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Informationen zur politischen Bildung (Heft 280)

Gesellschaften unter Globalisierungsdruck


Wolfgang Kessler
Inhalt

Einleitung

Wettbewerb der Produktionsstandorte

Exportnation Deutschland

Produktionsverlagerung

Wandel der Arbeits- und Lebensverhältnisse

Auswirkungen auf die nationale Politik

Sozialstaat unter Reformzwang

Bildungspolitik vor neuen Aufgaben

Zukunftsperspektiven

Wandel der Arbeits- und Lebensverhältnisse
Die Globalisierung verändert die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Menschen rascher als andere wirtschaftliche Prozesse zuvor. Strukturwandel gab es schon immer: von Kohle zu Öl, von Eisen und Stahl zu Elektronik und Telekommunikation. Doch die globalen Entwicklungen sind rasanter. Wo einst Textilherstellung, Bergbau und die Industrieproduktionen im Allgemeinen florierten, liegen jetzt ganze Industrieviertel brach. Dafür entstanden in den Innenstädten große Bürozentren für Telekommunikationsunternehmen, Banken, Versicherungen und Finanzmakler. Diese neuen, globalen Wirtschaftszweige bieten vielen Menschen neue Perspektiven: Angestellten mit guter Ausbildung, weit reichenden Sprachkenntnissen und dem Wunsch, ihren Arbeitseinsatz flexibel und mobil nach den Bedürfnissen und Anforderungen "ihrer" Unternehmen zu richten. Wer über viel Selbstvertrauen und über die notwendigen beruflichen Qualifikationen verfügt, der oder dem steht die Welt meist offen.

Inzwischen ist es möglich, fast jede Arbeit zu jeder Zeit und dies an fast jedem Ort der Welt abzuleisten - wenn Technologie und Qualifikation stimmen. Diese Folge der Globalisierung eröffnet bestimmten Arbeitnehmer-Gruppen völlig neue Möglichkeiten. Wer die Klaviatur der Informationsgesellschaft beherrscht, kann sich auf Mallorca niederlassen und dort für verschiedene Unternehmen arbeiten: Zum Beispiel ist es möglich, über das Internet an eine Redaktion angebunden zu sein und für diese regelmäßig Beiträge zu schreiben oder eigene Textentwürfe und Layout-Vorschläge am häuslichen Bildschirm zu entwickeln und per Internet der auftraggebenden Werbeagentur in Deutschland zu übermitteln. Nach dem Druck wird der Werbebroschüre niemand anmerken, dass sie in Mallorca entworfen und gestaltet wurde. Sonne, Wind und Arbeit - was will man mehr? An Visionen für die künftige Arbeitsgesellschaft fehlt es nicht.

Doch vielen Menschen machen diese Entwicklungen Angst. Sie fürchten um ihre Existenz. Und sie haben umso mehr Angst, je älter oder je unflexibler sie sind, weil sie zum Beispiel Kinder haben. Sie haben noch mehr Angst, wenn sie - aus welchen Gründen auch immer - nicht die Qualifikationen vorweisen können, die die globale Wirtschaft fordert. Und am meisten fürchten sich jene, die in diesem Konkurrenzkampf besonders schlechte Karten haben: die Kranken, die Behinderten und all diejenigen mit einem Handicap, das ihre Marktfähigkeit verringert. Sie wissen, dass der globale Wettbewerb hart ist und dass sie diejenigen sein könnten, die am Ende als Verlierer dastehen.

Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem Buch "Der flexible Mensch" (1998) die Folgen der absoluten Anpassungsfähigkeit, die die Globalisierung der Wirtschaft von den Menschen fordert. "In der Arbeitswelt ist die traditionelle Laufbahn, die Schritt für Schritt die Korridore von ein oder zwei Institutionen durchläuft, im Niedergang begriffen." Diese Veränderung habe, so Sennett, tief greifende Auswirkungen auf das Privatleben: "Es ist die Zeitdimension des neuen Kapitalismus, die das Gefühlsleben der Menschen außerhalb des Arbeitsplatzes am tiefsten berührt. Auf die Familie übertragen bedeuten diese Werte einer flexiblen Gesellschaft: Bleib in Bewegung, geh keine Bindungen ein und bring keine Opfer."

