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Informationen zur politischen Bildung (Heft 273)

Gesellschaftliche Strukturen


Dieter Bingen
Inhalt

Demographischer Wandel

Umwelt und Umweltbewusstsein

Nationale Minderheiten

Religionsgemeinschaften

Gewerkschaften und Interessengruppen

Medienlandschaft und Medienpolitik

Religionsgemeinschaften
Heute gilt Polen als das mit Abstand katholischste Land Europas, mit dem nur die konfessionelle Situation in der Republik Irland vergleichbar ist. Über 95 Prozent der Bevölkerung sind katholisch getauft. Diese zahlenmäßige Dominanz des Katholizismus in Polen ist erst durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen geschaffen worden.

Zwar hatte schon zuvor die römisch-katholische Kirche eine privilegierte Stellung inne. Aber damals waren nur zwei Drittel der Bevölkerung Polens katholisch. Aufgrund der nationalen Zusammensetzung gab es ein Nebeneinander zahlreicher Glaubensgemeinschaften. Nach Verfassung und Recht sind alle Kirchen und Religionsgemeinschaften grundsätzlich gleichgestellt.

Römisch-katholische Kirche

Die erste Regierung unter Führung der Kommunisten (PPR) garantierte im „Lubliner Manifest“ vom Juli 1944 die Gewissensfreiheit und die Achtung der Rechte der Kirche. Aber schon im September 1945 kündigte die Regierung das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl von 1925 auf. 1946 begannen die ersten Gewaltmaßnahmen gegen das öffentliche Wirken der katholischen Kirche. Auch ein Kompromissabkommen zwischen der Regierung und den polnischen Bischöfen im April 1950 hielt den staatlichen Kirchenkampf nicht auf. Der Primas, Stefan Kardinal Wyszynski, wurde im September 1953 verhaftet und interniert. Priester- und Ordensseminare wurden aufgelöst; der Religionsunterricht in den Volksschulen wurde im Januar 1955 verboten.

Mit der Liberalisierung im Herbst 1956 kehrte Kardinal Wyszynski aus der Verbannung nach Warschau zurück. Der Religionsunterricht in den Schulen konnte vorübergehend wieder erteilt werden. Den katholischen Laien wurde ein gewisser innenpolitischer Freiraum, zum Beispiel durch die im Sejm vertretene Abgeordnetengruppe ZNAK (poln.: Zeichen) und eigene Publikationen zugestanden.

Mit der Stabilisierung der Herrschaft der PZPR in den sechziger Jahren verschärfte sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche erneut. Der Versöhnungsbrief der polnischen Bischöfe an die deutschen Amtsbrüder im November 1965, in dem sie angesichts der tragischen deutsch-polnischen Geschichte der vierziger Jahre den Ausspruch: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ taten, galt als Verrat an der polnischen Staatsräson. Papst Paul VI. wurde ein Polenbesuch anlässlich der Millenniumsfeierlichkeiten zur „Taufe Polens“ 1966 versagt. Erst nach den Dezemberunruhen von 1970 suchte die neue Parteiführung unter Gierek wieder verstärkt die Unterstützung der katholischen Kirche. Es kam jedoch zu keiner „Normalisierung“ der beiderseitigen Beziehungen. Vielmehr setzte sich die katholische Kirche im Sommer 1976 für die Menschen- und Bürgerrechte der nach den Juniunruhen verfolgten Arbeiter ein. Die Wahl des „polnischen Papstes“ Johannes Paul II. (früher Erzbischof Karol Kardinal Wojtyla aus Krakau) im Oktober 1978 und sein Besuch in Polen 1979 waren mitentscheidend für die weitere Erosion der innenpolitischen Machtgrundlagen der PZPR.

Kirchliche Einflussnahme

In der Zeit der Solidarnosc 1980/81 fungierte die katholische Kirche als eine von beiden Seiten angerufene vermittelnde dritte Kraft in dem neuen Machtdreieck Partei/Staat-Solidarnosc-Kirche. Bei den Gesprächen am „Runden Tisch“ nahmen zwei Bischöfe als Beobachter teil. Ein Gesetz über das Verhältnis des Staates zur katholischen Kirche wurde am 17. Mai 1989 im Sejm verabschiedet. Im Juli folgte die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Apostolischen Stuhl und der Volksrepublik Polen sowie im August die Ernennung eines Nuntius in Warschau. Die katholische Kirche in Polen hatte ein Höchstmaß an Rechtssicherheit und an Wirkungsmöglichkeit erreicht.


