Armut und Reichtum in der Welt
Wachsende Ungleichheit und Polarisierung der Einkommensverteilung charakterisieren die Weltgesellschaft. Ohne politisches Gegensteuern könnte dies zu einem Sprengsatz für das internationale System werden.
Ein Obdachloser sucht in einem Mülleimer an der Königsallee in Düsseldorf nach etwas Verwertbarem. (© AP)Einleitung
Die Globalisierung ist zu einem kontrovers diskutierten Thema der Tagespolitik geworden, seit große Demonstrationen die Konferenzen von scheinbar allmächtigen Staatschefs der Industrieländer und Wirtschaftsführern multinationaler Unternehmen begleiten - wie beispielsweise während des Weltwirtschaftsforums in Davos und des G8-Treffens in Genua im Januar 2001. Die Bewegung der Globalisierungskritiker ist selbst ein Ausdruck der Globalisierung: Sie organisiert sich international - insbesondere über das globale Medium des Internet - und appelliert an eine entstehende Weltöffentlichkeit. "Soziale Gerechtigkeit in der Weltwirtschaft" ist eines der zentralen Themen der Globalisierungskritiker, denn weltweit leben 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Armut. Als absolut arm gelten Menschen, denen pro Tag weniger als ein Dollar (in lokaler Kaufkraft) zur Verfügung steht.
Der Anteil der Entwicklungshilfeleistungen der 30 Mitgliedsländer der OECD (Organization for Economic Cooperation and Development - Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) an ihren Bruttosozialprodukten (BSP) liegt im Jahr 2005 bei 0,31 Prozent und damit weit entfernt von den international angestrebten 0,7 Prozent. Es ist aber zu fragen, ob Armut und Unterentwicklung Folgen der Globalisierung sind und in welche Richtung sich Armut, Reichtum und die Einkommensverteilung in der global immer enger vernetzten Welt entwickeln. Eine genaue Analyse ergibt ein differenziertes und vielschichtiges Bild.
Globalisierung und Armut
In der aktuellen Globalisierungsdiskussion sind drei Argumentationsmuster zum Zusammenhang von Globalisierung und Armut weit verbreitet, die einer ernsthaften Prüfung nicht standhalten.
Erstens wird häufig vermutet, niedrige Löhne seien die wesentliche Triebkraft des Welthandels und zentral für die Standortentscheidungen multinationaler Unternehmen. Hinter dieser Argumentation verbirgt sich die Furcht mancher Beobachter aus den Industrieländern vor den neuen Konkurrenten aus dem Süden. Wenn die "Billiglohnhypothese" stimmte, müssten Bangladesch, afrikanische Staaten wie Mali und lateinamerikanische Länder wie Guatemala wichtige oder zumindest aufstrebende Akteure des Welthandels und Anziehungspunkte für Direktinvestitionen großer Unternehmer sein.
Doch die größten Handelsnationen in der Weltwirtschaft (wie die USA, Deutschland, Japan, Frankreich) sind weiterhin die Ökonomien, in denen hohe Löhne gezahlt werden. Auch der Strom der Investitionen global agierender Unternehmen lässt sich mit dem Niedriglohn-Argument kaum erklären. Etwa drei Viertel der weltweiten Direktinvestitionen, deren Gesamtniveau im Jahr 2005 circa 653 Milliarden US-Dollar betrug, werden in den OECD-Staaten - also den Hochlohnländern - getätigt.
In den 1990er Jahren entfielen nur 1,5 Prozent der Direktinvestitionen auf Afrika. Die Niedriglohn-Argumentation vernachlässigt die nationalen Unterschiede in der Arbeitsproduktivität. Es sind die Länder mit hoher Arbeitsproduktivität und hohen Löhnen (die OECD-Länder) oder Ökonomien mit rasch steigender Arbeitsproduktivität und zumeist ebenso schnell steigenden Löhnen (wie in den 1970er bis 1990er Jahren die ostasiatischen Schwellenländer), die die Dynamik des Welthandels und der Direktinvestitionen antreiben.
Zweitens ist oft von den schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken der multinationalen Unternehmen zu lesen. Dies mag im Einzelfall durchaus zutreffen, wie Berichte über Kinderarbeit in westlichen Unternehmen immer wieder zeigen. Doch die empirischen Untersuchungen der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organization - ILO) belegen eher den Trend, dass in den Entwicklungsländern Arbeitsbedingungen und Löhne in ausländischen Unternehmen zumeist besser ausfallen als in den einheimischen Betrieben.
Drittens ist die Auffassung weit verbreitet, dass eine exportorientierte Industrialisierung, also die Integration nationaler Ökonomien in die Weltwirtschaft, stets auf Kosten der Bevölkerung gehe und soziale Verwerfungen nach sich ziehe. Beobachtet werden kann jedoch, dass sich seit den 1960er Jahren die Löhne, die Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie die Sozialindikatoren (zum Beispiel Kindersterblichkeit, Ernährungssituation und Lebenserwartung) vor allem in den Ländern enorm verbesserten, die sich aktiv um eine Eingliederung in den Weltmarkt bemüht haben. Dies trifft zum Beispiel auf Südkorea zu, ein Land, das in den 1950er Jahren zu den ärmsten der Welt gehörte und mittlerweile in den Club der Reichen, die OECD, aufgenommen wurde. Andere Beispiele für erfolgreiche Weltmarktintegration sind China, Indien, Taiwan, Hongkong, Singapur, Thailand oder auch Mauritius.
Die Eingliederung in die globale Ökonomie, also die Teilhabe am Globalisierungsprozess, ist für viele Länder schwierig. Sie setzt stabile politische Institutionen, kontinuierliche und breitenwirksame Investitionen in Grundbildung und Weiterqualifizierung sowie den sukzessiven Aufbau nationaler technologischer Kompetenz und sozialer Sicherungssysteme voraus. Die große Herausforderung für die armen Nationen besteht also nicht etwa darin, sich von der Globalisierung abzukoppeln, sondern vielmehr darin, nationale Strukturen zu schaffen, um von den Vorteilen der Globalisierung profitieren zu können. Zugleich müssen die globalen Rahmenbedingungen verbessert werden, um die Handlungsspielräume von Entwicklungsländern in der Weltwirtschaft zu verbessern: Entschuldung, Stärkung der Entwicklungsländer in der WTO (World Trade Organization - Welthandelsorganisation), im IWF (Internationaler Währungsfonds) und in der Weltbank sowie offene Märkte der Industrieländer für Exporte aus Entwicklungsökonomien (insbesondere für Agrargüter), Schaffung stabiler weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen (zum Beispiel auf den Finanzmärkten) und eine deutliche Anhebung der Investitionen der OECD-Länder in die internationale Entwicklungszusammenarbeit sind hier wichtige Voraussetzungen.
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