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Informationen zur politischen Bildung (Heft 269)
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Bildungsexpansion und Bildungschancen |

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Rainer Geißler
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Mit Bildungsexpansion wird zum einen die enorme Ausdehnung des Bildungswesens bezeichnet, insbesondere der Ausbau der Realschulen, der Gymnasien sowie der Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten. Immer mehr junge Menschen besuchen weiterführende Bildungseinrichtungen, erwerben mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse und verweilen immer länger im Bildungssystem.
Dieser Trend wird drastisch sichtbar, wenn man die heutige Verteilung der jungen Menschen auf die verschiedenen Schulformen mit der Situation in den 1950er-Jahren vergleicht. Die damalige Volksschule war die wirkliche "Hauptschule" der ersten Nachkriegsjahrzehnte. 1952 wurde sie noch von 79 Prozent der Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse besucht. Nur etwa ein Fünftel der Jugendlichen ging seinerzeit auf weiterführende Schulen - 13 Prozent auf Gymnasien und sechs Prozent auf Realschulen. 1960 waren die Abiturienten noch eine kleine exklusive Gruppe, lediglich sechs Prozent eines Schülerjahrgangs erwarben die allgemeine Hochschulreife, 2002 waren es bereits 25 Prozent. Die Zahlen für 2002 verdeutlichen den Boom der Realschulen, Gymnasien und integrierten Schulen und die damit verbundene Krise der Hauptschule.
Seit Beginn der 1990er-Jahre ist das Gymnasium zur meist besuchten Schulform avanciert. 2002/2003 gingen 33 Prozent der Dreizehnjährigen auf ein Gymnasium. 25 Prozent besuchten eine Realschule und etwa 19 Prozent integrierte Schulen. Die Hauptschule dagegen wird ihrem Namen schon seit den 1970er-Jahren nicht mehr gerecht; 2002 wurde sie nur noch von knapp 23 Prozent der Dreizehnjährigen besucht. In vielen Großstädten liegen die Besuchsquoten noch erheblich niedriger, und in einigen der neuen Bundesländer ist sie im Zuge der Umgestaltung des sozialistischen Bildungswesen gar nicht erst eingerichtet worden.
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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.
Die Hochschulen haben sich noch dramatischer ausgedehnt als die Gymnasien. 1960 nahmen nur sechs Prozent eines Jahrgangs ein Universitätsstudium auf und weitere zwei Prozent ein Fachhochschulstudium. Bis 2002 sind diese Anteile auf 25 Prozent bzw. 13 Prozent angestiegen.
Die andere Seite des Qualifikationsspektrums markiert die Problemzone der Bildungsexpansion. Zwar ging der Anteil der Jugendlichen, die das Schulsystem ohne Hauptschulabschluss verlassen - 1960 betrug er noch 17 Prozent - zurück, aber seit den 1980er-Jahren bleiben in West und Ost weiterhin jeweils etwa ein Zehntel ohne ausreichende schulischen Grundqualifikation - mit schlimmen Folgen für die zukünftigen Berufschancen: Mindestens zwei Drittel dieser Jugendlichen bleiben anschließend ohne Lehrabschluss. Insgesamt hatten 2000 von den jungen Deutschen (20-29 Jahre) zehn Prozent keine Berufsausbildung abgeschlossen, von den jungen Ausländern waren es sogar 38 Prozent.
Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht stellt sich die Bildungsexpansion als eine kontinuierliche Höherqualifizierung der Bevölkerung dar. Die Qualifikationsstruktur der Gesellschaft verbessert sich langsam, aber stetig, weil die schlechter qualifizierten älteren Jahrgänge wegsterben und besser ausgebildete jüngere Jahrgänge nachwachsen. Bis in die 1960er-Jahre hinein waren die typischen Erwerbstätigen ungelernte Arbeitskräfte; diese stellten in den 1950er-Jahren mehr als zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung. 2001 bilden sie nur noch ein kleines, weiterhin schrumpfendes Segment des Arbeitsmarktes im Umfang von 18 Prozent in den alten und elf Prozent in den neuen Bundesländern. Prognosen gehen davon aus, dass der Anteil der Ungelernten bis zum Jahre 2010 in Gesamtdeutschland weiter auf etwa elf Prozent zurückgehen wird.