 

Quellentext
Verhältnis der Kirchen zwischen der DDR und Polen
Die Ausgangslage für Kontakte zwischen den Kirchen in der DDR und der Volksrepublik Polen war äußerst schwierig. Die Erinnerung an die als tödliche Bedrohung erlebte deutsche Besatzungszeit blockierte auch bei kirchlich gesinnten Polen bis in die sechziger Jahre hinein jegliche Neigung zur Versöhnung mit den Deutschen. Mangelnde Einsicht in die schuldhafte Verstrickung auch der Kirchen in die nationalsozialistischen Verbrechen sowie die Konzentration auf die eigenen Leiden, zumal die der Flüchtlinge und Vertriebenen, hinderten die Kirchen in der SBZ/DDR zunächst an einer Aufnahme zwischenkirchlicher Beziehungen zum polnischen Nachbarland.

Von ausschlaggebender Bedeutung waren auch die für eine zwischenkirchliche Kontaktaufnahme ungünstigen politischen Rahmenbedingungen. Weder die deutschen noch die polnischen Kommunisten hatten ein Interesse an einer grenzüberschreitenden kirchlichen Vernetzung und verhinderten derartige Initiativen. Trotz dieser Barrieren kam es auf einem mühevollen Weg zu beiderseitigen kirchlichen Begegnungen und Beziehungen, wobei zwischen der Ebene der Kirchenleitungen und der kirchlichen Basis zu unterscheiden ist.

Ein erster Anstoß deutsch-polnischer Versöhnung ging Mitte der fünfziger Jahre von Lothar Kreyssig, dem Präses der Magdeburger Provinzialsynode, aus. In der Erkenntnis, dass Christen von Gott der Dienst der Versöhnung aufgetragen ist, dieser aber das Schuldeingeständnis voraussetzt und Zeichen der Sühne verlangt, hatte er einen entsprechenden Aufruf verfasst, der 1958 auf der Berliner Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Gründung der ökumenisch ausgerichteten „Aktion Sühnezeichen“ führte. Allerdings stieß die Realisierung geplanter Sühneeinsätze in Auschwitz und anderen ehemaligen Konzentrationslagern auf polnischem Boden auf den Widerstand der polnischen und der DDR-Behörden.

Wenngleich „Aktion Sühnezeichen“ zwischen 1964 und 1966, dem Jahr des von der SED offiziell verfügten Verbots derartiger Arbeitseinsätze, nur wenige Sommerlager in Polen durchführen konnte, so war doch deren Wirkung enorm.

Im polnischen wie im deutschen öffentlichen Bewusstsein gilt im Übrigen das Jahr 1965 als Zeitpunkt eines entscheidenden Durchbruchs zu einem neuen wechselseitigen Verhältnis. Die am 15. Oktober 1965 veröffentlichte evangelische Denkschrift „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ hatte eine Diskussion ausgelöst, die nicht nur die Weichen für eine neue, an Verständigung und Ausgleich orientierte Ostpolitik der Bundesrepublik stellte, sondern auch unter Christen in der DDR eine breite Resonanz fand. Wenig später kam es gegen Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils zu dem von Versöhnung bestimmten Briefwechsel polnischer und deutscher Bischöfe, auf den seiner politischen Brisanz wegen die kommunistischen Machthaber in der DDR wie in Polen äußerst scharf reagierten. In beiden Ländern wurde der Briefwechsel dennoch zu einem Impuls zwischenkirchlicher Kontakte, die trotz staatlicher Behinderungen und unter teilweiser Umgehung der Gesetze in vielfältiger Form realisiert wurden.

