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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 04-05/2007)
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Wirtschaftseliten und ihre gesellschaftliche Verantwortung |

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Peter Imbusch / Dieter Rucht
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Eliten sind qua Position und/oder Funktion aus ihrem Umfeld herausgehoben. Sie zeichnen sich durch ihren Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Entscheidungsprozesse aus; sie verfügen über Macht. Wer allerdings konkret zu den Wirtschaftseliten gehört, ist - abgesehen von der absoluten Spitzengruppe einiger Dutzend "Wirtschaftsführer" der größten Unternehmen - nicht eindeutig. In unserer Untersuchung beziehen wir uns auf zwei Gruppen: erstens das höhere Management in großen Unternehmen bzw. die Eigentümer von größeren Familienunternehmen sowie zweitens die führenden Repräsentanten derjenigen Wirtschaftsverbände, die in mehr als einem Bundesland präsent sind.
Ungleich schwerer als Eliten bzw. Wirtschaftseliten ist gesellschaftliche Verantwortung zu definieren. Wir verstehen darunter ganz allgemein eine Haltung, die einem Akteur zugedacht bzw. von ihm selbst akzeptiert und praktisch umgesetzt wird in der Absicht, die Situation einer tendenziell benachteiligten sozialen Gruppe oder der Gesamtgesellschaft zu verbessern (oder zumindest Verschlechterungen entgegenzuwirken). Ein solches Engagement ist in der Regel mit Kosten verbunden. Ob diese aufgebracht werden, liegt letztlich in der Entscheidung des Handelnden, wobei er sich freilich den Erwartungen seiner Umwelt ausgesetzt sieht. Dabei lassen sich drei Stufen unterscheiden: erstens eine evidente Verpflichtung, die sich aus gesetzlichen Vorgaben oder allgemein anerkannten Maßstäben korrekten Handelns ergibt; zweitens sozial erwünschtes Handeln, das nicht eingeklagt werden kann, dessen Missachtung jedoch Legitimationsdruck erzeugt; drittens über das zu Erwartende hinausgehende Aktivitäten, die als vorbildlich oder selbstlos wahrgenommen werden.
Das bei Wirtschaftsakteuren jeweils vorfindbare Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung kann auf einer breiten Skala lokalisiert werden: Am einen Ende steht die strikt wirtschaftsliberale Position, dass Wirtschaft eben Wirtschaft sei und sich entsprechend um die Erzielung von Gewinnen zu kümmern habe, was als Nebeneffekt dann positive gesellschaftliche Konsequenzen zeitigen würde. Ein weiterreichendes soziales Engagement wird dagegen als Privatangelegenheit einzelner Personen aufgefasst. Am anderen Ende der Skala wird aus einer dezidiert wirtschaftsethischen Position heraus darauf hingewiesen, dass Unternehmen als "quasi-öffentliche Institutionen" eine deutliche Verpflichtung zu gesellschaftlicher Verantwortung auch unter Abstrichen von ihren Profitinteressen hätten und sie gegenüber der Gesellschaft in der Pflicht stünden.
Im Falle der Wirtschaftseliten bezeichnet gesellschaftliche Verantwortungsübernahme ein Spektrum von Handlungen, das über genuin wirtschaftliche Tätigkeiten hinausweist und insofern analytisch von der ökonomischen Verantwortung, insbesondere der Sorge um den Erhalt des Unternehmens und allen direkt davon ableitbaren Handlungen, geschieden werden muss. Diese Abgrenzung fällt allerdings in der Praxis nicht immer leicht, überschneiden sich doch vielfach beide Aspekte im Wirtschaftsalltag.
Grundsätzlich bezeichnen wir somit jene Haltungen und Handlungen von Wirtschaftseliten als gesellschaftlich verantwortlich, deren Resultate sich nicht als zwangsläufige Effekte wirtschaftlicher Tätigkeiten ergeben (z.B. die Schaffung von Arbeitsplätzen als Folge einer betriebswirtschaftlich notwendigen Investition), sondern die besondere Anstrengungen, möglicherweise auch Opfer verlangen. In diesen Fällen setzt das Prädikat "gesellschaftlich verantwortliches Handeln" voraus, dass ethische Kriterien (Gesetzestreue, Rücksicht auf benachteiligte Gruppen bzw. das Gemeinwohl) das Interesse an Marktbehauptung und Gewinnmaximierung überwiegen. In solchen Situationen liegen einander widersprechende Kriterien vor, die im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung zugunsten eines ethischen Prinzips entschieden werden. Es sind aber auch Win-Win-Situationen denkbar und empirisch gegeben, in denen moralische Gebote und unternehmensbezogene Gewinninteressen Hand in Hand gehen, so dass das gesellschaftliche Engagement zugleich wirtschaftliche Vorteile bringt. So heißt es etwa in dem aus Wirtschaftskreisen lancierten Frankfurter Aufruf: "Unternehmen: Aktiv im Gemeinwesen": "Unternehmen, die sich aktiv im Gemeinwesen engagieren, handeln nicht nur sozial verantwortlich, sondern auch ökonomisch klug. Sie stiften Sinn und zugleich Nutzen." Etwas verallgemeinernder hat Hanns Michael Hölz, Leiter des Bereichs Corporate Citizenship & Sustainable Development der Deutschen Bank, gemeint: "Gesellschaftlich verantwortliches Handeln ist heute Voraussetzung dafür, Geschäfte machen zu können."
Zu den Schwierigkeiten der Abgrenzung gesellschaftlich verantwortungsvollen Handelns gesellt sich die unter nahezu allen Interessengruppen verbreitete Praxis, die eigene und möglicherweise sogar rücksichtslose Vorteilsnahme als "unausweichlich", "notwendig" oder "im gesellschaftlichen Interesse" auszugeben. In einzelnen Fällen mögen solche Verschleierungsversuche leicht zu durchschauen sein. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass das Interesse am Erhalt eines Unternehmens sich weitgehend mit einem übergeordneten gesellschaftlichen Interesse decken kann. Mit dem Schicksal großer Unternehmen oder ganzer Branchen können Zehntausende von Arbeitsplätzen und damit möglicherweise das ökonomische Fundament einer ganzen Region auf dem Spiel stehen. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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