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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 39/2008)
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Psychische Folgen der Internetnutzung |

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Nicola Döring
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Soziale Beziehungen und Internet |
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Fragt man Menschen danach, was ihrem Leben Sinn verleiht, so stehen zwischenmenschliche Beziehungen in allen Altersgruppen an erster Stelle. Dies spiegelt sich auch in der Art und Weise des Gebrauchs des Internet wider. Insbesondere Jugendliche nutzen es, um Kontakt zu ihren Freunden zu halten, bevorzugt per Instant Messenger, der anzeigt, welche Freunde gerade online sind, und schnellen Nachrichtenaustausch erlaubt. Verstärkte Internetnutzung geht bei den meisten Jugendlichen nicht - wie oft befürchtet wird - mit sozialer Isolation einher, sondern ist eher Ausdruck besonders guter sozialer Integration. Auch der Erfolg der Social-Networking-Plattformen unterstreicht die Bedeutung des Internet für die Pflege sozialer Beziehungen. Die Mehrzahl der Studierenden in Deutschland nutzt die Plattform StudiVZ sowohl zur Kontaktpflege am neuen Studienort als auch, um mit ehemaligen Schulfreunden in Verbindung zu bleiben. In beiden Fällen verdrängt die Online-Kommunikation nicht das persönliche Gespräch oder Treffen, sondern bietet zusätzliche Kontaktmöglichkeiten.
Auch Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen können von computervermittelter Kommunikation profitieren, etwa wenn Eltern mit ihren erwachsenen Kindern per E-Mail in Kontakt bleiben oder entfernt lebende Großeltern per Online-Fotoalbum oder Webcam regelmäßig ihre Enkel sehen können. Während postalische Briefe heute nur noch von sehr wenigen Menschen und nur zu besonderen Anlässen geschrieben werden, gibt es bei der Online-Kommunikation keine hohe Schreibbarriere, der Austausch ist weniger floskelhaft und steif, dafür lebendiger und ähnelt dem mündlichen Gespräch. War die üblicherweise telefonische Kontaktpflege im Verwandtschaftskreis früher in erster Linie Frauensache, so sind durch Online-Kommunikation mittlerweile auch die Männer stärker einbezogen, indem sie mit Verwandten E-Mails austauschen.
Neben der Pflege vorhandener Sozialkontakte dient das Internet auch zum Aufbau neuer Beziehungen, etwa über die Teilnahme an Online-Gemeinschaften oder die Nutzung von Online-Kontaktbörsen. Die Befürchtung, dass Online-Gemeinschaften zu einer Cyber-Balkanisierung führen, also zu einer Zersplitterung der Gesellschaft in abgeschottete Online-Zirkel, ist empirischen Ergebnissen zufolge unbegründet. Vielmehr erweiternOnline-Kontakte das soziale Netzwerk, weil man sich nicht nur mit seinesgleichen austauscht, sondern an verschiedenen Online-Gemeinschaften teilnimmt und dadurch verstärkt mit Menschen außerhalb des gewohnten sozialen Kreises in Kontakt kommt. Damit verbunden ist eine Horizonterweiterung; bei mangelnder Toleranz kann es jedoch auch zu massiven Konflikten kommen.
Bei reinen Online-Beziehungen, die sich im Internet anbahnen und vor allem per Online-Kommunikation gepflegt werden, handelt es sich in der Regel um eher schwache Bindungen. Sie sind nicht so umfassend und stabil wie herkömmliche persönliche Beziehungen. Doch genau darin liegt zugleich ihre Stärke: In der modernen Gesellschaft bewegen sich Menschen in ganz verschiedenen privaten und beruflichen Zusammenhängen; zudem sind sie geografisch mobiler. Die Möglichkeit, zusätzlich zu der in der Regel begrenzten Anzahl enger Freundschaften im räumlichen Umfeld mit relativ geringem Aufwand ein (großes) Netzwerk lockerer Online-Kontakte zu pflegen, ist psychologisch oft vorteilhaft zu bewerten: In Situationen, in denen Angehörige nicht helfen können, stehen so weitere Ansprechpartner zur Verfügung.