Mit dem Wegfall der Pass- und Visapflicht vom 1. Januar 1972 wurde es möglich, ohne Antragstellung die Grenze nach Polen zu passieren. Seit diesem Zeitpunkt ist denn auch evangelischer- wie katholischerseits eine starke Belebung zwischenkirchlicher Kontakte festzustellen. Als Reaktion auf die verstärkten kirchlichen Polenkontakte intensivierten die Sicherheitsorgane der DDR und der VR Polen ihre Repressalien.

Da den DDR-Funktionären Kontakte zur regimetreuen polnischen evangelischen Minderheitskirche als unproblematisch erschienen, war von der staatlichen Blockade vor allem die katholische Kirche betroffen. Ohnehin waren aus kirchenrechtlichen und kirchenpolitischen Gründen Kontakte auf Bischofsebene bis Anfang der siebziger Jahre praktisch unmöglich. Der Heilige Stuhl wertete die in den Oder-Neiße-Gebieten nach dem Krieg geschaffenen kirchlichen Strukturen als Provisorium und zögerte lange, diese Gebiete als völkerrechtlich zum polnischen Staat gehörig zu betrachten. Von den Behörden der DDR wie der VR Polen aber wurde die völkerrechtliche Anerkennung der Grenze zur Bedingung für zwischenkirchliche Kontakte gemacht. Diese Sperre für Einreisen von DDR-Bischöfen nach Polen bestand bis zum 28. Juni 1972, als nach Ratifizierung des Warschauer Vertrages von 1970 durch den Deutschen Bundestag für den Heiligen Stuhl die völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als gegeben betrachtet wurde und er der langjährigen Forderung nach einer kirchenrechtlichen Neuordnung in den einstigen deutschen Ostgebieten nachkam.

Doch auch nach 1972 kam es zu keiner sonderlichen Intensivierung offizieller katholischer Kichenkontakte und auch die kirchliche Basis wurde von der Kirchenleitung zur Zurückhaltung veranlasst, um eventuell auftretende Belastungen im Verhältnis zur staatlichen Seite möglichst zu vermeiden.

Theo Mechtenberg


Seit der demokratischen Wende 1989 kämpft die katholische Kirche um ihren Platz in der polnischen Demokratie. Sie machte vor allem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre ihren politischen Einfluss in der Tagespolitik geltend.

Die Auseinandersetzungen drehten sich seit 1990 insbesondere um den 1990 eingeführten schulischen Religionsunterricht, um Geburtenregelung, das Konkordat, um christliche Werte in den Massenmedien und in der Verfassung, aber auch um steuerliche Privilegien und Eigentumsrückerstattungen. Sowohl in der Konkordats- wie auch in der Verfassungsdiskussion ging es um die Durchsetzung christlicher Werte in der staatlichen Gesetzgebung gegen das liberale Paradigma von der „Trennung zwischen Staat und Kirche“.

Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung spricht sich jedoch gegen die Einflussnahme der katholischen Kirche in Politik und öffentlichem Leben aus und richtet sich oftmals nicht nach kirchlichen Empfehlungen. Bei den Parlamentswahlen 1993, 1997 und 2001 zog die katholische Kirche daraus die Konsequenzen und hielt sich mit Wahlempfehlungen weitgehend zurück.

Ein Grundproblem im Verhältnis von Staat und Kirche in Polen liegt nach den Erfahrungen der Nachkriegsjahrzehnte darin, gegenseitig zu akzeptieren, dass der demokratische Staat kein Gegner der Kirche ist, und im Gegenzug, dass die Kirche den Staat nicht als Herrschaftsgebiet beansprucht, sondern als einen Rahmen, in dem sie sich frei bewegt und um bestimmte Werte kümmert. Dabei wird die Säkularisierungsdebatte in Polen noch dadurch verschärft, dass die Dechristianisierungsprozesse und die liberaldemokratische Trennung von Kirche und Staat – Vorgänge, die in den west- und südeuropäischen Staaten über viele Jahrzehnte in demokratischen Systemen verliefen – die Kirche in Polen nach der raschen Demokratisierung schockartig vor eine neue Situation stellten.

Die katholische Amtskirche könnte sich ihrer Freiheit erfreuen, wenn sie darunter nicht die privilegierte Stellung verstünde, die sie vor 1989 zwar nicht im Staat, aber in der Gesellschaft einnahm, wenn sie sich weniger im politischen Leben engagierte und eher Erziehungsarbeit leistete, mit dem Ziel, die Katholiken auf ihr Leben in einer pluralistischen Gesellschaft vorzubereiten.

