in modernem Design mit mächtigen Bässen verbanden. Konsumkultur in der DDR war - praktisch wie mental - sicher keine zurückgebliebene Variante des Modells Bundesrepublik; aber wenn ihre Trends "im Wesentlichen (...) westlichen Erfahrungen entsprechen" und der entscheidende Umbruch in den sechziger Jahren stattfand[40], dann hat die Durchsetzung einer am Ideal der Modernität orientierten Jugendkultur[41] daran erheblichen Anteil.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Deutsche Zeitgeschichte: 60er und 70er Jahre
Editorial
1968 im Westen - was ging uns die DDR an?
1968 im Osten - was ging uns die Bundesrepublik an?
Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften
Amerikanisierung oder Internationalisierung?
"Trau keinem über 30"
Zwischen Integration und Distanzierung
Von der Konfrontation zum Dialog
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Deutschland in den 50er Jahren
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Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung, Aufbau des Sozialismus und Aufstand des 17. Juni 1953 - diese Stichworte beschreiben die Ära der 50er Jahre in beiden deutschen Staaten.
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