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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 04-05/2007)

Wirtschaftseliten und ihre gesellschaftliche Verantwortung


Peter Imbusch / Dieter Rucht
Inhalt

Einleitung

Begriffliche Klärungen

Ausgewählte empirische Ergebnisse

Ein epochaler Wandel

Ausgewählte empirische Ergebnisse
In Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten, und beschleunigt in den letzten Jahren, eine deutliche Verschiebung vom traditionellen Modell des eher national orientierten "Rheinischen Kapitalismus" hin zum Modell eines sich globalisierenden neoliberalen Kapitalismus (bzw. angelsächsischen Kapitalismus) ergeben. Dabei haben sich die interventionistischen Nationalstaaten, die noch genuine Wirtschaftspolitik betrieben, weit zurückgezogen. Die meisten Staaten verstehen sich heute in ökonomischer Hinsicht weniger als eine Instanz, die dem wirtschaftlichen Handeln Grenzen setzt, sondern vielmehr als Dienstleister, die durch Flexibilisierung, Entstaatlichung, Entbürokratisierung und Steuersenkungen der Wirtschaft optimale Rahmenbedingungen für den globalen Wettbewerb zu schaffen haben. Diese Erwartung an staatliches Handeln wurde in den meisten der von uns geführten Interviews geäußert; sie kommt auch in einer Befragung von 500 "Entscheidern der deutschen Wirtschaft" zum Ausdruck, von denen 82 Prozent der Aussage zustimmten "Viele der heutigen Aufgaben des Staates sind privatisierbar und sollten dem Markt überlassen bleiben."[9]

Der Übergang vom "rheinischen" zum "angelsächsischen Modell" des Kapitalismus hat vor allem auf Arbeitsverhältnisse bzw. Arbeitsbeziehungen gravierende Auswirkungen. In diesem für die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger zentralen Bereich der Gesellschaft, der in Deutschland traditionell ein Eckpfeiler sozialer Integration gewesen ist, zeichnen sich inzwischen dramatische Verwerfungen ab, die bis in die Mittelschichten hinein reichen. Hier ist nicht nur an die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu denken, sondern auch an die Ausweitung von Armut, damit verbundener sozialer Exklusion und eine generelle, sich schleichend vollziehende soziale Polarisierung, die massive Desintegrationsprozesse heraufbeschwört.[10] Das neue Modell stößt allerdings nicht zuletzt aufgrund dieser Begleiterscheinungen zunehmend auf Kritik. Das zeigt sich nicht nur in unseren Zeitungsanalysen, sondern lässt sich auch aus einer jüngeren Untersuchung im Auftrag des World Economic Forum in 20 Ländern schließen: Das Vertrauen in "global companies" ist erheblich niedriger als das in alle anderen kollektiven Akteure (von "hoch" im Falle der Nichtregierungsorganisationen bis zu "gering" im Falle nationaler Regierungen). Und der Trend weist nach unten: "Trust in global companies is now at its lowest level since tracking began."[11]

Welche Hinweise ergeben sich aus unseren Untersuchungen auf grundlegende Positionen und Verhaltensweisen von Wirtschaftseliten, soweit diese sich im massenmedialen Diskurs, in Verbandszeitschriften der Wirtschaft, in Leitfadeninterviews und in Fallstudien zu Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung spiegeln? Hier sind einige ausgewählte Befunde:

Ergebnis 1: Der Umfang der öffentlichen Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaftseliten nimmt im Zeitverlauf zu. Gleiches gilt für die in der Presse zu lesenden Aussagen von Wirtschaftseliten. Bereits seit Mitte der 1960er Jahre gibt es eine steigende Tendenz, die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaftseliten zu thematisieren (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version). Dieser Trend dürfte damit zusammenhängen, dass in einer Ära beschleunigter Globalisierung das Verhalten der Wirtschaftsakteure auf das Engste mit vielen gesellschaftspolitischen Fragen verknüpft ist und immer deutlicher wird, dass die Wirtschaftseliten mit ihren betriebswirtschaftlich ausgerichteten Entscheidungen weit reichende gesellschaftliche Folgen produzieren. Dies war im Prinzip schon immer so, aber die Folgen fallen heute - nach der Ära der Vollbeschäftigung und nach Ende des Konsenses über die "soziale Marktwirtschaft" - weitaus negativer aus, zumal die vorgeschlagenen Rezepturen zur Behebung der Krise die Probleme eher zu vergrößern scheinen. Entsprechend hat sich auch die Bewertung von Wirtschaftseliten durch nicht dieser Gruppe angehörige Sprecher von einem schwach negativen Durchschnittswert im Jahr 1965 zunehmend ins Negative verschoben (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Ergebnis 2: In den Zeitungsberichten und den Verbandsorganen der Wirtschaft schälen sich zwei Thematiken deutlich heraus: Probleme der Arbeitswelt und der Umwelt werden in den Berichten zur gesellschaftlichen Verantwortung von Wirtschaftseliten mit weitem Abstand am häufigsten thematisiert, wenngleich mit schwankendem Gewicht im Zeitverlauf. Gerade im Hinblick auf das Themenfeld Arbeit wird von Wirtschaftseliten hervorgehoben, dass die Anpassung an die Bedingungen sich globalisierender Konkurrenz sich einerseits über technologische Entwicklungen und technische Revolutionen vollzieht, andererseits aber auch institutionelle Korrekturen - gemeint ist eine Entregelung der Arbeitsbeziehungen und der Arbeitsmärkte - erfordere, die sich quasi als Sachzwänge ergeben. Kritiker halten dem entgegen, dass dadurch ein "race to the bottom" in Gang gesetzt werde, das bei frühkapitalistischen Bedingungen enden würde.

