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Aus Politik und Zeitgeschichte
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Das Ringen um eine neue Weltordnung |

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Zum Verhältnis zwischen Europa und Amerika Jochen Thies
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Die wachsende Entfremdung zwischen Europa und Amerika - und dies hat der 11. September zweifellos nun verschärft - hat auch damit zu tun, dass der Supermacht die Fähigkeit abgeht, Tragisches anzuerkennen oder Tragischem einen Raum zu geben. Europa hat hier ganz andere Erfahrungen gemacht; kaum einer Nation ist die Erfahrung erspart geblieben, von anderen Ländern erobert oder besetzt und somit vom Willen eines anderen abhängig zu werden. Amerika huldigt dagegen einem naiven historischen Optimismus und hält selbst eine Lösung der Terrorismus-Problematik im Nahen und Mittleren Osten für möglich. Einen maßgeblichen Anteil daran hat das Vertrauen der Amerikaner in die Fähigkeit und Entwicklung von Waffen. So wie Washington darauf setzt, eine Raketenabwehr im Weltraum zu errichten, welche die Supermacht vor überraschenden Schlägen schützt, so vertraut es auch in der konventionellen Kriegführung auf die Technik. Beim Golf-Krieg vor zehn Jahren wurden noch eine halbe Million Soldaten viele tausend Kilometer von der Heimat entfernt eingesetzt, um den irakischen Diktator Saddam Hussein in die Schranken zu weisen. Bei einem erneuten Irak-Feldzug, über den in Washington weiterhin ernsthaft nachgedacht wird, würden nur noch 15 - 20 Prozent des Potenzials von 1991 benötigt werden. Sehr deutlich ist die neue amerikanische Kriegführung bereits in Afghanistan in Erscheinung getreten. Anstelle von Divisionen und Brigaden operieren in dem schwierigen Gelände Kompanien und Gruppen, die sehr eng vernetzt mit der gewaltigen Feuerkraft sind, welche die Amerikaner auf Flugzeugträgern oder Stützpunkten in der Nähe der Soldaten bereit halten. Das erinnert an die Kriegführung im Zweiten Weltkrieg, in dem Amerika im Westen nach den ersten äußerst verlustreichen Tagen an den Landungsstränden der Normandie Verluste an Menschen, soweit dies ging, vermied und die Luftwaffe und die Feuerkraft der Artillerie einsetzte. Das hat sich im Korea- und vor allem im Vietnam-Krieg fortgesetzt und ist nun neuer Perfektion zugeführt worden.
Europa nimmt die amerikanischen Rüstungsanstrengungen und den Zuwachs an Etatmitteln für die Verteidigung mit ungläubigem Erstaunen zur Kenntnis. Die Ausgaben für Verteidigung vor allem in Deutschland haben sich auf einem Niveau eingependelt, das illusionäre Erwartungen in der Bevölkerung über Verteidigungskosten geweckt hat. Die Schere zwischen Ist und Soll, um Anschluss an Amerika zu gewinnen, ist im Moment so groß, dass nur eine lang anhaltende Krise, ein größerer Konflikt oder eine große Koalition in Berlin eine Bundesregierung in die Lage versetzen können, umzusteuern. Der Fehlbedarf für die Bundeswehr ist mit etwa 50 Prozent der Jahresausgaben für Verteidigung anzusetzen, die derzeit bei 24 Milliarden Euro liegen.
Der einzige Ausweg neben moderaten Steigerungen der Ausgaben für Verteidigung ist vermutlich daher nur der, die Verteidigung Westeuropas so rasch wie möglich zu standardisieren, sowohl bei den Soldaten wie auch bei der Ausrüstung. Der neue Airbus ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber die Vorgehensweise der Bundesregierung bei der Finanzierung zeigt an, wie gering Rot-Grün die Akzeptanz von erhöhten Verteidigungsausgaben bei der Bevölkerung einschätzt, oder anders gesagt: mit wie wenig Druck der öffentlichen Meinung, weniger der veröffentlichten, in Verteidigungsfragen gerechnet wird. Die außen- und sicherheitspolitische Normalität, die im Laufe der UN-Einsätze und anderer militärischer Operationen, an denen Deutschland beteiligt war, in den letzten zehn Jahren eingetreten ist, ist weder in den Köpfen noch im Diskurs des Landes angekommen. Es triumphiert ein Primat der Innenpolitik.
