Vorbemerkung
3.7.2003
Es kann kein Zufall sein, dass bei allem Streit um den Nutzen historischer Kenntnisse das 19. Jahrhundert in der Regel ausgenommen bleibt. Das hängt offenbar mit der vielfach bestätigten Erfahrung zusammen, dass dieses Zeitalter zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg noch unmittelbar in die politische Welt von heute hineinragt. Zwar waren nicht alle Probleme, die uns heute auf den Nägeln brennen, bereits den Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts bekannt: von der Umweltverschmutzung, der atomaren Bedrohung oder dem Ost-West-Konflikt ahnten sie noch wenig oder nichts. Andererseits gab es Konfliktstoffe, die seinerzeit die Gemüter erregten, aber uns kaum noch etwas zu sagen haben: das monarchische Prinzip, das Zensuswahlrecht, der Schutz der Balkanchristen vor dem türkischen Sultan.
Viele wirklich fundamentale Fragen und Sorgen aber waren und sind jener und unserer Zeit gemeinsam: die rechte und zugleich praktikable Form der Demokratie; der Sinn und Unsinn von Nationalismus und Internationalismus; der Ausgleich zwischen gesellschaftlicher Daseinsvorsorge und privater Lebensgestaltung; die Gewährleistung sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit; die Steuerung des ökonomischen Wachstums und die Bewältigung der Wirtschaftskrisen; das Gefälle im Lebensstandard der Industrie- und Kolonialländer; die Erhaltung des Friedens.
Solche Gemeinsamkeiten zeigen, dass die politischen Probleme unserer Tage ihre Vorgeschichte haben und dass sie ohne die Vergegenwärtigung der historischen Zusammenhänge, aus denen sie stammen, nicht zureichend zu begreifen sind. Darum lebt der folgende, knappe, in seiner thematischen Auswahl gewiss ergänzungsbedürftige Abriss von dem Interesse an der Frage nach den historischen Wurzeln unserer Gegenwart. Er betont die Ähnlichkeit der Probleme, aber auch die Verschiedenartigkeit ihrer Entstehungsbedingungen und Lösungschancen damals und heute. Er geht von der Annahme aus, dass es - abgesehen von dem großen Komplex der Industrialisierung, der in der folgenden Ausgabe behandelt wird - hauptsächlich drei Problemzusammenhänge sind, die das historische Erbe des 19. Jahrhunderts ausmachen: der demokratische Verfassungsstaat, der Nationalstaat, die zwischenstaatlichen Beziehungen. Von ihnen wird im folgenden vornehmlich die Rede sein.

