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Informationen zur politischen Bildung (Heft 279)

Thema im Unterricht


Rainer Kohlhaas

Die Begegnung der Jugendlichen mit Europa beginnt nicht im Unterricht und findet auch nicht hauptsächlich im Unterricht statt. Die Schule hilft vielmehr das Erfahrene zu hinterfragen, es sich systematisch anzueignen und eine eigene Urteils- und Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

Europa als Alltagserfahrung

Europa gehört zur Alltagserfahrung seiner Bürgerinnen und Bürger. Dabei wird es eher unbewusst erlebt als tiefgründig reflektiert und diskutiert. Anknüpfungspunkte zum Thema ergeben sich in unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Ebenen. Dazu gehören beispielsweise:
  • Europameisterschaften in verschiedenenSportarten,
  • Europas Ferienregionen zwischen Mittelmeer und Ostsee,
  • Reisen ohne Grenzkontrollen und ohne Geldumtausch im Euro-Raum,
  • Europäische Qualitätsstandards auf Lebensmitteletiketten,
  • die Europafahne zwischen Nationalflaggen,
  • die Einführung des EURO, die den Willen zur Dauerhaftigkeit in der Europapolitik demonstriert und Identifikationsmöglichkeiten schafft,
  • Europol und das Schengen-Abkommen,
  • Europas Beiträge zur Spitzenforschung:
    die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) und
    die Europäische Südsternwarte (ESO),
  • die Tatsache, dass europäische Richtlinien in viele innerstaatliche Politikbereiche eingreifen, wie in die Agrar-, Regional-, Verkehrs-, Umwelt- sowie Wettbewerbspolitik,
  • die Osterweiterung, mit der Europa sich in den Neuaufbau einer stabilen europäischen Friedensordnung einschaltet, sowie
  • die Europawahlen, die alle fünf Jahre die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am Projekt Europa fordern und entsprechende Kenntnisse voraussetzen.
Auch Privatleute und gesellschaftliche Organisationen verknüpfen konkrete Erwartungen mit dem Zusammenwachsen Europas:
  • Ökonomisches Wachstum und Arbeitsplätze mit Zukunft,
  • den Ausgleich der Wohlstandsunterschiede zwischen Regionen und Gesellschaftsschichten,
  • wirksamen Schutz gegen internationale Konkurrenz, Negativauswirkungen der Globalisierung und wachsenden "Migrationsdruck" und
  • Sicherheit nach innen sowie nach außen.
Dem stehen im öffentlichen Diskurs immer wieder auch Ressentiments und Ängste in Bezug auf Europa gegenüber. Auch Politikverdrossenheit hat eine starke europä-ische Komponente.
An diese Alltagserfahrungen der Jugendlichen lässt sich in der Schule erfolgreich anknüpfen, zumal die Haltung der Jugendlichen zu den Zukunftsprojekten der europäischen Integration offen und weitgehend positiv ist (14. Shell-Jugendstudie. Hauptergebnisse: Internationale Aspekte, Opladen 2002).

Blick auf die Lehrpläne

Vor allem die Lehrpläne der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer für die Sekundarstufen I und II an allgemein bildenden Schulen enthalten explizit europäische Themen.
  • Im Fach Geschichte steht die europäische Betrachtungsweise neben der nationalen. Historische Entwicklungen wie die Kreuzzüge, die Hanse, die Reformation, der Kolonialismus, die Aufklärung, die Industrielle Revolution sind exemplarisch für diese Überwindung der nationalstaatlichen Perspektive.
  • "Europa als Wirtschaftsraum" ist in allen Geografie-Lehrplänen vertreten, wobei in der Regel Agrarpolitik, Regionalpolitik sowie Entwicklungspolitik eigens ausgewiesen werden.
  • In den Lehrplänen der Politischen Bildung (Sozialkunde, Gemeinschaftskunde) ist Europa immer ein eigenständiges Thema, welches meist als Teil der Internationalen Politik ausgewiesen wird. Neben den üblichen Politikfeldern der EU werden insbesondere aktuelle Legitimationsprobleme im Zusammenhang mit der Arbeit der Europäischen Institutionen behandelt. Auch die Bereiche der inneren und äußeren Sicherheit werden zunehmend mit dem Thema Europa verbunden.
Abgesehen von dieser fachspezifischen Verankerung des Themas Europa in den Lehrplänen fordert es geradezu eine fächerübergreifende Behandlung heraus und bietet eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten.

