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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 33-34/2002)

Editorial


Katharina Belwe

Mit dem Begriff des "Gender Mainstreaming" wird eine Strategie zur nachhaltigen Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern bezeichnet, deren Hauptanliegen darin besteht, den Mainstream männlichen Denkens in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verändern. Es handelt sich um einen "top-down" initiierten und organisierten Prozess, in dem mehr erreicht werden soll als das bisherige (noch nicht erreichte) Ziel der Gleichstellung der Geschlechter. Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wird durch andere Ungleichheiten überlagert, welche die geschlechtersensible Strategie des Gender Mainstreaming mit in den Blick nehmen soll.

Claudia Pinl bezweifelt, dass die weitreichenden Konsequenzen der neuen Strategie den Verantwortlichen tatsächlich bewusst sind, gehe es doch um die Umgestaltung der Strukturen, die Ungleichheit reproduzierten. Wenn Gender Mainstreaming mehr als modisches Wortgeklingel sein solle, so Pinl in ihrem Essay, dann müsse die Top-down-Strategie durch eine engagierte frauenpolitische Basis begleitet werden.

Dass zwischen "männlich" und "weiblich" so etwas wie eine Grauzone existiert, dass es zwischen diesen beiden Polen "andere" Frauen und Männer gibt, die (nicht nur) in unserer Gesellschaft diskriminiert werden, veranschaulicht Judith Butler im zweiten Essay dieser Ausgabe. Die Autorin plädiert vor diesem Hintergrund vehement für ein Aufbrechen der Geschlechternormen.

Bei Gender Mainstreaming handelt es sich - so Peter Döge - nicht um ein "Zauberwort", sondern um eine konkrete politische Strategie. Es geht dabei nicht nur um die Gleichstellung von Frauen und Männern und auch nicht nur um die Gleichwertigkeit von männlich und weiblich konnotierten Tätigkeiten, Lebensmöglichkeiten und Kompetenzen, sondern generell um die Gleichwertigkeit des Unterschiedlichen. In diesem Sinne kann Gender Mainstreaming einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der Gesellschaft leisten.

Christiane Klenner hegt Zweifel, dass Top-downStrategien wie Gender Mainstreaming für den Abbau noch bestehender sozialer Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern ausreichen werden. Die Beseitigung von Diskriminierungen setze eine Umgestaltung des Alltags im Spannungsfeld beruflicher Entwicklung und familiärer Aufgaben voraus. Die Voraussetzungen dafür sieht die Autorin in der Lösung der Frage, wie die gesellschaftlich notwendige Fürsorgearbeit gegenüber Kindern und Alten zu gewährleisten ist, wenn gleichzeitig der Anspruch aller, Frauen wie Männer, auf eigene berufliche Entwicklung anerkannt wird.

Wie es um das Arbeits- und Gleichstellungsrecht in der Europäischen Union steht, welche Kämpfe in den letzten dreißig Jahren zur Realisierung der formalen Chancengleichheit für Frauen in den Rechtsordnungen auszufechten waren, welche Position Deutschland in Europa einnimmt, verdeutlicht Sabine Berghahn anhand einiger Eckpunkte der europäischen Rechtsentwicklung im Arbeitsrecht. Die Autorin zeigt zugleich, warum der Prozess der Gleichstellung durch Recht so langwierig verläuft und welche Potenziale des europäischen Rechts noch besser ausgeschöpft werden könnten.

Christiane Thorn geht der Frage nach, ob und inwieweit die Geschlechterperspektive systematisch in das Nachhaltigkeitsdreieck von Ökologie, Ökonomie und Sozialem eingeschleust werden kann, insbesondere in die bislang abgespaltene, aber zentrale vierte Dimension von Nachhaltigkeit: die Politik. Die Voraussetzung dafür sieht sie einer grundlegenden Transformation: im Abbau (geschlechts)hierarchischer Verhältnisse in Politik, Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft.
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10. Februar 2012
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