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Informationen zur politischen Bildung (Heft 164)

Wandel der Arbeitsverhältnisse



Einleitung

1833
Einschränkung der Frauen- und Kinderarbeit in England

1839
Einschränkung der Kinderarbeit in Preußen

1842
Bergwerksgesetz für Kinder- und Frauenarbeit in England

1883
Krankenversicherungsgesetz in Deutschland

1884
Unfallversicherung in Deutschland

1889
Alters- und Invalidenversicherung in Deutschland

1903
Verbot der Kinderarbeit in Deutschland

1911
Angestelltenversicherung in Deutschland

Stellung der Familie

Mit der Industrialisierung und der Ausbreitung moderner sozialer Schichten und Klassen haben sich aber für die breite Masse der Bevölkerung in wachsendem Umfang die Verhältnisse und Bedingungen ihrer Arbeit zur Lebensversorgung verändert.

Die Trennung von Hausgemeinschaft und Arbeitsstelle und die damit verbundene Veränderung in der Stellung der Familie und innerhalb der Familie gehörte wahrscheinlich zu einer das individuelle Leben am tiefsten betreffenden Eigenarten der industriellen Entwicklung. In der vorindustriellen Welt waren Hausgemeinschaft und Arbeitsstätte im Bauernhof oder in der Werkstätte des Handwerks für die große Mehrheit der Bevölkerung in der Regel miteinander verbunden. Das änderte sich durch die Einführung der großen Maschinen- und Apparaturensysteme in Fabriken und neuen Betrieben. Die erwerbstätigen Personen müssen die Hausgemeinschaften verlassen, um den Lebensunterhalt für sich und die Familie zu verdienen.

Damit veränderte sich auch die Stellung der Familie nach außen und innen. Die Familie war der Kern der Verbindung von Hausgemeinschaft und Arbeitsstätte. Sie umfasste sehr häufig drei Generationen, dazu unverheiratete Verwandte; im weiteren Sinne nahmen auch das Gesinde, die Gesellen und Lehrlinge in ihrem Leben teil. Im Unterschied zu unserer heutigen typischen Kleinfamilie mit Eltern und Kindern war das die so genannte Großfamilie oder größere Familie der vorindustriellen Welt. Das Absinken der durchschnittlichen Personenzahl pro Haushalt zeigt die folgende Tabelle für Deutschland (bis 1939 Deutsches Reich, ab 1950 Bundesrepublik Deutschland):

bild4.jpg

Die größere Familie der vorindustriellen Welt war gleichzeitig Arbeitsorganisation mit einer entsprechenden inneren Arbeitsteilung, und sie war patriarchalisch organisiert mit der Dominanz des Vaters. Mit der Industrialisierung hörte sie immer mehr auf, produzierende Arbeitsorganisation zu sein; ihr Schwerpunkt verlagerte sich immer mehr auf die Verbraucherfunktion, und an die Stelle der alten patriarchalischen Organisation trat die Tendenz in zunehmendem Maße auf partnerschaftliches Zusammenleben.

Fabrik und Betrieb außerhalb der Familie und der Hausgemeinschaft werden die Stätte der Arbeit zur Lebensversorgung und zum Erwerb. Das gehört zu einer der tief einschneidenden Wandlungen, die zuerst viele Widerstände hervorrief und soziales und persönliches Elend für die vom Wandel betroffenen Menschen mit sich brachte und bis zum heutigen Tage überall, wo Industrialisierung einbricht, noch mit sich bringt. Die Fabrik war am Anfang des 19. Jahrhunderts das erste Beispiel des modernen industrialisierten Betriebs.

Es gab einige bedeutsame Vorformen wie die arbeitsteiligen Manufakturwerkstätten, in der mehrere Handwerke und Handwerksbetriebe zusammengefasst worden waren wie im Kutschenbau, in der Porzellanmanufaktur oder im Uhrmachergewerbe. Noch am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war die Arbeit in der Fabrik mit einem Makel behaftet, weil einige Vorformen der Fabrik aus Arbeitshäusern bestanden oder mit Sträflingen angefüllt waren. Außerdem war es traditionell entehrend, in einem fremden Hause oder auf fremden Boden zu arbeiten, weil das früher sehr häufig mit Unfreiheit und Hörigkeit verbunden worden war. Daher erschien schon im 18. Jahrhundert vielen Arbeitern, die durch die Not gezwungen waren, in der Fabrik zu arbeiten, diese Arbeit wie die in der Hölle oder im Zuchthaus, zu der sie die Fabrikpfeife am frühen Morgen rief. Zu alledem waren die räumlichen und hygienischen Verhältnisse in oft dunklen Gebäuden und von Maschinenlärm erfüllten Fabriken nicht geeignet, den Widerwillen gegen die Fabrikarbeit abzubauen, die immer größere Gruppen 14 oder mehr Stunden am Tage leisteten, um einen kargen Lohn zu erhalten.

