Die Französische Revolution
Joachim Rohlfes
3.7.2003
Mit dem „Sturm auf die Bastille“ am 14. Juli 1789 beginnt die Französische Revolution. (© Public Domain, Wikimedia)Die französische Revolution
Revolutionäre Neuerungen Die durch revolutionäre Machtergreifung entstandene Nationalversammlung leistete schnelle Arbeit. Am 11. August 1789 schaffte sie die feudalen Privilegien ab, am 26. August 1789 verabschiedete sie die "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte". Seitdem gab es nur noch freie, vor dem Gesetz gleiche französische Bürger. Freilich konnte sich die aus Adel und bürgerlichen Honoratioren bestehende Versammlung nicht zur entschädigungslosen Aufhebung der Frondienst- und Abgabeverpflichtungen durchringen; doch wurde diese Einschränkung zunächst von den Bauern, die sich eigenmächtig aller feudalen Pflichten entledigten, später durch ein Gesetz der revolutionären Volksvertretung beiseite geschoben.
Die Verfassung vom 3. September 1791 begründete den französischen Staat als konstitutionelle Monarchie auf der Basis der Volkssouveränität. Die drei Staatsgewalten, die im Sinne Montesquieus voneinander getrennt wurden, empfingen ihre Rechtfertigung aus dem Volkswillen; auch der König regierte lediglich aus übertragenem Recht, was seine Absetzbarkeit einschloss. Dem Inhalt, wenn auch nicht dem Verfassungstext nach, beruhte das neue Staatswesen auf den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Freiheit - das war die Summe der bürgerlichen Grundrechte: persönliche Freiheit, Freizügigkeit, Meinungs- und Gedankenfreiheit, Versammlungsfreiheit, Befreiung von allen feudalen Lasten. Die Freiheitsnorm schloss auch die wirtschaftliche Freiheit ein: Aufhebung der Zünfte, freie Konkurrenz. Diese Freiheit war streng individualistisch gemeint; kollektive Zusammenschlüsse, namentlich Koalitionen der Arbeitnehmer, wurden darum verboten.
Gleichheit war zunächst und vor allem die Gleichheit vor dem Gesetz, die unverbrüchlich gleiche Geltung der Gesetze für jedermann und ohne Ausnahme. Daraus folgte der - bei entsprechender Qualifikation - gleiche Zugang zu allen öffentlichen Ämtern. Gleichheit meinte auch die Gleichheit der staatsbürgerlichen Pflichten, bei den Steuern und im Militärdienst. Sie war die Gleichberechtigung von Stadt und Land, der gleiche Rechtszustand aller Landesteile: an die Stelle der historischen Provinzen und Grafschaften traten 83 ungefähr gleich große Departements, die nach einheitlichen Prinzipien untergliedert und verwaltet wurden.
Zur Gleichheit gehörte jedoch nicht die Gleichheit der politischen Mitwirkungsrechte. Das Wahlrecht war an ein nicht zu knapp bemessenes Einkommen gebunden; alle Armen und wirtschaftlich Abhängigen konnten weder wählen noch gewählt werden. Diese Beschränkung des Wahlrechts - eine typische Forderung des liberalen Bürgertums fast im ganzen 19. Jahrhundert - war eine Absage an die egalitäre Demokratie; sie leitete sich aus der Angst der Besitzenden her, von den Besitzlosen überstimmt und eines Tages womöglich enteignet zu werden. Das wohlhabende Bürgertum bekundete damit seinen Willen, die dem Feudaladel abgerungene staatsbürgerliche Gleichberechtigung den nachdrängenden Unterschichten zu verweigern.
Brüderlichkeit war eine gefühlsbetonte Umschreibung für Einheit und Solidarität. Die Verfassung bezeichnete das Königreich und die nationale Souveränität als "einheitlich" und "unteilbar", und betonte damit den für Frankreich charakteristischen Vorrang der Zentralregierung, die der Selbstverwaltung in den Departements und Gemeinden wenig Entfaltungsmöglichkeiten ließ.