Ergebnis 3: Bei der anhand zweier Tageszeitungen untersuchten Thematisierung der gesellschaftlichen Verantwortung von Wirtschaftseliten sind diese die am häufigsten auftretenden Sprecher. Von ihnen stammt ungefähr die Hälfte aller Aussagen zu diesem Themenbereich. Die andere Hälfte aller Sprecher repräsentieren Staat und politische Parteien sowie die Medien. Die Vertreter von Wirtschaftsverbänden spielen eine weitaus größere Rolle als die Sprecher von Unternehmen (71 Prozent zu 29 Prozent). Innerhalb der Kategorie Wirtschaftsverbände dominieren mit annähernd gleichen Anteilen der Bundesverband der Deutschen Industrie (12 Prozent), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (10 Prozent) und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (10 Prozent). Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich beträchtliche Unterschiede in den Positionen der einzelnen Verbände. So vertritt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in der Regel deutlich marktradikalere Positionen als die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Es hat sich zudem gezeigt, dass Wirtschaftseliten generell eher im Kontext von Problemen und Kritik als im Kontext von Erfolgsgeschichten thematisiert werden.

Ergebnis 4: Die externen Erwartungen an die Verantwortung von Wirtschaftseliten werden auch durch politische Konstellationen beeinflusst. Sie sind in Zeiten sozialdemokratisch geführter Regierungen höher als unter Regierungen mit konservativem politischen Vorzeichen. Die Selbstverpflichtung der Wirtschaftseliten auf gesellschaftlich verantwortliches Handeln ist allerdings unter konservativen Regierungen höher als unter sozialdemokratischen. Dies zeigt sich deutlich im Vergleich der Regierungszeit Helmut Kohls und der Gerhard Schröders. In konservativen Regierungszeiten wird eher die Position vertreten, gesellschaftliche Verantwortungsübernahme ergebe sich bereits aus der Verfolgung ökonomischer Interessen, was letztlich auch das Allgemeinwohl befördere. Es scheint so, dass die Wirtschaftseliten in einer konservativ dominierten Ära weniger in der Defensive stehen und deshalb den potenziellen Konflikt zwischen ökonomischer Leistungsfähigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung eher herunterspielen.

Ergebnis 5: In den Interviews, Fallstudien und Medienanalysen finden sich Beispiele für eine Vielzahl von Reaktionsweisen in Bezug auf gesellschaftliche Verantwortungsübernahme, die wir in einem induktiven Verfahren in verschiedene Typen aufgeschlüsselt haben. Das Spektrum reicht von glatter Verweigerung von Verantwortungsübernahme über unterschiedliche Arten von Tauschgeschäften und die Ausübung von Zwang bis hin zu eigenständigem proaktiven Engagement (siehe die Kategorien in der Tabelle der PDF-Version). Die Bereitschaft zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung nimmt - zumindest rhetorisch - im Zeitverlauf zu. Allerdings ist auf Differenzierungen hinzuweisen: So zeigt eine Untersuchung, dass kleine und mittlere Unternehmen (mit weniger als 100 Beschäftigten) relativ zu ihrer Größe bzw. zum Umsatz etwa vier bis fünf Mal so viel Geld für soziale Zwecke ausgeben wie die Großunternehmen.[12] Diese achten dagegen mehr darauf, ihr soziales Engagement auch werbewirksam anzupreisen. Engagement und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme erscheinen hier eher als eine lohnende "Investition" in ein bestimmtes gesellschaftliches Umfeld.