Ein kämpferisches Selbstverständnis und eine ebensolche Sprache ließen die katholische Kirche jedoch vor allem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre eher zum Konfliktverursacher werden.

Die Diskussion über die Wertegebundenheit einer Gesellschaft ist unausweichlich und notwendig. Das „geistige Unglück“ (Stanislaw Rosnowski in der Wochenzeitung Polityka) der politischen Szene Polens lag aber darin, dass in dieser Debatte die beiden Seiten des eher operettenhaften polnischen „Kulturkampfes“ – das heißt die Kirche und „die Linke“ – keine entwickelte Konzeption von der Zukunft Polens hatten. „Und so haben wir anstatt einer großen Debatte über das Polen von morgen die idiotische Alternative: entweder Kirche oder Europa.“ (Rosnowski) In letzter Zeit werden nicht ohne Erfolg die Bemühungen verstärkt, die katholische Kirche zu einer EU-freundlicheren Haltung zu bewegen.

Andere christliche Gemeinschaften

Ein großer Teil der Ukrainer griechisch-katholischen Bekenntnisses (110380) wurde nach der Vertreibung aus ihren ursprünglichen Wohngebieten im Südosten Polens vor allem in den ehemaligen deutschen Ostgebieten angesiedelt. Die Lage der Unierten wurde noch dadurch erschwert, dass die römisch-katholische Kirche zwar nicht offiziell, aber faktisch eine Katholisierung und Polonisierung der Unierten anstrebte. Erst 1991 wurde Iwan Martyniak als erster Diözesanbischof für die griechisch-katholische Kirche berufen und der seit 1946 vakante unierte Bischofssitz in Przemysl 1992 wieder besetzt.

Die autokephale orthodoxe Kirche ist nach der römisch-katholischen Kirche die zweitstärkste Glaubensgemeinschaft (561400) in Polen, obwohl sich durch den mit der Westverschiebung des Staates verbundenen Verlust der orthodoxen Bevölkerung weißrussischer und ukrainischer Nationalität die Anzahl der Gläubigen dieser Konfession stark verringerte. Der Sitz des Metropoliten der orthodoxen Kirche ist Warschau. Mit dem Gesetz vom 4. Juli 1991 über die Beziehungen des Staates zur orthodoxen Kirche erhielt diese den Status einer rechtlichen Person, vergleichbar mit der römisch-katholischen Kirche.

Die Gedanken der Reformation erreichten Polen sehr früh. Das erste evangelische Bistum wurde 1565 in Großpolen gegründet. Im 16. Jahrhundert trat die schlesische Bevölkerung in der Region von Teschen (Cieszyn) zum Protestantismus über. Bis heute leben in diesem Gebiet die meisten polnischen Protestanten (in ganz Polen 87300). In den letzten zwei Jahrhunderten erschwerte die ungerechtfertigte Gleichsetzung des Protestantismus mit der deutschen Nationalität, abgesehen von der natürlichen Hegemonialposition der katholischen Kirche, das Leben der Evangelischen in Polen. Das Verhältnis zwischen dem Staat und der evangelisch-augsburgischen Kirche regelt ein am 13. Mai 1994 verabschiedetes Gesetz.

Die relativ geringe Bereitschaft der katholischen Kirche zu einem wirklich intensiven Dialog und zur Anerkennung der nicht römisch-katholischen christlichen Konfessionen in Polen, die sich im Polnischen Ökumenischen Rat (außer den genannten noch die polnisch-katholische Kirche, die altkatholische Kirche der Mariaviten, die evangelisch-reformierte Kirche/Calvinisten, die evangelisch-methodistische Kirche, Christen-Baptisten) zusammengetan haben, ist durch das erdrückende Übergewicht der Katholiken in der Gesellschaft bedingt.