Brüderlichkeit war auch Solidarität: gegen die Feinde von außen als nationaler Patriotismus, gegen die inneren Feinde als revolutionäre Gesinnung. Diese revolutionäre Solidarität wurde in den Jahren nach 1791 zum Instrument in der Hand der jeweils Mächtigen und diente dazu, die Republikaner gegen die Monarchisten, die radikal-demokratischen Jakobiner gegen die gemäßigt-liberalen Girondisten, die "Volksfreunde" gegen die "Volksfeinde" zu mobilisieren und die Opposition aus dem Wege zu räumen. Die Jakobinerherrschaft
Die konstitutionelle Monarchie nutzte ihre Chancen schlecht. Sie erlitt militärische Niederlagen im leichtsinnig entfesselten Krieg gegen Österreich und Preußen, wurde mit der Inflation und den Versorgungsmängeln nicht fertig und verspielte den letzten Kredit, als der misslungene Fluchtversuch des Königs seine vaterlandsfeindliche Politik offenbarte. Mit offenkundiger Duldung der auf den Sturz der Monarchie wartenden Jakobiner (Robespierre, Danton, Marat) entlud sich die Wut und Enttäuschung der in den Pariser Stadtbezirken gut organisierten klein- und unterbürgerlichen Sansculotten, die das Königsschloss stürmten, zahlreiche politische Gefangene in den Gefängnissen ermordeten und es durchsetzten, dass der Magistrat von Paris, die Commune, eine Zeitlang erhebliche politische Macht ausübte.
Im September 1792 wurde die Republik ausgerufen, im Januar 1793 der König hingerichtet. Aufgrund des allgemeinen Wahlrechts der Männer wurde eine neue Volksvertretung, der Konvent, gewählt, in dem die Jakobiner tonangebend waren, obwohl sie nicht die zahlenmäßige Mehrheit besaßen. Der Konvent, der für sich die Befugnisse des Parlaments und der Regierung zugleich in Anspruch nahm, schickte sich an, die vollständige politische Gleichheit, die egalitäre Demokratie zu verwirklichen. Die Jakobiner handelten dabei in äußerster Bedrängnis. Gleichzeitig mussten sie mit der militärischen Bedrohung von außen, der Gegenrevolution in mehreren Landesteilen, der sich verschärfenden wirtschaftlichen Not und Inflation, dem Druck der Sansculotten und der Pariser Commune, der Opposition der Girondisten und den Widersachern im eigenen Lager (den Ultras um Hébert und den Gemäßigten um Danton) fertig werden.
Das politische Entscheidungszentrum verlagerte sich in den Wohlfahrtsausschuss, der zunehmend mehr diktatorische Vollmachten bei sich vereinigte; sein Terrorinstrument war das Revolutionstribunal, das in immer ungehemmterer Prozessführung binnen eines Jahres 16 600 Todesurteile gegen die "Feinde der Revolution" verhängte, darunter viele politischen Führer der ersten Revolutionsjahre. Die "Revolution fraß ihre Kinder".
Robespierre wurde zum Motor eines Schreckensregiments, das durch ununterbrochene Kontrollen und Säuberungen Misstrauen, Angst und Unterwürfigkeit erzeugte. Unter seinem Einfluss wurde der Staat zu einem Moloch, der alles zu zermalmen suchte, was sich ihm entgegenstellte. Die Indienstnahme der Staatsbürger wurde immer unerbittlicher: Das Dekret über das Volksaufgebot vom 23. August 1793 verpflichtete nahezu alle erwachsenen Franzosen zum aktiven Dienst für das Vaterland. Die Preise und Löhne wurden staatlich reguliert und eingefroren, Lebensmittelvorräte beschlagnahmt, Wirtschaftsvergehen mit dem Tode bestraft, die Reichen mit einer Zwangsanleihe belastet. Den Höhepunkt der Robespierreschen "Despotie der Freiheit" bildete das Gesetz gegen die Verdächtigen, das alle Staatsbürger zu positiven Beweisen ihrer Loyalität zwang, und das "Gesetz gegen die Feinde des Volkes", das jeden der Regierung Missliebigen mit der Guillotine bedrohte.
Mit diesen Maßnahmen überspannte die Gruppe um Robespierre den Bogen und fiel den eigenen Anhängern, die um ihr Leben bangten, zum Opfer (Juli 1794). Robespierre starb unter dem Fallbeil. Die gemäßigten bürgerlichen Kräfte erstarkten und konnten eine Verfassung durchsetzen, durch die das Wahlrecht erneut an ein nicht zu knapp bemessenes Mindesteinkommen geknüpft und die Regierungsgewalt einem fünfköpfigen Direktorium übertragen wurde (1795). Diese Direktorialverfassung blieb nur vier Jahre in Kraft. 1799 stürzte Napoleon Bonaparte, der erfolgreichste und populärste General der Revolutionskriege, das Direktorium und errichtete unter dem Namen des Konsulats eine Militärdiktatur, die er 1804 in das Kaisertum umwandelte.
