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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 27/2005)

Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus


Karin Weiss
Inhalt

Einleitung

Zuwanderung zu Lehr- und Ausbildungszwecken

Arbeitszuwanderung

Neuorientierung im vereinten Deutschland

Die Netzwerke der Rückkehrer

Der Nutzen der Netzwerke

Arbeitszuwanderung
Mit Beginn der achtziger Jahre kam es zu einer weiteren Form der Migration in die DDR, zur Migration zu Arbeitszwecken. Im Rahmen von Staatsverträgen zwischen der DDR und Vietnam, Kuba, Algerien, Angola und Mosambik wurden seit Beginn der achtziger Jahre[9] Vertragsarbeiter aufgenommen.[10] Die ersten Vertragsarbeiter aus Vietnam kamen bereits 1980. Bis Mitte der achtziger Jahre war ihre Zahl allerdings relativ klein. Almut Riedel spricht für die Zeit von 1980 bis 1984 von insgesamt 8 840 Arbeitskräften.[11] Diese Vertragsarbeiter sollten zum einen den zunehmenden Arbeitskräftebedarf der DDR decken, zum anderen während ihres Arbeitseinsatzes gleichzeitig eine Berufsausbildung erhalten: Etwa 75 Prozent aller in dieser Zeit eingereisten Vertragsarbeiter durchliefen während ihres Arbeitseinsatzes eine berufliche Qualifizierung.[12]

Ab 1987 stieg die Zahl der Vertragsarbeiter sprunghaft an. Allein 1987 wurden 20 446 Arbeiter aufgenommen, 1988 folgten weitere 30 552. Noch 1989 begannen 8 688 vietnamesische Arbeitskräfte ihren Arbeitseinsatz in der DDR.[13] Die später kommenden Arbeiterinnen und Arbeiter erhielten jedoch überwiegend keine Ausbildung mehr, sondern arbeiteten als reine Arbeitskräfte - zu 85 Prozent in der Industrie.[14] Insgesamt wurden nach DDR-Quellen mehr als 68 000 vietnamesische Arbeitskräfte eingesetzt. Vom Ministerium für Arbeit, Invalide und Soziales der Sozialistischen Republik Vietnam (SRV) wird eine etwas höhere Zahl genannt. Danach sind zwischen 1980 und 1990 insgesamt 71 965 vietnamesische Vertragsarbeiter in die DDR gegangen.[15]

Der Arbeitseinsatz in der DDR war nicht nur für die DDR-Wirtschaft von Bedeutung, auch für Vietnam hatte das Arbeitskräfteabkommen große Vorteile. Vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit im eigenen Land hatten die Auslandseinsätze eine gewisse Entlastungsfunktion. Zudem waren sie für die, welche mit Beginn des Abkommens in die DDR kamen, in der Regel mit einer Facharbeiter- oder Teilfacharbeiterausbildung verbunden. Aber auch jene, die nicht mehr qualifiziert wurden, profitierten durch Wissenserwerb vom Aufenthalt in der DDR: Sie erhielten Einblicke in die europäische Kultur und in industrielle Fertigungstechniken. Darüber hinaus ging der Arbeitsaufenthalt der Vietnamesen mit dem Transfer wichtiger Devisen und Gebrauchsgüter nach Vietnam einher. Die DDR zahlte pauschal pro Kopf 180 DDR-Mark pro Jahr an Sozialversicherungsbeiträgen an die SR Vietnam, und jeder Arbeiter hatte 12 Prozent seines Arbeitseinkommens als Beitrag zum Aufbau des Landes direkt an die SR Vietnam abzuführen.[16] Nach Nguyen Van Huong erhielt Vietnam dadurch in den letzten Jahren von seinen Arbeitskräften in der DDR jährlich über 200 Millionen DDR-Mark.[17]

Hinzu kamen die Devisen, die Vietnamesen privat nach Vietnam sandten, um ihre Familien zu unterstützen. So durfte jeder Vertragsarbeiter 60 Prozent seines Nettoarbeitseinkommens, das monatlich 350 DDR-Mark überstieg, nach Vietnam transferieren. Fast alle Familien der Vertragsarbeiter waren vom Verdienst ihrer Angehörigen in der DDR abhängig. Auch konnten diese Waren aus der DDR nach Vietnam schicken, pro Arbeiter zwölfmal jährlich ein Warenpaket im Wert von 100 DDR-Mark, sechsmal jährlich eine Postsendung ohne Wertbegrenzung und am Ende des Aufenthaltes Gegenstände in einer Holzkiste von zwei Kubikmetern. Auf diese Weise gelangten Mopeds und Fahrräder, Nähmaschinen und andere Elektrogeräte, Stoffe, Zucker, Seifen und viele andere Waren nach Vietnam.[18] Für die unter erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidende SR Vietnam waren diese Wareneinfuhren von volkswirtschaftlicher Bedeutung. So berichtet 1989 das Ministeriums für Staatssicherheit der DDR: "Schon mehrmals betonten Regierungsvertreter der SRV in bilateralen Gesprächen mit der DDR, dass der Einsatz vietnamesischer Werktätiger in der DDR 'eine strategische Linie der Außenwirtschaft bilde, deren Effekte es zu erhöhen' gilt. Die Ausfuhr von Konsumgütern in die Heimat wird als der wichtigste Auftrag ihrer Werktätigen in der DDR gesehen".[19]
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30. Juli 2010
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