Wenn sich diese Entwicklung verstärkt, so hat dies weit reichende Folgen für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Der Single wird zum Prototyp des globalisierten Menschen: möglichst wenige persönliche Abhängigkeiten, dauerhafte hohe Verfügbarkeit im Beruf. Vor diesem Hintergrund wachsen die Herausforderungen an das Zusammenleben: Wochenendbeziehungen nehmen ebenso zu wie Partnerschaften über weite Entfernungen. Es besteht die Gefahr, flexibel aneinander vorbei zu leben. Kinder werden zum beruflichen Risiko. Die Geburtenrate wird weiter sinken, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht enorm verbessert wird: durch ganztägige Betreuungseinrichtungen und durch eine bessere steuerliche Förderung der Fremderziehung von Kindern in Privathaushalten.

Eine rasante wirtschaftliche Dynamik, mehr Mobilität für den Einzelnen, Zuwanderung von Menschen aus anderen Regionen der Welt - diese Entwicklungen können eine Gesellschaft bereichern. Speziell die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte nutzt der deutschen Gesellschaft auch materiell. Denn sie bezahlen alle Steuern und Sozialabgaben. Wie schnell sich Einwanderung auszahlt, das zeigt sich besonders bei der Zuwanderung von besonders qualifizierten Fachleuten über die umstrittene Green-Card. Bis Mitte 2002 kamen laut Bundesregierung 8556 ausländische Computer-Spezialisten nach Deutschland - und schufen hier zu Lande über 20000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Dennoch werden Zuwanderung und Globalisierung vielfach als Bedrohung erlebt - etwa als Bedrohung gewachsener sozialer Strukturen in Städten und Dörfern. Für viele Menschen bedeutet die schleichende Auflösung von Traditionen und althergebrachten Lebenszusammenhängen eine Entwurzelung. Wenn sie sich dann noch als Verlierer erleben, weil ihnen gekündigt wird oder sie einen schlechter bezahlten Job weit entfernt von ihrem Wohnort annehmen müssen, dann reagieren sie oftmals frustriert. Dann können Zugewanderte leicht zum Feindbild werden.

Wenn sich diese Empfindungen in bestimmten Regionen und Stadtvierteln konzentrieren, kann eine explosive Lage entstehen. Dies gilt umso mehr, als die Menschen eine Politik erleben, die in wachsendem Maße ihre eigene Ohnmacht offenbart. Immer weniger wird vor Ort entschieden, immer häufiger verweisen die politischen Instanzen vor Ort auf Berlin, Brüssel oder gar auf anonyme internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Heimat, nach einer Stärkung der Region und ihrer Selbstständigkeit.

Dieses Bedürfnis kann die Politik nur noch in Ansätzen befriedigen: zum Beispiel durch die Förderung von Märkten für regionale Produkte oder durch die Stärkung der lokalen Vereine. Immer häufiger erleben die Menschen jedoch, dass ihre Region durch Entscheidungen in einer weit entfernten Konzernzentrale Hunderte von Arbeitsplätzen verliert und dass weder sie noch die Politik irgendetwas dagegen unternehmen können. Diese Erfahrungen erzeugen bei so manchen Beschäftigten mit geringerer Qualifikation, bei Menschen, die nicht so mobil, die älter, arbeitslos oder anderweitig benachteiligt sind, eine gefährliche Mischung aus Resignation und Aggression - auch und gerade gegen die Folgen der Globalisierung.
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09. Februar 2012
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Zu diesem Heft
Grundzüge der Globalisierung
Informationsrevolution und ihre Folgen
Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung
Gesellschaften unter Globalisierungsdruck
Chancen und Risiken für Entwicklungsländer
Außen- und Sicherheitspolitik vor neuen Herausforderungen
Lösungsansätze für globale Umweltprobleme
Menschenrechte für alle?
Globaler Terrorismus
Regieren im Weltmaßstab
Kulturen zwischen Globalisierung und Regionalisierung
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