Diese Fabriken und Betriebe versammelten zunehmend mehr Arbeiter unter einem Dach, als es in der familiären Hausgemeinschaft des Bauernhofes oder des Handwerks oder auch des Heimarbeiters überhaupt möglich gewesen war. In diesen größeren Werkstätten wurde eine neue, nicht mehr familiäre, sondern mehr versachlichte Disziplin immer notwendiger. Arbeitsrhythmus, Arbeitsgestaltung und Arbeitszeitlänge wie Arbeitsteilung wurden durch das Kommando des an der Steigerung des Gewinns interessierten Fabrikbesitzers und durch den Rhythmus und die Anforderungen der Maschinenarbeit fremdbestimmt, jedenfalls in höherem Maße fremdbestimmt, als es in der vorindustriellen Zeit überhaupt möglich gewesen ist.

Wie eindrucksvoll die Schilderungen dieser neuen Notsituation auch immer gewesen sind, und wie tief der Wandel tatsächlich von den Menschen empfunden wurde - es darf doch nicht zur Verklärung und Idyllisierung der vorindustriellen Welt führen. Bis zur Erschöpfung gehende Beanspruchung in der Arbeit, Abhängigkeit vom Rhythmus der Natur, vom Kommando des Grundherrn und vom Zwang der Not und der Marktverhältnisse waren den Bauern, den Handwerkern und vor allem den heimarbeitenden Familien keineswegs unbekannt. Zum Teil wurden schon damals die Gefühle der Selbstständigkeit zu einer Illusion. Immerhin gab es relativ noch größere Möglichkeiten, zumindest für die Familienoberhäupter, über Arbeitszeit und Arbeitseinteilung zu bestimmen und die Beziehungen zwischen ihnen und den ihnen unterstellten Familienmitgliedern und dem Arbeitspersonal waren persönlicher und direkter. Diese Seite verschwand zunehmend und für große Schichten der Fabrikarbeiter wurden die Nachteile schon früher entwickelter Situationen noch gesteigert durch Wegfall aller Sicherungen und Ausgleichsmöglichkeiten, wie sie die früheren Arbeitsformen und familiären Arbeitsverhältnisse mit sich gebracht hatten.

Arbeitsorganisation

Man hat an der neuen Arbeitsweise oft auch die Arbeitsteilung und den verringerten Überblick des einzelnen Fabrikarbeiters über das Endprodukt, über den Zusammenhang des ganzen Arbeitsprozesses und über die Verwendung der Produkte hervorgehoben. Diese Erscheinungen traten dem Arbeiter in den neuen Betrieben sicherlich besonders drastisch entgegen, obwohl auch diese Züge nicht vollkommen neu waren. Arbeitsteilung kannte die Manufakturwerkstatt mit mehreren Handwerksbetrieben noch ohne maschinelle Ausrüstung. Auch die auf verschiedene Orte und Arbeitsgruppen verlagerte Arbeitsteilung wie z. B. zwischen Wollscherern, Spinnern, Webern, Walkern, Färbern und Gewandschneidern im oberitalienischen Tuchgewerbe des 15. und 16. Jahrhunderts, war relativ schon weit fortgeschritten und hatte ähnliche Züge wie die moderne Arbeitsteilung.

Neu an dieser Arbeitsteilung im industriellen Betrieb war jedoch ihre Ausrichtung auf die durch neue Energien angetriebenen Apparatursysteme. Neu war die befehlshierarchische Organisation eines solchen Betriebs. Neu wurde Schritt für Schritt die zunehmende Zusammenballung von größeren Personenmengen innerhalb der Betriebsorganisation, die einen Großgruppencharakter bekam und in der keine direkte Beziehungen von Angesicht zu Angesicht mehr möglich war, wie sie noch für die familiären kleingruppenhafte Arbeitsorganisation der vorindustriellen Welt typisch gewesen ist. Dadurch entwickelten sich neue zwischenmenschliche Beziehungen und Verhaltensweisen, strengere Über- und Unterordnungsverhältnisse, eine kompliziertere Spezialisierung und die Auflösung alter halbfamiliärer Gruppenbeziehungen.

Auch das war freilich ein langsamer Prozess. Zunächst betraf dieser Vorgang nur kleinere Teile der Bevölkerung in England und in Deutschland, z. B. in der Textilindustrie und später in der Montanindustrie.

Opfer der Frühindustrialisierung

Es ist eine der düstersten Seiten der vorindustriellen Periode auf privatwirtschaftlicher Grundlage, dass die Drohung mit Entlassung und die freie, die Löhne drückende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt noch ohne nennenswerte solidarisch-gewerkschaftliche Abwehrmaßnahmen zur Disziplinierung und Gehorsamserziehung beigetragen haben. Aber auch hier wäre es falsch, diese Erscheinung der Industrialisierung lediglich auf das Konto des Kapitalismus zu setzen. Mit zunehmender Demokratisierung ist dieser Zustand schrittweise verändert worden.