Lernziele

Welche Bedeutung Europa im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler haben wird, unterliegt nur begrenzt dem Gestaltungswillen von Lehrplan und Lehrkräften. Der Aufbau einer spezifischen europä-ischen Identität sollte also nicht das oberste Lernziel sein. Das analytische Niveau, mit dem Europa begriffen wird, die Zusammenhänge, in denen Europa verankert wird, sowie die Bereitschaft, Europa in die eigene Lebensplanung einzubeziehen, können jedoch von der Schule wirksam gefördert werden. Das ist erreichbar durch die Vermittlung solider Kenntnisse und die Förderung einer zustimmenden Grundhaltung, die auf rationalen Argumenten beruht.
Traditioneller Schwerpunkt schulischer Bildung ist die Weitergabe des europäischen Kulturerbes. Staatliche Institutionen und Rechtsnormen, die sich herleiten aus der griechischen Polis, der römischen Republik, den Städten des Mittelalters, den Staaten der frühen Neuzeit und dem bürgerlichen Rechtsstaat des 19. Jahrhunderts repräsentieren europä-ische Vergangenheit und helfen die Gegenwart zu verstehen.
Zum abendländischen Selbstverständnis haben Philosophen aus allen Epochen und allen Regionen Europas beigetragen, von Plato über Machiavelli bis Max Weber. Inspiriert durch die Aufklärung entwickelten sich trotz aller Rückschläge in den Staaten Europas pluralistische Gesellschaften, die auf einem von Toleranz und Humanismus geprägten Menschenbild gründen. Die derzeitige Diskussionen um eine Europäische Verfassung haben die beschriebenen Traditionen erkennbar aufgenommen.
Griechisch-römische Architektur und Skulpturen, romanische und gotische Sakralbauten, Malerei und Plastiken vom Mittelalter über die Renaissance bis zur klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts prägen die Stadtbilder in allen europäischen Regionen sowie eine gemeinsame Vorstellung von Kunst und Kultur. Trotz der sprachlichen Differenzierung bildet die Literatur - ebenso wie die Musik - mit ihren Kunstformen und Stilrichtungen ein gemeinsames Band zwischen den Völkern Europas.
Die Vermittlung dieses gemeinsamen europä-ischen Erbes ist vorrangige Aufgabe der Schule und wird vor allem im Literatur-, Politik- und Geschichtsunterricht sowie in den künstlerischen Fächern geleistet.
Eine zukunftsweisende "Europakompetenz" hat aber auch pragmatischere Dimensionen. Die primäre und langfristig wirksamste Vermittlung "europäischer Kompetenz" erfolgt im modernen Fremdsprachenunterricht. Hier findet neben der Kulturbegegnung der Erwerb von Sprachkompetenz statt. Die Förderung des bilingualen Unterrichts und die Einführung von fremdsprachlichen Elementen in Grundschulen und in den Vorschulbereich unterstützen diese Ziele nachdrücklich und helfen beim Aufbau "interkultureller Kompetenz".
Als fachübergreifende Themen bieten sich an:
  • Raumverständnis: Dabei gilt es, die Vielfalt europäischer Räume kennen zu lernen und Einblick in die sich wandelnden Strukturen Europas zu erwerben.
  • Geschichtsbewusstsein: Ziel ist es, Dauer und Wandel gemeineuropäischer Wertvorstellungen nachzuvollziehen und Krieg als grundlegende Erfahrung sowie Frieden als Gestaltungsaufgabe nachbarlichen Zusammenlebens in Europa zu verstehen.
  • Völkerverständnis: Dies bedeutet, Einblick in die Lebensformen der Menschen in Europa zu gewinnen und die Bereitschaft, sich in Kultur und Mentalität der westlichen und östlichen Nachbarstaaten hineinzuversetzen. Dazu gehört aber auch, das Spannungsverhältnis zwischen regionalen Eigenheiten und gesamteuropäischen Gemeinsamkeiten zu kennen und damit umgehen zu können, sowie die Einsicht, dass Fremdsprachenkenntnisse das Verstehen zwischen den Völkern erleichtern.
  • Integrationsbereitschaft: Hier sollen die Schülerinnen und Schüler Einblick in Verlauf und Stand des europäischen Integrationsprozesses gewinnen, Fähigkeit und Bereitschaft erwerben, für Veränderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen im europäischen Kontext einzutreten sowie ein Bewusstsein für die ökonomischen und sozialen Spannungen und Chancen in den Beziehungen der Völker und Staaten Europas zu erarbeiten. Ferner sollen sie Verständnis dafür erlangen, dass in vielen Bereichen unseres Lebens europäische Bezüge wirksam sind und europäische Entscheidungen verlangt werden, sowie Bewusstsein entwickeln für die gemeinsame Verantwortung der Europäer in der Welt.
  • Individuelle Möglichkeiten: Dabei gilt es, Europa als Chance für die eigene Berufswahl und Lebensplanung zu erkennen.