Juden

Im 12. und 13. Jahrhundert siedelten sich die ersten Juden in Polen an. Fürst Boles>=aw der Fromme (Pobozny, 1239–1279) verlieh den in seinem Fürstentum Großpolen lebenden Juden Sonderprivilegien („Statut von Kalisz“). König Kazimierz III. (1333–1370) bestätigte diese und erweiterte ihre Geltungskraft auf das gesamte Staatsgebiet. In Polen herrschte im europäischen Vergleich gegenüber den Juden relativ große Toleranz, deshalb wurde es zur Zuflucht vieler Juden vor den seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa zunehmenden Pogromen. Im 16. Jahrhundert, der Blütezeit polnischen Judentums, lebten circa 150000 Juden (fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung) in Polen-Litauen. 1582 trat erstmals eine jüdische „Vier-Länder-Synode“ (Großpolen, Kleinpolen, Rotreußen, Wolhynien) zusammen. Litauen erhielt einen eigenen jüdischen Landtag.

Die Kosakenunruhen des Jahres 1648 und die darauffolgenden Kriegswirren markierten einen Einschnitt in der Geschichte der polnischen Juden. Die ursächlich gegen die polnisch-katholische Herrschaft gerichteten Aufstände entluden sich gegen die Juden, denen weite Teile von Handel und Verwaltung übertragen waren. Nach den Teilungen Polens kamen auch die rund 800000 polnischen Juden unter russische, habsburgische oder preußische Herrschaft. Im preußischen (Posen) und habsburgischen (Krakau, Lemberg) Teilungsgebiet war ein starkes Assimilationsstreben der zur deutschsprachigen Kultur neigenden jüdischen Oberschicht feststellbar.

Nach der Wiedergeburt des polnischen Staates 1918 konnten sich die polnischen Staatsbürger jüdischen Glaubens politisch relativ frei entfalten. Sie hatten eigene politische Parteien, und Abgeordnete dieser Parteien (sozialistische, nationale, zionistische) waren in fast allen Parlamentsperioden im Sejm vertreten. Die Wirtschaftskrise seit Ende der zwanziger Jahre verschärfte den Antisemitismus. 1937 wurden „Ghetto-Bänke“ für jüdische Studenten und unmittelbar danach der „Numerus clausus“ eingeführt. Die Tragödie der Juden in Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, das schwärzeste Kapitel in der deutschen Geschichte, spielte sich vorwiegend auf polnischem Boden ab, wo die Nazis seit 1941 ihre Vernichtungslager errichtet hatten. Von den insgesamt 3,3 Millionen Juden, die 1939 auf polnischem Boden lebten, überlebten nur zehn Prozent den Holocaust.

„Nachbarn“, die Buchveröffentlichung des polnisch-jüdisch-amerikanischen Historikers Jan Tomasz Gross, die die Instrumentalisierung von Antisemitismus in Polen durch die deutsche Besatzungsherrschaft am Beispiel der Ortschaft Jedwabne thematisierte, führte 2001 in Polen zu einem lebhaften und wichtigen „Historikerstreit“ und öffentlichen Diskussionen, die mit entsprechenden deutschen Debatten der letzten Jahrzehnte vergleichbar sind und in denen eine ähnlich kathartische Wirkung für ein differenzierteres Selbstbild der polnischen Gesellschaft sichtbar wird.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 250000 Juden auf polnischem Staatsgebiet. 30 Gemeinden wurden gegründet. Nach Ausschreitungen an verschiedenen Orten (beispielsweise dem Pogrom von Kielce 1946) verließen Zehntausende das Land. 1947 lebten nur noch rund 100000 Juden in Polen. Die „antizionistische“ Politik des kommunistischen Regimes, zuletzt noch in der Folge des israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieges vom Juni 1967, führte dazu, dass der größte Teil der noch in Polen verbliebenen Juden 1968 das Land verließ.

Heute leben rund 5000 Juden in Polen, die im Schnitt weit über 70 Jahre alt sind. 1996 bestanden 21 jüdische Gemeinden, die zum „Verband der jüdischen Glaubensgemeinschaft in der Republik Polen“ zusammengeschlossen sind und 1222 Mitglieder haben. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre begann in Polen eine bemerkenswerte Wiederentdeckung des jüdischen Erbes und der jüdischen Kultur.

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09. Februar 2012
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