Die jakobinische Demokratie scheiterte, weil sie in eine terroristische Diktatur ausartete. Sie verlor schließlich jegliche Massenunterstützung, da sie sich sowohl den Sansculotten als auch dem Besitzbürgertum entfremdete und zwischen einer sozialen und einer liberalen Demokratie hin und her schwankte. So behauptete schließlich das Besitzbürgertum das Feld. Es war für die Abschaffung der feudalen Privilegien, verhinderte aber die egalitäre Demokratie indem es das Zensuswahlrecht durchsetzte. Nach der Phase der Bedrohung seiner Privilegien war es nur zu geneigt, die politische Führung einer autoritären Monarchie zu überlassen, sofern diese die wirtschaftliche Freiheit und den Schutz der Besitzverhältnisse gewährleistete. Dazu war Napoleon I. bereit. Er regierte als absoluter Monarch mit parlamentarischer Fassade, ließ dem Wirtschaftsbürgertum freie Hand und sicherte sich durch eine äußerst erfolgreiche Kriegs- und Außenpolitik für viele Jahre die Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit.
Der revolutionäre Nationalismus
Das Zusammenstehen der Masse der Franzosen gegen die Feinde von innen und außen ließ starke nationale Zusammengehörigkeitsgefühle aufkommen. Diese nationale Solidarität beruhte zu einem Teil auf der neuartigen Erfahrung der staatsbürgerlichen Gleichheit. Nach der Verfassung von 1791 konnte jeder französischer Bürger werden, der den Bürgereid auf Nation, Gesetz und König leistete. Unter Berufung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht hob das neue Frankreich die historischen Besitzrechte deutscher Fürsten im Elsass auf und fügte Avignon, Nizza und Savoyen in das französische Staatsgebiet ein.
Die Girondisten hatten 1792, auf dem Höhepunkt ihres politischen Einflusses, die allgemeine nationale Hochstimmung benutzt, um den nationalen Verteidigungskrieg "eines freien Volkes gegen den ungerechten Angriff eines Königs" zu beginnen. Der Krieg erschien ihnen als ein geeignetes Mittel, die Bevölkerung von der wirtschaftlichen Krise im eigenen Land abzulenken und durch die Konzentration aller Kräfte auf die Bekämpfung des auswärtigen Feindes die innenpolitischen Konflikte vergessen zu lassen. Zwar ging diese Rechnung nicht auf, weil die militärischen Erfolge ausblieben und die revolutionären Auseinandersetzungen sich bis zum Sturz der Monarchie verschärften. Aber den Jakobinern gelang es nach ersten militärischen Erfolgen, die patriotische Begeisterung neu zu entfachen: französische Freiwilligenheere trugen den Krieg in das Land des Feindes, ein allgemeines Volksaufgebot (französisch: levée en masse) setzte Energien frei, die die französischen Revolutionsarmeen schließlich unwiderstehlich machten.
Der Krieg, als Verteidigungskrieg begonnen, weitete sich zum ideologischen Befreiungskrieg aus ("Friede den Hütten, Krieg den Palästen"), um schließlich in einen nationalen Eroberungskrieg umzuschlagen, der für die Machtausdehnung Frankreichs in Europa geführt wurde. In wenigen Jahren durchlief das französische Nationalbewusstsein alle Stufen vom patriotischen Opfergeist in der Stunde der Bedrängnis über das Hochgefühl, eine nationale Mission zu erfüllen, bis zum Genuss nationaler Macht und Überlegenheit. Die jeweiligen Machthaber verstanden es, diese Gefühlszustände ideologisch zu überhöhen und propagandistisch auszuwerten. Wirkungsvoll aufgezogene nationale Feste und Feiern, "Altäre des Vaterlandes" und nationale Treueschwüre hoben den nationalen Patriotismus sinnfällig ins Bewusstsein und dienten als Steuerung, die die Emotionen in die gewünschte Richtung lenkte.
Nationale Befreiungskriege gegen Napoleon
Napoleons Eroberungspolitik nahm auf die politischen Bedürfnisse und das Selbstgefühl der besiegten Völker im allgemeinen wenig Rücksicht und erweckte Widerstände, die die französische Vorherrschaft bedrohten. Die Erfahrung der Fremdherrschaft und politischen Ohnmacht verwies die Unterlegenen auf die besonderen Werte und Vorzüge des eigenen Volkstums. Urwüchsiger Fremdenhass, Einflüsse des romantischen Denkens, in dem Geschichte, Volkstum und Vaterland eine beherrschende Rolle spielten, eine polemische, antifranzösische Literatur schürten eine Abneigung gegen alles Französische, deren Kehrseite die oft unkritische Verklärung des eigenen Volkes bildete.
