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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2003)
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Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften |

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Kaspar Maase
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Mit Blick auf die Jugendkultur(en) erscheinen in beiden Staaten die sechziger Jahre als heiße Phase konflikthafter Durchsetzung. In den Siebzigern wurde die Beteiligung an Jugendstilen Teil der Normalbiografie, und am Ende des Jahrzehnts war beiderseits der Elbe Populärkultur faktisch Kern einer "Gemeinkultur", an der fast alle unter 40 teilhatten. Der Wandel wurde im Westen früher sichtbar. Von 1956 an hatten die Halbstarken auf sich aufmerksam gemacht; ihr Gegenpart im Osten wurde von öffentlicher Resonanz abgeschnitten. Die Auseinandersetzungen um Teenager, Beatlemania und Gammler bewegten die Bundesrepublik bis etwa zur Mitte der Sechziger; danach gab es nur noch Nachhutgefechte. Detailstudien zeigen, dass der Werte- und Verhaltenswandel den Alltag bereits um 1965 bestimmte; spätere Empörungen waren eher eine Reaktion auf die Massivität der unumkehrbar gewordenen "Fundamentalliberalisierung". Von Jugendstilen ging in den Siebzigern keine Unruhe mehr aus; dieMedien und die Jugendzentrumsbewegung verbreiteten sie nun in die hintersten Winkel des Landes.
In der DDR zeigte sich nach der Grenzschließung 1961, dass Rhythmen und Klänge der internationalen, vom Rock geprägten Populärmusik, expres-sive Formen des Tanzens und der Bühnenperformance sowie erotisierte und gruppenstilbezogene Muster jugendlicher Selbstpräsentation über Körper, Kleidung, Freizeitutensilien (Motorrad, Kofferradio) dem Lebensgefühl und den Individualisierungsbedürfnissen Jugendlicher auch in der sich modernisierenden sozialistischen Industriegesellschaft entsprachen. Anregungen und Vorbilder kamen weithin aus dem Westen, doch DDR-spezifische Modetrends und die breite Laienbandbewegung belegten, dass das Verlangen nach einer Jugendkultur, die weder Traditionen der Arbeiterbewegung noch Mustern der bürgerlichen Jugendbewegung folgte, ein Eigenprodukt war. Der "Kahlschlag" Ende 1965 setzte noch einmal auf Repression und ein ideologisch präformiertes Jugendleben, doch am Ende des Jahrzehnts war klar: Die SED musste sich arrangieren.
Nach 1971 gab man Jugendmode und Musikszene Raum - um den Preis politischen Wohlverhaltens. Zwischen West-Imitation und eigenständiger Kunstbemühung gelang es, einen DDR-Akzent in der Weltsprache der Rockmusik und der Jugendkulturen zu setzen - wenngleich der Mainstream des Pop den breitesten Zuspruch fand. Doch das Populäre blieb ein Unruheherd - nicht nur, weil offizielle Versprechungen nicht eingelöst und Erwartungen enttäuscht wurden, sondern vor allem, weil Misstrauen, Überwachung und Zensur für eine Kontinuität der Reibungen und Reglementierungserfahrungen sorgten. Jugendkultur blieb ein Stachel im Fleisch der SED; und weil das alle wussten, trug sie auch nicht zur erhofften Integration oder gar Motivierung bei.
Der Blick auf die Politik darf jedoch nicht verdecken: Jugendkultur bedeutete in beiden Staaten, dass Jungen und Mädchen sich in täglichen Konflikten behaupten mussten. Vor den Eltern, in der Schule, auf der Arbeit mussten sie sich rechtfertigen für lange Haare, unerwünschte Kleidung, wilde Musik, teure Konsumwünsche. Das war in der DDR stärker politisiert, und Angriffe auf jugendliche Selbstachtung fielen brutaler aus, aber Millionen Heranwachsender lernten in West wie Ost, ihre Präsentation und ihre ästhetischen Vorlieben zu behaupten. Sich gegen eine verständnislose oder gar feindliche Umwelt durchzusetzen war eine einzigartige Schule der Individualisierung.