Die Umsetzung

Europa bietet Anlässe zu fachübergreifenden, handlungsorientierten Vermittlungsformen. Wegen der Akzeptanz des Themas bei Eltern und außerschulischen Partnern bieten sich auch reale Chancen, diese im Schulalltag umzusetzen.
So sind zum Beispiel in Rheinland-Pfalz allen Lehrplänen der Sekundarstufe I (seit 1997) Erfahrungsfelder als Anregungen zum fachübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht beigegeben. Im Erfahrungsfeld 19. Europa werden als Projekt u.a. vorgeschlagen:
  • Urlaubsverkehr in Europa.
  • Wir knüpfen Kontakte zu einer Partnerschule.
  • Grenzüberschreitender Wirtschaftsraum (Ostsee; Saar-Lor-Lux).
  • Teilnahme an europäischen Schulprojekten, beispielsweise an Science across Europe der Association for Science Education (ASE).
  • Nationale Vorurteile und Klischees - woher kommen sie? Wohin führen sie?
  • Baudenkmäler einer Epoche in Europa.
  • Bei uns - bei euch: Feste, Feiertage und Gebräuche.
  • Grenzübergreifende Wettbewerbe nicht gegen-, sondern miteinander.
Für methodische Großformen wie Simulationen oder Rollenspiele bietet es sich an, die Schule für einen oder mehrere Tage zu verlassen und eine politische Bildungsstätte oder eine Jugendherberge zu nutzen (Fundstellen für Simulationen über CAP-Forschungsgruppe Jugend und Europa, München - www.fgje.de). Außerschulische Ansprechpartner und Institutionen wie Europa-Union, Europa-Häuser und Politische Akademien stellen organisatorische und fachliche Hilfen bereit. Unterrichtsmaterialien offerieren Schulbuchverlage sowie die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und die Landeszentralen für politische Bildung. Europäische Institutionen und Verlage stellen über das Internet einen schnellen Zugriff auf aktuelle Materialien zur Verfügung und bieten Recherchemöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler.
"Europäische Wettbewerbe" und "Europawochen" des Landes oder der Kommune geben einzelnen Klassen oder ganzen Schulen Anstöße "Europäische Akzente" zu setzen. Erkundungen europäischer Institutionen oder Gespräche mit dem örtlichen Europaabgeordneten bieten sich besonders für den Sozialkundeunterricht an.
Europäische Institutionen unterstützen die Schülen mit speziellen Programmen: So fördert das Bildungsprogramm "Erasmus" den Auslandsaustausch von Studierenden, "Comenius" wendet sich an Schulen sowie an Schülerinnen und Schüler aller Stufen und unterstützt insbesondere multinationale Unterrichtsprojekte, "Leonardo" fördert die grenz-überschreitende Zusammenarbeit in der beruflichen Aus- und Weiterbildung und "Sokrates" koordiniert alle im Bildungsbereich angesiedelten Programme.
Auch mit binationalen Programmen, wie dem Deutsch-Polnischen oder dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, werden zusätzliche Ressourcen für europäische schulische Projekte bereitgestellt.

Schulprofil/Profilschulen

Die in vielen Bundesländern anlaufende Entwicklung von Schulprogrammen verschafft dem Thema Europa wieder vermehrte Aufmerksamkeit. "Europa" eignet sich gut, zum Mittelpunkt eines umfassenden Schulprofils zu werden. Dazu bieten sich vor allem fremdsprachliche Schwerpunkte bis hin zu bilingualem Unterricht oder sogar binational qualifizierenden Schulabschlüssen an. In diesem Rahmen empfiehlt sich besonders die Teilnahme an europäischen Wettbewerben und an bi- oder multinationalen Projekten (Comenius).
In der Sekundarstufe II eignet sich "Europa" als Rahmen, sprachliche und gesellschaftswissenschaftliche Fächer zu neuen Schwerpunkten (Profilen) zu verbinden, wie zum Beispiel:
  • Kultur-Profil ( L, G, BK, E/F, Mu),
  • Kommunikation in Europa (E/F, Informatik,),
  • Handlungsfeld Europa,( Ek, Sk, E/F),
  • Berufliche Zukunft in Europa.(Sk, E/F, Inf).
Im Hinblick auf strukturelle Veränderungen im Schulwesen, wie den Ausbau der Ganztagsschulen, bieten sich für die Schulen erweiterte Möglichkeiten: Europa-Arbeitsgemeinschaften können das Nachmittagsangebot in neuen Ganztagsschulen unterstützen, handlungsorientierte Vermittlungsformen den langen Schultag gliedern helfen.
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21. März 2010
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Europäische Union
Editorial
Die Union zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Motive, Leitbilder und Etappen der europäischen Einigung
Vertragsgrundlagen und Entscheidungsverfahren
Ausgewählte Bereiche gemeinschaftlichen Handelns
Die EU nach und vor der Erweiterung
Auf dem Weg zur Europäischen Verfassung
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