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Geschichtspolitik in der Ukraine


12.2.2007
Die Anerkennung der sowjetischen Hungersnot der Jahre 1932 und 1933 als "Genozid am ukrainischen Volk" bzw. als "Holodomor" ist ins Zentrum geschichtspolitischer Debatten in der Ukraine gerückt.

Einleitung



Die sowjetische Hungersnot der Jahre 1932 - 1933 wirkte sich in den ukrainisch besiedelten Schwarzerdegebieten besonders hart aus und hatte Folgen, die bis in die ukrainische Nationsbildung der jüngsten Zeit reichen. In diesem Beitrag sollen die politischen Bedeutungen und Funktionen der offiziellen Geschichtspolitik der Ukraine am Beispiel der jüngsten Debatten zur Hungersnot untersucht werden.[1]




Die Hungersnot hatte keine klimatischen Ursachen, sondern wurde u. a. durch eine brutale staatliche Getreiderequisition hervorgerufen, die den Bauern das zur Selbstversorgung notwendige Getreide entzog. Insofern liegt die Verantwortung für die Katastrophe zweifellos bei der sowjetischen Führung. Die Gesamtverluste in der Sowjetunion während der Hungersnot belaufen sich auf mindestens fünf bis sieben Millionen Menschen, während ukrainische und internationale Forscher die Zahl der direkten Hungertoten des Jahres 1933 in der Ukraine mit drei bis dreieinhalb Millionen angeben. Hohe Verluste erlitten auch die Kasachen; in der Forschung werden Zahlen zwischen 1,2 und mindestens 1,75 Millionen Tote genannt.

Die These vom "Holodomor"[2] als geplanter Genozid am ukrainischen Volk ist in der ukrainischen Forschung mehrheitsfähig, international aber höchst umstritten. Neuere Forschungen haben zwar nationalitätenpolitische Faktoren berücksichtigt, aber auch nachgewiesen, dass die Politik der Bolschewiki widersprüchlicher war, als es Ansätze nahe legen, die ausschließlich von nationalen und politischen Faktoren ausgehen. Die Kontroverse ist wissenschaftlich nicht entschieden. In den Bereich der Geschichtspolitik gehören Thesen, welche die Hungersnot als einen durch das sowjetische Regime von langer Hand geplanten, gegen das ukrainische Volk gerichteten Genozid deuten und gleichzeitig diese Interpretation zum allein "wahren" Forschungsstand erklären.[3]

Die Genese der Enttabuisierung der in der Ukraine von der sowjetischen Führung bis Ende 1987 beschwiegenen Hungersnot ist hier nicht darstellbar. Der Holodomor avancierte zu einem der Kernelemente des antisowjetischen Geschichtsbildes der ukrainischen Nationalbewegung Ruch, förderte die Delegitimierung des Sowjetsystems und diente als Argument für die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine: Das ukrainische Dorf galt in dieser Optik als Hort des nationalen Gedächtnisses, das von der sowjetischen Führung brutal unterdrückt wurde, weswegen die Nation politisch, ökonomisch und kulturell an den Rand ihrer Existenz geriet.

In den beiden Amtszeiten des Präsidenten Leonid Kutschma (1994 - 1999/1999 - 2004) wurde die Erinnerung an die Hungersnot im öffentlichen Raum der Ukraine mit unterschiedlicher Intensität und vor allem anlässlich von "runden" Jubiläen gefördert. Gleichwohl gehörte die sich in der ukrainischen Forschung seit Anfang der neunziger Jahre durchsetzende Deutung der Hungersnot als ein geplantes Verbrechen mit nationalukrainischer Ausrichtung oder als Genozid (bisweilen: Ethnozid) am ukrainischen Volk selbst in der autoritären Endphase des Regimes Kutschma - als die Staatsführung zunehmend auf Versatzstücke sowjetischer Geschichtspolitik zurückgriff - zum Bestandteil der offiziell zugelassenen Schulgeschichtsbücher.[4]



Fußnoten

1.
Vgl. allgemein zum Begriff Geschichtspolitik Petra Bock/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, Göttingen 1999, S. 9: Nach Bock/Wolfrum richtet sich Geschichtspolitik "auf die öffentliche Konstruktion von Geschichts- und Identitätsbildern", die sich über Diskurse, Rituale und Symbole vollziehen und die Funktion der politischen Legitimation und Mobilisierung mittels der Vergangenheit einschließen.
2.
Das ukrainische Wort holodomor hat sich in der ukrainischen Debatte als Bezeichnung für den Hungerterror eingebürgert. Es ist eine Verbindung von holod (Hunger) und mor (Krankheit, Seuche, Massensterben) und verweist auf die gewaltsame Instrumentalisierung der Hungersnot durch die Bolschewiki gegen die sich gegen die Kollektivierung wehrenden Bauern. Mit der Begriffsbildung wird die Einzigartigkeit des von der sowjetischen Führung verübten Verbrechens angedeutet.
3.
Vgl. Rudolf A. Mark/Gerhard Simon (Hrsg.), Vernichtung durch Hunger. Der Holodomor in der Ukraine und der UdSSR (Themenheft Osteuropa 12), Berlin 2004.
4.
Vgl. ausführlich Wilfried Jilge, Holodomor und Nation. Der Hunger im ukrainischen Geschichtsbild, in: ebd., S. 147 - 163.

 
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