Der emotional-aggressive Widerstand hatte noch ein weiteres Motiv: Man verteidigte die Normativität der Hochkultur. Beide deutschen Staaten kanonisierten ein kulturelles Erbe, in dessen Zentrum Klassik, Romantik und Realismus standen. Im Westen diente die Berufung auf die große deutsche Kultur dem Bürgertum dazu, soziale Führungsansprüche gegenüber "der Masse" zu begründen und über die peinliche Liaison mit dem Nationalsozialismus hinweg selbstversichernde Traditionslinien zu ziehen. In der DDR symbolisierte der Kult der Klassik, dass der Sozialismus allen den Reichtum der Hochkultur zugänglich mache.
In der Geschichte der Jugendkultur waren es oft die Zuspitzungen der Gegner, die den Neigungen Halbwüchsiger grundsätzliche Bedeutung verliehen. Erst die Abstempelung als Antikultur machte aus dem Siegeszug moderner Populärkünste die Entthronung der Hochkultur, eine demokratische Aufwertung des "gewöhnlichen" Geschmacks sowie ein Votum für ästhetische Weltoffenheit. Dabei kam es in beiden Gesellschaften zur sozialkulturellen Annäherung der Jüngeren. Als Vorkämpfer modern-internationaler Jugendkultur traten zuerst Cliquen großstädtischer Arbeiterjugendlicher auf; doch innerhalb eines Jahrzehnts erfasste die Dynamik auch Mittelschichtkinder und Intellektuelle. Unterschiedliche Stile entwickelten sich, doch klassen- und schichtübergreifende Linien sind unübersehbar. Gemessen am herkömmlichen Ideal der Jugendbildung wurde hochkulturelles Wissen relativiert und spontaner Genuss sowie sinnlich-körperliche Lusterfahrung aufgewertet; man öffnete sich für die Ästhetik des Populären. Das hat den Habitus der Intellektuellen markant verändert und die Kulturdiskurse demokratisiert.
Die Entwicklung verlief in Ost und West spezifisch. Neben der Unternehmerschaft war in den fünfziger Jahren auch ein Großteil der bürgerlichen Bildungsschichten aus der DDR vertrieben worden - mit weit reichenden Folgen für die Sozialkultur. Noch wird diskutiert, ob man von einer "arbeiterlichen Gesellschaft" sprechen sollte oder von einer "Unterschichtengesellschaft", in der weithin Maßstäbe und Bedürfnisse der "kleinen Leute" dominierten. Jedenfalls war die Lebenswelt von Abiturienten und Studenten in der DDR bis Ende der siebziger Jahre sehr viel weniger von tradierter Bildungsorientierung geprägt als bundesdeutsche Gymnasien und Hochschulen. Das macht die These plausibel, die Impulse der Jugendkultur hätten in einem stark von "proletarischem Hedonismus" (Mühlberg) durchdrungenen Alltag leichter die junge Intelligenz erreicht als in der Bundesrepublik, wo sich "Gebildete" und "Ungebildete" viel schärfer voneinander abgrenzten. Auch im Westen erwiesen sich die kraftvolle Musik und die spontane Genussbereitschaft, die Halbstarke und Teenager vorlebten, als attraktiv. Beim Überwinden von Distinktionsbarrieren half den Studenten dann eine ideologische Legitimation: Der "spirit" der Rockmusik sei aufbegehrend, rebellisch, antiautoritär. |
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10. Februar 2012
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Informationen zur politischen Bildung |
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Deutschland in den 50er Jahren
Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung, Aufbau des Sozialismus und Aufstand des 17. Juni 1953 - diese Stichworte beschreiben die Ära der 50er Jahre in beiden deutschen Staaten. |
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