Zur wachsenden Entfremdung zwischen Europa und Amerika leistet die Globalisierung einen wesentlichen Beitrag. Der ohnehin geringe Stellenwert nichtmaterieller Fragen, die Wertschätzung des Geistigen, des Beitrags der Geistes- und Kulturwissenschaften für die Gesellschaft, treten weiter zurück. Die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie eine technische Sicht der Dinge dominieren. Die amerikanische Aufrüstung wird diesen Prozess weiter beschleunigen und den Abstand zu Europa verschärfen, wo die Rüstungsindustrie als Innovationsfaktor bei weitem nicht den Stellenwert besitzt wie in Amerika.
Aber noch funktionieren einige europäische Instinkte. Die Menschen halten weiterhin an ihren Sprachen fest, in denen kollektive Erfahrungen von Nationen sichtbar und unsichtbar transportiert werden. Aber die USA erzielen zunehmend Einbrüche. Das europäische Topmanagement kommuniziert auf Englisch, der Wirtschafts- und Wissenschaftssprache. Die Massen werden von Amerika mit Hollywood-Filmen und Fernsehen, vielmehr: Fernsehserien, überzogen. Wenn Europa diesen Entwicklungen nicht Einhalt gebietet, wenn es sich medial nicht endlich selbst definiert, werden die Nationalstaaten und Gesellschaften zerstört werden. Sie sind schon jetzt durch die demographischen Prozesse und den Zuwanderungsdruck aus der Dritten Welt bedroht, auf die sie keine Antwort finden.
Die USA sind hier in einer ganz anderen Lage. Noch immer basiert die amerikanische Gesellschaft auf dem gewollten Konzept von Zuwanderung, hat sich längst zwischen Atlantik und Pazifik eine Art von Weltgesellschaft herausgebildet, die Europa nicht werden will oder werden kann. Zu ihr gehört in besonderem Maße das Optische. Anders gesagt: Fernsehen spielt in Amerika eine andere Rolle als in Europa. Während es dort zur raschen Eingewöhnung in die Gesellschaft und Annahme eines gesellschaftlichen Minimalkatalogs dient, ein großes Land zusammenhält und Identitäten schafft, beschleunigt das Fernsehen in Europa die gegenteilige Entwicklung: eine Entsolidarisierung, ein Auseinanderfallen der Gesellschaft, die Singularisierung der Menschen vor allem in den Großstädten.
Natürlich kann sich Europa nicht gegen Amerika stellen, und es sollte auch jederzeit vermeiden, in eine solche Lage zu geraten. Mehr denn je hängt es in bewegten Zeiten, die rasch auf die Illusion vom ewigen Frieden in den neunziger Jahren folgten, von der Sicherheitsgarantie der USA ab. Und selbst wenn Amerika gegenwärtig eine sehr selbstgerechte Supermacht sein sollte, die nur auf wenige Einwände hört, so hat es mit Sicherheit noch keine andere Macht in der Geschichte der Menschheit gegeben, welche die Interessenlage des anderen toleriert und ihn nach seiner Fa!!! Trotz zahlreicher aktueller Krisen in der Medienbranche und unabsehbarer Konzentrationsprozesse spricht viel dafür, dass der Medien- und Kommunikationssektor neben dem Tourismus weiterhin zu den großen Wachstumsindustrien weltweit gehören wird. Wenn dies der Fall sein sollte, ist die französische Medienpolitik richtig, die auf Eigenständigkeit und europäische Identität abzielt. Statt sich unablässig mit Agrarfragen zu befassen, sollten die europäischen Politiker hier ihre Phantasie schweifen lassen und eine stärkere europäische Identität schaffen.
In allen anderen Wirtschaftsbereichen, zumal im Zuge der Globalisierung, wird das amerikanische Vorbild imitiert. Südamerika, Asien und Australien folgen amerikanischem Muster und sind bereit, ihre Gesellschaften entsprechend zu organisieren. Die Europäer sollten dagegen alles tun, das Bewahrenswerte des europäischen Sozialstaats- und Gesellschaftsmodells zu erhalten. Spätestens an dieser Stelle kommt Russland ins Spiel, das eines Tages das Zünglein an der Waage spielen kann, anders formuliert: von dem es abhängen kann, ob Europa seine Identität zu bewahren vermag oder nicht.
