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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 27/2005)
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Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus |

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Karin Weiss
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Die Netzwerke der Rückkehrer |
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Zwei unterschiedliche Personenkreise kehrten also aus der DDR nach Vietnam zurück: Das sind zum einen seit Beginn der siebziger Jahre Schüler, Lehrlinge und Wissenschaftler, die in der DDR eine Qualifizierung erhalten hatten. Viele von ihnen haben nach ihrer Rückkehr über Jahre hinweg Verbindungen sowohl untereinander als auch nach Deutschland unterhalten. Die Reintegration in Vietnam Mitte der siebziger Jahre war aus sozialen wie ökonomischen Gründen teilweise schwierig, der Zusammenhalt mit den anderen bot hier materielle wie immaterielle Unterstützung. Mit der Öffnung Vietnams nach Westen ("Doi Moi") gewannen viele der in der DDR gesammelten Kenntnisse an Bedeutung: Rückkehrer sind ebenso im aufstrebenden Tourismus tätig wie als Mittler und Dolmetscher für deutsche Investoren und Institutionen. Die Ergebnisse der Studie von Mirjam Freytag wie auch meine Interviews 2004 in Hanoi verweisen auf eine hohe Vernetzung ehemaliger Studierender aus der DDR. Sie haben die seit Anfang der neunziger Jahre beginnende Öffnung Vietnams nach Westen mitgetragen und durch ihre in der DDR gewonnenen Erfahrungen als kulturelle Mittler fungieren können.
Fast alle werteten ihren Aufenthalt in Deutschland als eine positive Zeit; gemessen an den Lebensbedingungen im damaligen Vietnam war die DDR - trotz aller Beschränkungen - ein "Paradies", wie manche sie in den Interviews bezeichneten. Sowohl die Studie von Freytag über die "Moritzburger" als auch eigene Interviews liefern eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass die gemeinsame Vergangenheit in der DDR und die positive Bindung an Deutschland für sie auch nach ihrer Rückkehr nach Vietnam eine bedeutende Rolle im weiteren Leben spielte.
Die zweite Gruppe der Rückkehrer waren die Vertragsarbeiter, die mit der "Wende" nach Vietnam zurückkehrten. Schon zu DDR-Zeiten hatten diese gut funktionierende Netzwerke aufgebaut. Eine Reihe von Gründen begünstigte die Netzwerkbildung. Die Vertragsarbeiter wurden in separaten Wohnheimen untergebracht und waren auch in eigenen "Arbeitskollektiven" tätig. Die Bedingungen am Arbeitsplatz wie im Wohnheim unterschieden sich erheblich von denen der DDR-Bevölkerung. Private Beziehungen zu Deutschen waren unerwünscht. Arbeitseinsatz, Unterbringung, alle Rechte und Pflichten der Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter wurden im Staatsvertrag bzw. in Jahresprotokollen zwischen der DDR und der SR Vietnam festgelegt; die Arbeiter selbst verfügten über keinen individuellen Arbeitsvertrag mit einklagbaren Rechten. Der Aufenthalt in der DDR war von vornherein zeitlich begrenzt, eine Integration in die DDR-Gesellschaft nicht erwünscht. Vor dem Hintergrund der sehr schwierigen Lebensbedingungen im Heimatland war der Aufenthalt in der DDR für die Vietnamesen - ungeachtet aller Einschränkungen und Repressionen - trotzdem sehr erstrebenswert. Die Arbeit sicherte nicht nur die eigene Existenz, sondern ermöglichte es den Vertragsarbeitern auch, ihre in Vietnam zurückgebliebenen Familien zu unterstützen.
Trotz der ständigen Aufsicht und Überwachung entwickelten sich informelle Netzwerke, mit denen sowohl soziale als auch ökonomische Ziele verfolgt wurden und die sogar über überregionale Strukturen verfügten. Neben der Funktion, die restriktiven Lebensbedingungen in den Wohnheimen zu erleichtern und dringend benötigte Nebenerwerbsquellen zu erschließen, boten sie sowohl die Möglichkeit zur Pflege der eigenen Kultur als auch Schutz vor ablehnenden Reaktionen von Seiten der deutschen Bevölkerung, die es trotz der offiziellen Freundschafts- und Solidaritätserklärungen immer wieder gab. Die Netzwerke gaben damit nicht nur emotionalen Rückhalt; sie fungierten auch als handfeste Hilfe im Alltag, sie waren für die soziale Situation und die Identität der Vertragsarbeiter unerlässlich.
Die in der DDR geknüpften Netzwerke blieben auch in der Wendezeit bestehen. Während für die in Deutschland verbliebenen Vertragsarbeiter die Bindung an die ethnische Community im Chaos der Wendezeit überlebenswichtig war, da fast alle Arbeitsverträge aufgelöst wurden, die staatlichen Institutionen für einen Verbleib in Deutschland zunächst jedoch keinerlei Hilfestellung boten, hielten auch die Vertragsarbeiter, die - freiwillig oder eher unfreiwillig - nach Vietnam zurückkehrten, die Vernetzung untereinander nach Möglichkeit aufrecht. Diese Netzwerke dienten sowohl der gegenseitigen wirtschaftlichen Hilfe als auch dem sozialen Austausch; sie halfen, den Kulturbruch zwischen der vietnamesischen und der DDR-Kultur zu überbrücken. Viele der Zurückgekehrten unterhalten dabei auch heute noch regelmäßigen Kontakt zu ehemaligen Vertragsarbeitern, die nach dem Zusammenbruch der DDR in Deutschland verblieben waren. Auch diese pflegen bis heute ethnische Netzwerke. Der Kampf um die Existenz und das Überleben im Nachwendedeutschland hat zu einem engeren Zusammenrücken der in Deutschland lebenden Vietnamesen geführt; bis heute leben viele der ehemaligen Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter eng auf die eigene Community bezogen.
So haben sich die in der DDR aufgebauten Netzwerke bis heute erhalten. Sie haben sich in dem Sinne sogar ausgebreitet, als heute wieder engere Verbindungen nach Vietnam bestehen, da durch die Bleiberechtsregelung von 1997 die Aufenthaltsfrage geklärt ist und Reisen in die Heimat somit ohne Schwierigkeiten möglich sind. Viele der ehemaligen Vertragsarbeiter haben inzwischen ihre damals in Vietnam verbliebenen Kinder nach Deutschland geholt, und kulturelle und wirtschaftliche Querverbindungen haben sich zwischen den Netzwerken der Ehemaligen aus der DDR in Vietnam und den vietnamesischen Netzwerken in Deutschland nach der Wende herausgebildet. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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