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Informationen zur politischen Bildung (Heft 282)

Internationale Bevölkerungspolitik


Herwig Birg
Inhalt

Einleitung

Akteure und Hauptzielsetzungen

Aktionsprogramme der UN

Einleitung
Wenn auf nationaler und internationaler Ebene jegliche Art von Politik stets auf eine sozialverträgliche Weise betrieben werden könnte, bräuchte es keine Sozialpolitik, um die Fehlentwicklungen nachträglich zu korrigieren. Ebenso wenig bedürfte es in diesem Fall wahrscheinlich einer Bevölkerungspolitik. Die Menschen würden sich vielleicht mehrheitlich die von ihnen als ideal angesehene Zahl von durchschnittlich zwei Kindern pro Frau/Mann nicht nur wünschen, sondern sie auch verwirklichen, so dass die Bevölkerung konstant und die Altersstruktur optimal wäre. Die wachstums- oder schrumpfungsbedingten wirtschaftlichen und sozialen Probleme träten dann gar nicht erst auf. Wird die internationale Staatenwelt jedoch nicht von einem idealen, sondern von einem realistischen Standpunkt betrachtet, dann sind zwei Kinder pro Frau nur für die Industrieländer mit niedriger Sterblichkeit optimal, während die bestandserhaltende und die für die Altersstruktur optimale Kinderzahl pro Frau in den Ländern mit hoher Sterblichkeit über zwei liegt. Demographen in den Entwicklungsländern, beispielsweise in Indonesien, lehnen deshalb das von ihrer Regierung und von internationalen Organisationen propagierte Ziel einer Kinderzahl von zwei als zu niedrig ab. Wenn infolge der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit jedes dritte Kind vor Erreichen des Erwachsenenalters stirbt, ist es aus der Sicht der Eltern rational, mindestens drei, vier oder noch mehr Kinder anzustreben, um die erhoffte Unterstützung aus der eigenen Familie als einer Art von sozialem Sicherungssystem von unten erhalten zu können.
In den Industrieländern ist die Vorstellung verbreitet, dass Bevölkerungspolitik nur etwas für Entwicklungsländer sei, während in den reichen Ländern sozialpolitische Korrekturmaßnahmen zur Beherrschung der Auswirkungen einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung reichten. Diese Sichtweise ist vordergründig, denn auch die demokratischen Gesellschaften der Wohlfahrtsstaaten können ihre sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Ziele um so eher verwirklichen, je besser sie den demographisch bedingten, von der Alterung hervorgerufenen sozialen Verteilungsstress zwischen den Generationen und zwischen den Bevölkerungsgruppen ohne und mit Kindern beherrschen und gestalten. Deshalb betreiben auch demokratische Gesellschaften eine Art von Bevölkerungspolitik in den Bereichen Familie, Gesundheit, Arbeitsmarkt und Zuwanderung, um ihre Ziele in der Sozial- und Wohlfahrtspolitik zu erreichen.
 

Quellentext
Folgen der Übervölkerung
Im Jahre 1921 zählte Indien in seinen heutigen Grenzen 251 Millionen Einwohner, und es gab neben diesen genug Platz, Wasser und Nahrung auch für Tiger und Elefanten. 80 Jahre später lebten auf dem gleichen Gebiet eine Milliarde Menschen, und es war für alle Bewohner des Halbkontinents eng geworden. Pakistan war 1948 mit 32,5 Millionen Einwohnern in die Unabhängigkeit gestartet und musste zur Jahrtausendwende bereits 140 Millionen Mägen sättigen. Das ist es, was man unter einer Bevölkerungsexplosion versteht. Hätten sich die Deutschen ähnlich schnell vermehrt, müsste unser Land heute 320 Millionen Menschen - mehr Einwohner als ganz Nordamerika - beherbergen, und wir steckten in demselben qualvollen Gedränge, das in den Megastädten der Dritten Welt von Mexiko City bis nach Schanghai leidvoller Alltag ist. [...]
Die Vervierfachung der Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert von 1,6 auf 6,1 Milliarden Köpfe ist in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel. Und noch immer ist ein sanftes Ausschwingen dieser stürmischen Entwicklung nicht absehbar. [...]
Übervölkerung ist beinahe ausschließlich ein Drittweltproblem, denn die vorauszusehende rasante Vermehrung der Menschheit in den nächsten 50 Jahren findet zu 99 Prozent in den heute so genannten Entwicklungsländern statt. Hier werden sich alle damit verbundenen Probleme ballen und in Megastädten nie gekannten Ausmaßes, den neuen Babylons, gesteigerten Ausdruck finden. 1975 gab es nur fünf Megastädte mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern auf der Welt, im Jahr 2000 waren es schon 19 und im Jahre 2015 dürfte ihre Zahl auf 23 steigen, darunter mit Tokio, New York, Los Angeles und Osaka nur vier Metropolen der so genannten Ersten Welt.
Heute schon wird fast keine der Ballungen in der Dritten Welt mit ihren Abfällen und Abwässern fertig. Die Luft in Mexiko City, Bombay oder Jakarta ist atemverschlagend schmutzig, zusammen mit Lärm, Gestank und der Hässlichkeit der Armut ein Anschlag auf alle Sinne. Allerdings haben die meisten dieser Drittwelt-Metropolen auch eine glänzende Seite: Himmelwärts strebende Hochhäuser und luxuriöse Einkaufspaläste stellen kleinere westliche Großstädte leicht in den Schatten. [...]
Slums, oft zwischen Müll und Fäkalien eingezwängt, sind für lange Zeit das Zuhause der vielen Millionen Zuzügler, ob in Rio oder Lagos, die sich in der Stadt ein besseres Leben als auf dem Lande erhoffen. Trinkwasser wird - ob in Dehli, Santiago de Chile oder Mexiko City - über immer längere Leitungen aus der weiteren Umgebung abgesaugt oder in solchen Mengen aus dem städtischen Boden heraufgepumpt, dass sich gewaltige Trichter im Grundwasserspiegel unter den großen Städten auftun. Liegen die Städte an der Küste, bricht wie in Bangkok oder Jakarta Salzwasser in die leeren Grundwasserleiter ein. [...]
Nord und Süd essen den Schöpfungskuchen von zwei Seiten her auf. Die Reichen zehren mit ihrem Überkonsum stark an den natürlichen Gemeinschaftsgütern der Menschheit wie dem Klima oder dem Reichtum der Meere. Alles, was die Welt zu bieten hat - an pflanzlichen und mineralischen Rohstoffen, an exotischen Früchten oder Genussmitteln -, können sie mit ihrem Geld aus jedem Winkel der Erde beziehen. Die Armen aber knabbern, für sie selbst viel bedrohlicher, an den ihnen nahe liegenden Grundlagen ihrer eigenen Ernährung und Gesundheit; sie ziehen sich sozusagen selbst den grünen Teppich unter ihren Füßen weg. Sie pressen Boden, Wasser, Wald in ihrer Umgebung so weit aus, bis diese immer weniger hergeben und schließlich, im schlimmsten Fall, eine unbrauchbare Mondlandschaft zurückbleibt. [...]

Dietrich Jörn Weder, Umwelt. Bedrohung und Bewahrung, Bonn 2003, S. 59 ff.

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10. Februar 2012
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