Die Bekämpfung des internationalen Terrorismus hat binnen kürzester Zeit Russland zu einem begehrten Partner gemacht, der sowohl von Amerika als auch von Westeuropa umworben wird. Selbst eine NATO-Mitgliedschaft Moskaus scheint mittelfristig denkbar. Wenn die Dinge für die USA im Nahen und Mittleren Osten schlecht laufen, kann Russland mit seiner Ölförderung Saudi-Arabien als strategischen Partner Amerikas ablösen. Die Zusammenarbeit mit Amerika ist für Russland interessant, weil sie Präsident Putin erlaubt, mit allen Mitteln das auseinanderfallende Rest-Imperium zusammenzuhalten und zum geeigneten Zeitpunkt zu einer Sammlungspolitik verloren gegangener Territorien zurückzukehren. Die Zusammenarbeit mit Europa ist für den in Kategorien des 19. Jahrhunderts denkenden Präsidenten interessant, weil die EU die russischen Öl- und Gasvorkommen und die großen Märkte benötigt, um mit Produkten, die nicht mehr ganz weltmarktfähig sind, überleben zu können. In umgekehrter Sicht wird es nun aber für Westeuropa sehr wichtig, die Russen für ein europäisches Kapitalismus-Modell zu gewinnen und nicht für das amerikanische.
Es kann durchaus sein, dass Europa in Zeiten des Hightechs zu den "natürlichen" Verlierern auf der Welt gehört, nach dem Zeitalter der Industrialisierung, in dem Disziplin, Konzentration, Leidensfähigkeit und Organisationstalent die Europäer nach vorn katapultierten und sie in den Stand versetzten, überragende Mächte und Kulturnationen wie China für 150 Jahre zu domestizieren. Es kann sein, dass große Teile der amerikanischen Nation und einige asiatische Länder generell zu den Profiteuren des Fortschritts gehören, zumal sie es unter den heutigen Bedingungen der Industriegesellschaft verstehen, ihre Menschen besser vor "Kollateralschäden" zu schützen. Religiöse Bindungen, der familiäre Zusammenhalt und die Lerntradition scheinen dort nicht so gefährdet wie in Europa.
Noch ist offen, wie der Wettbewerb zwischen Amerika und Europa um die Ordnung der Welt, auch um die Inhalte, den Ablauf und das Mischungsverhältnis zwischen Arbeitswelt und Freizeit enden wird. Aber sicher scheint, dass China schon in wenigen Jahrzehnten Amerika herausfordern wird. Die wissenschaftliche Intelligenz Amerikas besteht schon heute zu großen Teilen aus Kindern asiatischer Einwanderer, die binnen einer Generation in die Mittelschicht und die obere Mittelschicht vorstoßen. Sollte es China gelingen, seinen Aufstieg zu einer Supermacht ohne größere kriegerische Verwicklungen fortzusetzen, werden sich Teile Amerikas noch stärker als bisher dem Pazifischen Raum zuwenden. Das Engagement Amerikas in Europa, beginnend im Ersten Weltkrieg, abgebrochen in der Weltwirtschaftskrise von 1929 und 1944 erneuert, stellt vermutlich nur einen zeitlich begrenzten Abschnitt in der Geschichte dar, der nun seinem Ende entgegengeht. Somit scheint der Zeitpunkt auch nicht mehr fern, an dem sich die USA vom Balkan verabschieden werden. Hier, wo die Selbstzerstörung Europas vor knapp 90 Jahren begann, liegen die wirklichen Herausforderungen für die Europäische Union, nicht in Afghanistan. Wenn es Westeuropa gelingt, diese Region in ihrem Vorhof zu stabilisieren, ist auch der zweite, sehr viel größere Schritt denkbar: Russland im europäischen Sinn zu verwestlichen. Nur auf diesem Weg kann das erforderliche Gegengewicht zu Amerika hergestellt werden. |
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20. März 2010
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