Auf der anderen Seite zeigen Industrialisierungsprozesse unter staatswirtschaftlichen Bedingungen wie z. B. in der Sowjetunion auch nicht weniger düstere Seiten. In der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre im Stadium der forcierten Industrialisierung wurde die Arbeitsdisziplinierung der in die Industrie strömenden Bauern nicht zuletzt durch die Drohung gefährdet, in ein Straflager zu kommen. Zu dieser Zeit füllten mehrere Millionen Menschen die Straflager, vor allem in Sibirien. Auch aus anderen Berichten ersieht man, dass die frühe Industrialisierung unter verschiedensten Bedingungen und in verschiedenen Kontinenten schwere Opfer zu kosten scheint oder gekostet hat, so dass die Erscheinungen der europäischen Frühindustrialisierung im vorigen Jahrhundert in einem anderen Lichte dastehen als in der Schwarz-Weiß-Malerei mancher Kritik am Kapitalismus.

Fabrikordnungen

Das gilt außerdem auch für den halbmilitärischen Charakter der frühindustriellen Betriebsorganisation, ohne jede Form des Mitspracherechtes der Arbeiter unter Bedingungen, die von einer wachsenden Zahl der Menschen als unwürdig empfunden wurden. Das zeigt sich auch an verschiedenen Fabrikordnungen, in denen z. B. ausdrücklich unbedingter Gehorsam gegenüber den Befehlen der Vorgesetzten verlangt, Entlassungen bei Unpünktlichkeit oder Ungehorsam oder bei Aufwiegelung seiner Mitarbeiter angedroht wurden oder Geldstrafen etwa für Plaudern während der Arbeitszeit verhängt worden sind.

Auch das ist schrittweise durch Mitberatungs- und Mitbestimmungsformen, gewerkschaftliche Organisation oder Tarifvertrag verändert worden. Es gehörte aber auch zu den Disziplinierungsformen der frühen Industrialisierung und kann - respektive konnte - in anderen Ländern mit staatswirtschaftlicher Grundlage, wenn auch in verschiedenen Variationen, wieder beobachtet werden, wie z. B. in der Sowjetunion, in der 1929 das Mitspracherecht der Betriebsräte bei der Einsetzung der Direktoren wieder abgeschafft und eine strengere Betriebsorganisation eingeführt wurde.

Frauen- und Kinderarbeit

Eine nicht weniger düstere Seite ist die Frauen- und Kinderarbeit der Frühindustrialisierung. Die Frauen- und Kinderarbeit ist nichts prinzipiell Neues oder nur etwa mit der Industrialisierung aufgekommen. Frauen und Kinder haben in der Landwirtschaft immer, oft im Handwerk oder im Bergbau, und vor allem in der Heimindustrie bei den Webern oder Spinnern in der vorindustriellen Welt mitgearbeitet. In größerem Umfange neu war in der Industrialisierung die Arbeit der Frauen und Kinder gegen Lohn außerhalb der Hausgemeinschaft und hier unter schweren, teilweise ruinösen gesundheitsschädlichen und familienauflösenden Bedingungen mit unerhört langen Arbeitszeiten. In den offiziellen Berichten der Fabrikinspektion, in Debatten der Parlamente oder Provinziallandtage wurde von Beamten, Abgeordneten und Journalisten auf diese menschenunwürdigen und gesundheitsschädlichen Verhältnisse der Kinder- und der Frauenarbeit hingewiesen.

Die Beschäftigung von Frauen und Kindern in der Fabrikarbeit hatte ihre wichtigste Ursache während der damaligen Zeit darin, dass Frauen und Kinder billige Arbeitskräfte waren. In der englischen Textilindustrie im Anfang des vorigen Jahrhunderts schätzte man für eine Zeit lang, dass die Mehrheit der Fabrikarbeiter aus Frauen und Kindern bestand, während die Männer arbeitslos zu Hause saßen. Aber sehr bald wurden die schädlichen Auswirkungen für die Familie, die Gesundheit, die Erziehung, aber auch für die Effektivität der Arbeit von vielen Seiten bemerkt, von konservativen und liberalen Vertretern sowohl in England wie auch später in Deutschland und dann vor allen Dingen von den Vertretern der aufkommenden Arbeiterbewegung.

In England kam es bereits in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu ersten Fabrikgesetzen und zu Einschränkungen der Frauen- und Kinderarbeit. In Preußen wurden 1839 und 1853 und im Deutschen Reich 1903 Kinderarbeit entweder eingeschränkt oder ganz aufgehoben. Insgesamt sind die Betriebs- und Fabrikverhältnisse in der frühen Industrialisierung schrittweise verändert und verbessert worden; wie z. B. durch die Arbeitszeitverkürzungen pro Woche von 82,5 Stunden im Jahre 1825 auf etwa 57 Stunden im Jahre 1910. Damit sind erste schwerste Schäden der frühen Industrialisierung auch unter kapitalistischen Bedingungen teils beseitigt, teils gemildert worden. Die so genannte soziale Frage aber, die Aufhebung der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Benachteiligung der unselbstständigen Arbeitnehmer und vor allen Dingen der Arbeiter, war damit noch nicht vollauf bewältigt. Hier wurden weitere entscheidende Veränderungen durch viele Faktoren, vor allem aber auch durch die aufkommende Arbeiterbewegung, in politischer und gewerkschaftlicher Richtung herbeigeführt.
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10. Februar 2012
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Von der Ständeordnung zur Industriegesellschaft
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Das 19. Jahrhundert 1
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