In diesem Klima entstand ein Nationalismus, der auf die Einmaligkeit des eigenen Volkes fixiert war und wenig Raum für allgemeine Menschheitsideale ließ. Der Hass auf die Franzosen, der sich nicht selten zu schrill chauvinistischen, blutrünstigen Tönen steigerte, nahm eine antiaufklärerische Färbung an und ließ sich in seiner Skepsis gegenüber den kosmopolitisch-demokratischen Idealen der Revolution verhältnismäßig leicht konservativ-monarchischen Zielsetzungen dienstbar machen. Die Befreiungskriege gegen Napoleon (1813/14) waren zunächst weit gehend von spontanem Nationalgefühl und Emanzipationsverlangen getragen, gerieten aber bald unter die Kontrolle der alten monarchischen Staatsgewalten und wurden schließlich von fürstlichen Truppen, nicht von Volksheeren gewonnen. Im Überschwang der Aufbruchsstimmung im Frühjahr 1813 hatte der preußische König seinen Willen zur nationalen Einheit Deutschlands bekundet; als die siegreichen Truppen aus Frankreich zurückkehrten, war es um solche Pläne still geworden.
Quellentext
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Grundbegriffe
Jakobiner: Nach dem ursprünglichen Tagungsort im Pariser Jakobinerkloster bekannter politischer Klub, dessen weit verzweigte Organisation sich über ganz Frankreich, ja bis ins Ausland erstreckte. Seine bekanntesten Führer waren Robespierre, Danton, Marat, St. Just. Die Jakobiner traten für politische Gleichheit, eine starke Staatsmacht und die rücksichtslose Verfolgung aller Gegner der Revolution ein. Sie waren politisch für den Terror verantwortlich.
Girondisten: Nach dem Departement Gironde, aus dem mehrere Anführer stammten, benannte politische Vereinigung, die die Interessen des kleinen und mittleren Bürgertums vertrat. Die Girondisten arbeiteten zunächst mit den Jakobinern für die Errichtung der Republik zusammen, traten dann aber für einen gemäßigt-liberalen, die Besitzverhältnisse nicht antastenden Kurs ein. Ihre Anführer fielen der Agitation und Gewaltanwendung der Jakobiner und Sansculotten zum Opfer und wurden als Gegenrevolutionäre 1793 hingerichtet (u. a. Brissot, Vergniaud, Condorcet).
Sansculotten: Eine in den Pariser Stadtbezirken politisch aktive, aber nicht fest organisierte soziale Gruppe, die nach ihrer von der bisherigen Mode der Kniebundhosen abweichenden Bevorzugung langer Hosen (sans-culottes = ohne Hosen) benannt wurde. Sie rekrutierte sich aus Kleinbürger- und Arbeiterkreisen und übte durch Demonstrationen, Petitionen und Gewalttätigkeiten zeitweilig erheblichen Druck auf den Konvent aus. Die Sansculotten traten für unmittelbare Volksherrschaft, Zwangswirtschaft, soziale Sicherung der Unterschichten und vollständige Entmachtung der bisher herrschenden Klassen ein.
Zensuswahlrecht: Die Beschränkung des Wahlrechts auf bestimmte Einkommensschichten und die Einteilung der Wahlkörperschaften nach der Höhe des Steueraufkommens, mit der Wirkung, dass die Stimmen der Reichen einen höheren Zählwert besitzen als die der weniger Bemittelten.
Girondisten: Nach dem Departement Gironde, aus dem mehrere Anführer stammten, benannte politische Vereinigung, die die Interessen des kleinen und mittleren Bürgertums vertrat. Die Girondisten arbeiteten zunächst mit den Jakobinern für die Errichtung der Republik zusammen, traten dann aber für einen gemäßigt-liberalen, die Besitzverhältnisse nicht antastenden Kurs ein. Ihre Anführer fielen der Agitation und Gewaltanwendung der Jakobiner und Sansculotten zum Opfer und wurden als Gegenrevolutionäre 1793 hingerichtet (u. a. Brissot, Vergniaud, Condorcet).
Sansculotten: Eine in den Pariser Stadtbezirken politisch aktive, aber nicht fest organisierte soziale Gruppe, die nach ihrer von der bisherigen Mode der Kniebundhosen abweichenden Bevorzugung langer Hosen (sans-culottes = ohne Hosen) benannt wurde. Sie rekrutierte sich aus Kleinbürger- und Arbeiterkreisen und übte durch Demonstrationen, Petitionen und Gewalttätigkeiten zeitweilig erheblichen Druck auf den Konvent aus. Die Sansculotten traten für unmittelbare Volksherrschaft, Zwangswirtschaft, soziale Sicherung der Unterschichten und vollständige Entmachtung der bisher herrschenden Klassen ein.
Zensuswahlrecht: Die Beschränkung des Wahlrechts auf bestimmte Einkommensschichten und die Einteilung der Wahlkörperschaften nach der Höhe des Steueraufkommens, mit der Wirkung, dass die Stimmen der Reichen einen höheren Zählwert besitzen als die der weniger Bemittelten.



