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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 04-05/2007)

Wirtschaftseliten und ihre gesellschaftliche Verantwortung


Peter Imbusch / Dieter Rucht
Inhalt

Einleitung

Begriffliche Klärungen

Ausgewählte empirische Ergebnisse

Ein epochaler Wandel

Ein epochaler Wandel
Auch wenn sich keine scharfe zeitliche Zäsur erkennen lässt, so meinen wir doch, dass sich seit dem ausklingenden "sozialdemokratischen Jahrhundert" (Ralf Dahrendorf) in Deutschland und vergleichbaren Industrieländern ein tief greifender Wandel abzeichnet, der eine tendenzielle Umorientierung insbesondere großer, international operierender Unternehmen im Umgang mit der Frage gesellschaftlicher Verantwortung beinhaltet. Zwar folgten die Unternehmen auch in der weiter zurückreichenden Vergangenheit dem Imperativ der Gewinnmaximierung. Soweit sie soziale Leistungen erbrachten und gesellschaftliche Verantwortung wahrnahmen, geschah dies selten aus eigenem Antrieb, sondern es wurde ihnen vielfach von den Belegschaften, Gewerkschaften oder von Seiten eines interventionistischen Staates abgetrotzt. Freilich gab es daneben immer auch das Leitbild und die real existierende Figur des sorgenden Unternehmers, des Patriarchen, des Mäzens. Ihm wurde zumindest in bürgerlichen Kreisen und im lokalen Rahmen, seltener dagegen in der eigenen Belegschaft, Respekt und Anerkennung zuteil. Allerdings verloren im Selbstbild der Wirtschaftseliten Merkmale wie "Charakter" oder "Persönlichkeit" bereits seit den 1960er Jahren an Bedeutung, um Aspekten der funktionalen Leistungsfähigkeit Platz zu machen.[13]

Inzwischen hat das traditionelle Leitbild des Unternehmers als "Patriarch" endgültig zugunsten zweier anderer Akteursgruppen ausgedient: Dies sind zum einen die Kapitalanleger, insbesondere die Verwalter großer Fonds, die ständig auf der Suche nach der jeweils ertragreichsten Anlageform sind.[14] Die zweite zentrale Akteursgruppe bilden die Manager, die nur temporär und auf Abruf eine bestimmte Funktion ausüben. Der Horizont ihres Handelns wird immer kurzfristiger, weil im Aktionärsinteresse erzielte und zu erwartende Erträge von Quartal zu Quartal bilanziert werden müssen.[15] Entsprechend wird auch das Management einem permanenten Prozess der Bewertung unterzogen, so dass die Manager sowohl treibende als auch getriebene Kräfte im sich globalisierenden Konkurrenzkampf sind.

Vor diesem Hintergrund behandeln die Führungskräfte eines Unternehmens die Frage nach dessen gesellschaftlicher Verantwortung tendenziell anders als noch vor wenigen Jahrzehnten: In der Blütezeit des Wohlfahrtsstaates wurde gesellschaftliche Verantwortung als eine moralische Verpflichtung betrachtet, die auf individueller Ebene beispielsweise die Bereitschaft zu beträchtlichen Steuern und Abgaben und auf staatlicher Ebene die Sorge um öffentliche Güter und soziale Sicherheit bedeutete. Leitend waren die Annahmen, dass erstens gesellschaftliche Verantwortung eine Verpflichtung aller sei, insbesondere aber der Wohlhabenden, und dass zweitens die Unterprivilegierten ein Recht auf Transferleistungen hätten. Diese Annahmen wurden allmählich zugunsten einer Sichtweise in Frage gestellt, derzufolge gesellschaftliche Verantwortung eine Option von Privatleuten ist. Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung ist demnach ein freiwilliger Akt, der gewährt oder unterlassen, aber nicht per Gesetz erzwungen werden kann. Diese Haltung signalisiert eine Verlagerung vom eher europäischen Modell einer Solidarität der Brüderlichkeit (basierend auf wechselseitigen Erwartungen und Verpflichtungen) zum eher US-amerikanisch geprägten Modell von charity, einer Solidarität des Mitleids, beruhend auf der Gunst der Gebenden und der Dankbarkeit der Nehmenden. Diese Verlagerung ist zudem vor dem Hintergrund eines Wandels der historischen Kontextbedingungen zu sehen, nämlich der insgesamt größeren Legitimation sozialer Ungleichheiten.

Ungeachtet einer teilweise anders lautenden Rhetorik interpretieren Wirtschaftseliten gesellschaftliche Verantwortung faktisch im Sinne rein taktischer bzw. strategischer Kalküle im Hinblick auf extern vorgenommene Bewertungen des Unternehmens. Damit rückt die Frage, was die Gesellschaft und ihre benachteiligten Gruppen am ehesten brauchen, in den Hintergrund zugunsten der Frage, welche Art des Engagements dem einzelnen Unternehmen, einer Branche oder der Wirtschaft insgesamt nützt. "Image construction" tritt in den Vordergrund und wird zum Wettbewerbsfaktor. In diesem Lichte sind auch die neuen Konzepte von Corporate Social Responsibility - angeblich "ein selbstverständlicher Teil der historisch gewachsenen Unternehmenskultur in Deutschland"[16] - und von Corporate Citizenship zu sehen.[17] Sie sind eine Antwort auf die wachsende Kritik am Gebaren von Unternehmen.

Unsere hier nicht im Einzelnen vorgestellten Medienanalysen, Interviews und Fallstudien zu unterschiedlichen Verhaltensweisen zur Frage gesellschaftlicher Verantwortung zeigen, dass generalisierende Aussagen über einzelne Zweige der Wirtschaft oder gar über "die Wirtschaft" insgesamt problematisch sind. Die Formen des Umgangs mit sozialer Verantwortung variieren enorm.[18] Auch wenn wir die empirischen Verteilungen dieser Positionen und Handlungsformen nicht systematisch erfassen konnten, so sehen wir doch eine eindeutige Grundtendenz: Unter Verweis auf zunehmenden ökonomischen Druck der nationalen und insbesondere der Weltmarktkonkurrenz lehnen Wirtschaftseliten gesellschaftliche Verantwortung als eine Verpflichtung ganz überwiegend ab. Abgesehen von jenen, die angeben, sie könnten sich gesellschaftliche Verantwortung aus ökonomischen Gründen nicht leisten oder seien dafür nicht zuständig, bekennt sich die Mehrheit der Unternehmen zwar zu ihrer Verantwortung. Diese hat aber mit dem hohe Verbindlichkeitsgrade aufweisenden Verantwortungsverständnis früherer Jahre nicht mehr viel gemeinsam, da Verantwortung heute anders definiert wird und allenfalls auf freiwilliger Basis stattfinden soll. Unter dieser Voraussetzung wird die Interpretation gesellschaftlicher Verantwortung sogar mit dem neoliberalen Credo vereinbar. So fügt sich, um das Beispiel Deutsche Bank zu nennen, zusammen, was zusammengehört: eine Rendite von 26 Prozent, die Aufwertung von Josef Ackermann vom Vorstandssprecher zum Vorstandsvorsitzenden, Massenentlassungen und das vollmundige Bekenntnis zu Corporate Social Responsibility.
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16. März 2010
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