Ergebnis 6: Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Wirtschaftseliten klaffen seit jeher auseinander. Dennoch ist die Bewertung des Handelns von Wirtschaftseliten durch andere Akteure zunehmend negativ geworden und weicht deutlich von der Selbstbewertung der Wirtschaftseliten ab (Tabelle der PDF-Version). So wurde die in den Interviews gestellte Frage, ob sich die Wirtschaftseliten durch die Medien angemessen dargestellt sehen, überwiegend verneint. Allerdings betonten einige Repräsentanten von eher mittelgroßen Unternehmen, aber auch von führenden Wirtschaftsverbänden, dass die negative Darstellung nicht nur die Schuld voreingenommener Journalisten, sondern auch das Ergebnis des fragwürdigen Verhaltens einzelner Wirtschaftsführer oder ganzer Konzerne sei. In diesem Zusammenhang wurde von Managern wie auch Verbandsvertretern zumeist der berühmt-berüchtigte Fall Mannesmann/Vodafone genannt. Solche Einzelfälle, die keinesfalls repräsentativ seien - so die Wirtschaftsvertreter -, würden in einer durch die Medien geprägten Öffentlichkeit dann die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger prägen.

Ergebnis 7: Die Wirtschaftseliten betonen die Notwendigkeit staatlicher Reformen und sprechen sich für den "Umbau" des Sozialstaates aus. Insbesondere drängen die Vertreter der großen Wirtschaftsverbände seit Jahren auf eine Verringerung staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft und auf eine geringere Regelungsdichte in Bezug auf Wirtschaftsaktivitäten. Der Staat solle sich - neben seinen klassischen hoheitlichen Aufgaben etwa im Sicherheitsbereich - darauf beschränken, "vernünftige" Rahmenbedingungen für einen freien Wettbewerb zu setzen und im Übrigen nicht als eigenständiger wirtschaftlicher Akteur auftreten. In den von uns durchgeführten Interviews gab es eine durchgängige Kritik an der Zögerlichkeit und Langwierigkeit von Reformvorhaben, aber auch an den dafür vor allem oder zumindest mit verantwortlich gemachten Gewerkschaften. Mit ihren antiquierten Kampfparolen, wenig realistischen Forderungen und geringem ökonomischen Sachverstand seien diese ein Hemmschuh auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft.

Zur Begründung einer reduzierten Staatstätigkeit und ihrer Kritik an den gewerkschaftlichen Kräften greifen die Wirtschaftseliten auf das neoliberale Credo zurück und/oder argumentieren schlicht mit Sachzwängen. Die neoliberale Philosophie wird besonders von Unternehmen und Branchen verfochten, die im internationalen Konkurrenzkampf eine relativ starke Position einnehmen, während ansonsten durchaus an offenen oder verdeckten Subventionen festgehalten wird. Einer neoliberalen Haltung entspringt auch der Verweis darauf, dass der üppige Sozialstaat die Eigeninitiative und die individuelle Leistungsbereitschaft lähme und deshalb in Zeiten globaler Konkurrenz reduziert werden müsse. Ebenso sei eine umfassende Flexibilisierung von Beschäftigung erforderlich, wolle man im globalen Konkurrenzkampf bestehen. Ein klassisches Sachzwangargument lautet, "wir" könnten uns den Sozialstaat in seiner bisherigen Form aufgrund der demographischen Entwicklungen finanziell nicht mehr leisten.

Ergebnis 8: Die Wirtschaftseliten haben in den vergangenen Jahren einen Schwenk in Richtung "mehr Markt" vollzogen. Es zeigt sich eine Verschiebung von Konzepten der Solidarität und der Verantwortung des Staates hin zur individuellen Verantwortung und marktförmigen Steuerung. Mit Blick auf einige zentrale Dimensionen des Spannungsverhältnisses zwischen einer wohlfahrtsstaatlichen und einer neoliberalen Ordnung neigen Wirtschaftseliten heute ganz eindeutig der neoliberalen Seite zu. Gleichwohl und wider Erwarten nimmt die Betonung von Marktprinzipien anstatt staatlicher Regulierung und Umverteilung innerhalb des von uns betrachteten Zeitraumes nur leicht zu (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version). Hinter dieser relativ stabilen Situation steht - so unsere These -allerdings eine gravierende Verschiebung des semantischen Gehalts von gesellschaftlicher Verantwortung.
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10. Februar 2012
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Editorial
Wirtschaftseliten und ihre gesellschaftliche Verantwortung
Lohngerechtigkeit im Wandel der Arbeitsgesellschaft
Arbeitszeit - Entwicklungen und Konflikte
Rente mit 67 - Probleme am Arbeitsmarkt
Demographie-Werkstatt Deutschland: vom Krisen- zum Chancenmanagement
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Demografischer Wandel in Deutschland
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Demografische Entwicklung und fortschreitender Strukturwandel verändern unsere Gesellschaft schon heute spürbar. Damit steigt auch der Druck auf politische und soziale Strukturen – mit Folgen für die Zukunft Deutschlands in Ost und West.
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