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Informationen zur politischen Bildung (Heft 284)
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Grundzüge der athenischen Demokratie |

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Hans Vorländer
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Athen - Vorbild für moderne Demokratien? |
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In Athens demokratia übte das Volk die volle Gesetzgebungs-, Regierungs-, Kontroll- und Gerichtsgewalt aus. Damit war die Demokratie in Athen ein Regime direkter, unmittelbarer Herrschaft des Volkes, das auf umfassender Beteiligung aller Bürger beruhte und keine Unterschiede zwischen arm und reich kannte. Die Bürger bildeten in der Ekklesia die Legislative und in den Dikasteria die Judikative. Dort, wo die Bürger die Ämter besetzten, bildeten sie zugleich auch die Exekutive. Der athenische Demos besaß also eine beispiellose Machtkonzentration. Gesetzgebende, richtende und ausführende Gewalt gingen vom Volk aus und verblieben auch bei ihm. Regieren und Regiertwerden waren eins - oder gingen, wie Aristoteles formulierte, "wechselweise" vonstatten.
Vielen galt und gilt deshalb die athenische Demokratie als das Modell einer Demokratie schlechthin, an dem auch moderne Demokratien immer wieder gerne gemessen werden. Vor allem die direkte, unmittelbare Beteiligung der Bürger im Prozess der Entscheidung, in der Ausübung von Ämtern und in der Rechtsprechung war vielen ein Grund für den Vorbildcharakter. Für andere indes war genau jene uneingeschränkte Herrschaft des Volkes ein Schreckbild, denn die Demokratie konnte - demagogischen Einflüssen ausgesetzt - leicht in eine Tyrannei umschlagen. Eine stabile Demokratie war deshalb für diese kritischen Stimmen nur in einer gemäßigten, repräsentativen Regierungsform vorstellbar.
Ist die antike, unmittelbare Demokratie Athens ein Vorbild für moderne Demokratien? Grundlegende Unterschiede bestehen, vor allem haben sich die Voraussetzungen und Strukturen verändert.
- Die Demokratie der athenischen Polis kannte im Gegensatz zu modernen Demokratien weder ein Parlament noch Parteien. Im Zentrum stand das Zusammenkommen, das Miteinander-Reden, das Abwägen der Argumente und schließlich das Treffen einer Entscheidung. Alle Bürger besaßen das Recht der Rede, es wurde von ihnen erwartet, dass sie sich an der politischen Willens- und Entscheidungsbildung beteiligten. Die wichtigste Waffe in der Auseinandersetzung war die Kunst der Überzeugung, der sich die Redner bedienen mussten, um Einfluss nehmen zu können. Entschieden wurde mit Mehrheit, was Perikles in seiner Gefallenenrede, die Thukydides überliefert hat, zu der Aussage führte, dass "Demokratie Regieren durch die Mehrheit" ist. Die unterlegene Minderheit fühlte sich der Majorität verpflichtet und stand loyal zu der getroffenen Entscheidung. Konflikte entlang von Partei- oder Fraktionslinien gab es nicht. Durch die Möglichkeit, Volksversammlungsbeschlüsse vor den Volksgerichten überprüfen zu lassen, wurde die persönliche Verantwortung der die Volksversammlung prägenden Redner gestärkt. Damit begegneten die Bürger auch den Gefahren der Demagogie.
- Die Athener Demokratie kannte kein Berufspolitikertum. Jeder Bürger war berechtigt, an der Volksversammlung teilzunehmen. 6000 Bürger waren in der Regel bei der Volksversammlung, 200 bis 500, manchmal bis 1000 bei den Gerichtsversammlungen anwesend, 500 Bürger waren Mitglieder des Rates, und 700 hatten jedes Jahr ein Amt inne. Die faktische Beteiligung war also, angesichts von etwa 30000 Vollbürgern, außerordentlich hoch. Die moderne Spaltung zwischen Regierenden und Regierten, zumeist verstärkt durch räumliche Distanz und institutionelle Repräsentanz, war der athenischen Demokratie fremd.
- Die athenische Demokratie lebte vom Engagement ihrer Bürger und von der gemeinsamen Sorge um das Gemeinwesen. Um noch einmal Perikles in der Überlieferung von Thukydides zu zitieren: "Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus zugleich und unsere Stadt [...] denn einzig heißt bei uns einer, der daran überhaupt keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein nutzloser." Die Athener waren von der politischen Urteilskraft eines jeden, auch des gewöhnlichen Bürgers, überzeugt. Erziehung, Kultvereine, Theater und auch die Volksversammlung waren Institutionen politischer Bildung, in denen sich das politische Urteilsvermögen ausbilden und schärfen und sich zugleich auch ein Grundkonsens einstellen konnte, der den Prozess des Beratens und Entscheidens wesentlich erleichterte.
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10. Februar 2012
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Schriftenreihe |
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Die geglückte Demokratie
Diktatur, Nationalsozialismus und zwei Weltkriege: Konnten die Deutschen nach 1945 die Demokratie erlernen? Die Zweifel waren groß. Heute ist Deutschland eine der stabilsten Demokratien der Welt. |
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