Das Kennenlernen via Internet beschert aber nicht nur lockere Online-Beziehungen, sondern steht oft am Anfang sozialer Beziehungen, die offline weitergeführt werden: Aus Online-Gemeinschaften bilden sich nicht selten lokale Stammtische, Online-Kontaktforen führen zu spontanen Verabredungen. Neben dem Arbeitsplatz und Freizeitveranstaltungen ist das Internet längst die wichtigste Partnerbörse. Statt in der Kneipe den Blickkontakt zu anonymen Unbekannten zu suchen, wird der erste Kontakt in Online-Foren hergestellt oder auf Social-Networking-Plattformen nach Flirtpartnern in lokaler Nähe gesucht, um sich ggf. mit diesen zu treffen. Dadurch beschränkt sich die Partnerwahl nicht auf die äußere Erscheinung, sondern es werden von vornherein auch gemeinsame Interessen oder kommunikative Übereinstimmung einbezogen. Es gibt Hinweise darauf, dass Freundschaften und Partnerschaften, die sich aus einer langsamen Online-Annäherung entwickelt haben, besonders tragfähig sind.
Kritiker warfen der computervermittelten Kommunikation zu Beginn der Internetära oft vor, entmenschlicht und gefühllos zu sein. Nicht selten ist jedoch eher das Gegenteil der Fall: Der schriftliche Austausch ermutigt zu einer unbefangenen zwischenmenschlichen Annäherung, persönliche Themen werden rascher angesprochen; es entsteht der Eindruck von Nähe. Komplimente sorgen für gute Stimmung, die mediale Distanz steigert die Neugier und Sehnsucht nach dem Gegenüber. Online-Kommunikation ist nicht selten emotional aufgeheizt und erotisierend. Die diskrete Pflege von Online-Affären und virtuellen Seitensprüngen kann daher einerseits bestehende Partnerschaften und Ehen gefährden; andererseits kann der virtuelle Seitensprung auch dabei helfen, aus unbefriedigenden Lebenssituationen auszubrechen.
Internetnutzerinnen und -nutzer entsprechen heute einem Querschnitt der Gesellschaft. Daher ist die Befürchtung, beim Online-Kontakt in erster Linie an zweifelhafte Personen zu geraten, unbegründet. Trotzdem sollte auch bei einem sehr angenehmen Online-Kontakt vor einer Vertiefung eine gewisse Realitätsprüfung stattfinden (typischerweise besteht diese im Austausch von Fotos und einem oder mehreren Telefonaten); auch sollte das erste Treffen an einem öffentlichen Ort stattfinden. Moderierte Online-Communities bieten die Möglichkeit, belästigende Botschaften und Nutzer zu melden und diese bei Bedarf auszuschließen. Sie werden insbesondere für Kinder empfohlen, deren Internetnutzung idealerweise von den Eltern zu begleiten ist.
Gerade wegen des großen Angebots an möglichen Kontaktpartnern ist auch im Internet soziale Kompetenz notwendig, um andere auf sich aufmerksam zu machen und für sich einzunehmen, sonst wird man schnell "weggeklickt". Zudem erfordert die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen auch im Online-Bereich ein entsprechendes Engagement und den Einsatz von Zeit. Kurze Stippvisiten in einem Chatroom werden in oberflächlichem Smalltalk steckenbleiben, bedeutungsvollere Online-Beziehungen entstehen erst durch eine regelmäßige Teilnahme. Da im Internet nie "Feierabend" ist, bedarf es wiederum der Fähigkeit zu bewusster Selbstregulation, damit die (gerade in der Anfangsphase oft sehr spannend erlebte) Pflege von Online-Kontakten nicht auf Kosten anderer Lebensbereiche geht. |
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10. Februar 2012
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Arbeitsmaterialien Medien |
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Medienpädagogik "Wissensgesellschaft"
Wir leben in einer "Informations-" und "Wissensgesellschaft" – aber was bedeutet das konkret? Die multimediale Publikation erschließt die Folgen der neuen Medien für Politik, Wirtschaft und Alltag. |
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