Das Alter(n): Gestalterische Verantwortung für den Einzelnen und die Gesellschaft
Genauso wie der Tod, so ist wahrscheinlich auch die Angst vor dem Tod, ein evolutionär verankerter Grundbestandteil der Conditio humana. Es ist kein Phänomen der Moderne, dass Menschen jung bleiben wollen.I. Das Alter: Jeder möchte lange leben, aber niemand möchte alt sein
Genauso wie der Tod, so ist wahrscheinlich auch die Angst vor dem Tod und der Wunsch, nicht zu altern, ein evolutionär verankerter Grundbestandteil der Conditio humana. Es ist kein Phänomen der Moderne oder gar der Postmoderne, dass Menschen jung bleiben bzw. wieder jung werden wollen. Die Darstellungen des Jungbrunnens von Lucas Cranach d.J. (1546) aus der Renaissance oder das Geschenk der ewigen Jugend durch die Götter in der antiken Mythologie verweisen auf die lange Geschichte dieses Wunsches. Man sollte es deshalb nicht ausschließlich einem durch die Wertewelt moderner Industriegesellschaften verursachten Jugendwahn ankreiden, wenn Menschen versuchen, die Erkenntnisse der Biologie und Medizin zu nutzen, um sich jung zu erhalten. Eine solche vermeintlich kulturkritische Sicht geht am Kern des Phänomens vorbei.
Nach Prognosen werden im Jahre 2050 (unter der Bedingung einer jährlichen Netto-Zuwanderung von 100 000 Personen) fast 40 Prozent der Bevölkerung 60 Jahre und älter sein.[1] Wir haben in den letzten hundert Jahren eine Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung (bei Geburt) um etwa 30 Jahre erlebt.[2] Dies ist eine unerhörte Errungenschaft der menschlichen Kultur, nicht etwa ein Ergebnis biologisch-evolutionärer Prozesse.[3] Die menschliche Kultur hat mit Hilfe von Hygiene, Medizin und hohem Lebensstandard in den "natürlichen" Verlauf der menschlichen Entwicklung eingegriffen. Daraus lässt sich eine gesellschaftliche und individuelle Verantwortung definieren, das Begonnene verantwortungsvoll weiterzuführen. Man könnte es gar als unverantwortlich bezeichnen, beim bloßen Hinzufügen von 30 Jahren - also der Quantität - stehen zu bleiben und sich nicht mehr um die Lebensqualität dieser Jahre zu kümmern. Dies wäre nicht nur unverantwortlich gegenüber dem Einzelnen, sondern auch volkswirtschaftlich nicht vertretbar. In der Ausgestaltung dieser gewonnenen Jahre liegt die Zukunft des Alterns. Hier müssen Gesellschaft, Wissenschaft und der Einzelne zusammenarbeiten. Vier in diesem Zusammenhang zentrale Maßnahmenbereiche möchte ich im Folgenden kurz umreißen: gesellschaftliche Altersbilder, Produktivität und Alter, Bildung und Alter sowie intergenerationelle Beziehungen.
Fußnoten
- Vgl. Statistisches Bundesamt, Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2050. Ergebnisse der koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Stuttgart 2000.
- Vgl. Reiner H. Dinkel, Demographische Alterung: Ein Überblick unter besonderer Berücksichtigung der Mortalitätsentwicklung, in: Paul B. Baltes/Jürgen Mittelstraß/Ursula M. Staudinger (Hrsg.), Alter und Altern: Ein interdisziplinärer Studientext zur Gerontologie, Berlin 1994.
- Vgl. Paul B. Baltes, Die unvollendete Architektur der menschlichen Ontogenese: Implikationen für die Zukunft des vierten Lebensalters, in: Psychologische Rundschau, Bd. 48, 1997, S. 191 ff.