Die typischen Erwerbstätigen von heute sind die gelernten, zum Teil auch angelernten Fachkräfte, diese stellten 2001 in Ostdeutschland 57 Prozent und in Westdeutschland 56 Prozent der Erwerbstätigen. Gleichzeitig erwerben immer mehr Menschen überdurchschnittliche Qualifikationsabschlüsse. Der Anteil von Meistern, Fachschul- und Fachhochschulabsolventen hat sich seit den 1960er-Jahren fast verdoppelt und lag 2001 bei 14 Prozent (West) bzw. 21 Prozent (Ost). Noch stärker hat die Zahl der Akademiker zugenommen: Ihr Anteil an der erwerbstätigen Bevölkerung hat sich von drei Prozent Mitte der 1960er-Jahre auf jeweils zehn Prozent in den alten und neuen Bundesländern mehr als verdreifacht. Schichtungssoziologisch lässt sich die Höherqualifizierung der Bevölkerung als "Umschichtung nach oben" interpretieren: Untere Bildungsschichten schrumpfen, mittlere und höhere Bildungsschichten dehnen sich aus.
Die Bildungsexpansion setzte in der Bundesrepublik bereits in den 1950er-Jahren ein. Ein weiterer kräftiger Schub erfolgte dann im Zusammenhang mit den bildungspolitischen Debatten der 1960er-Jahre. Die Bildungsökonomen hoben den Nutzen der Bildung für das Wirtschaftswachstum hervor (Bildung als Humankapital), und viele Bildungsforscher und -politiker wiesen auf die gesellschaftspolitische Bedeutung der Bildungschancen hin. "Bildung ist Bürgerrecht" lautet zum Beispiel eine einflussreiche Schrift von Ralf Dahrendorf aus dem Jahre 1965. Obwohl der Ruf nach besseren Bildungschancen seit den späten 1970er-Jahren fast verstummt ist und mit ökonomischen Argumenten vor "Qualifikationsüberschüssen" gewarnt wird, setzte sich die Bildungsexpansion ungebrochen fort. Sie hat eine Eigendynamik entwickelt, die sich relativ unabhängig von direkten politischen und wirtschaftlichen Impulsen vollzieht.
Beachtenswert ist jedoch auch ein Phänomen, das lange Zeit unbemerkt blieb: die Bildungsforscher Klaus Klemm und Michael Weegen sprechen vom "Ausbremsen der Bildungsexpansion auf den Wegen zu den und durch die Hochschulen".
Trotz stark steigender Abiturienten- und Studienanfängerzahlen stagnierten die Abschlussquoten an den Universitäten zwischen 1975 und 1994 bei acht bis neun Prozent, weil immer weniger Abiturienten und Abiturientinnen studierten und weil der Anteil der Studienabbrecher dramatisch anstieg - bei den Studienanfängern der 1980er-Jahre lag er im Schnitt bei fast 40 Prozent.
Die Expansion der Gymnasien schlägt also nicht auf die Universitätsabschlüsse durch, der gymnasiale Expansionsertrag "versickert" sozusagen auf dem Weg zu den Universitäten und mehr noch an den Universitäten selbst. Auf dem Weg zu und durch die Fachhochschulen wird die Expansion des sekundären Bildungsbereichs in ähnlicher, wenn auch abgeschwächter Form "ausgebremst". Seit Mitte der 1990er-Jahre zeigen sich auch Stagnationstendenzen an den Gymnasien: Die Abiturientenquoten haben sich nicht weiter erhöht. |
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10. Februar 2012
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Zahlen und Fakten |
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Die soziale Situation in Deutschland
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