Kultur als Brücke zwischen Deutschland und seinen Nachbarn in Mittel- und Osteuropa
Die Erweiterung der Europäischen Union um die mitteleuropäischen Staaten an der Ostsee ist seit geraumer Zeit im Gange. Deutschland nimmt in diesen Verhandlungen eine besondere Stellung ein.I. Abschnitt
In einem im vergangenen Jahr erschienenen Beitrag über "Deutschlands Befindlichkeiten aus französischer Sicht" machte Stephan Martens darauf aufmerksam, dass sich, von Frankreich aus betrachtet, mit dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin die Machtbalance in Europa verschiebe: "Regelmäßig wird bei den französischen Kommentatoren daran erinnert, dass für Deutschland Mittel- und Osteuropa Einflusszone sei und dass mit dem kommenden Eintritt neuer Staaten in die EU die deutsche Dominanz noch wachsen wird. Frankreich dagegen habe keine Einflusszone - höchstens Afrika - oder nur eine geringe mit der Frankophonie." [1] Martens geht in diesem Zusammenhang nicht auf die Frage ein, wie sich Einfluss und Dominanz Deutschlands denn manifestieren.
Im gleichen Heft der "Internationalen Politik" schreibt auch W|ladys|law Bartoszewski. Sein Beitrag über "Deutschland und Polen nach dem Umbruch" trägt die Überschrift: "Angst vor der Großmacht?" Er liest sich wie eine Antwort auf die von Martens erwähnten französischen Vorbehalte. Bartoszewski spricht von der gemeinsamen Geschichte Polens und Deutschlands als der Grundlage der gegenwärtigen und der künftigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern in Europa. Aus der Vergangenheit ragen Elemente in die Gegenwart hinein, mit denen sich die beiden Nachbarn neu befassen müssen. Nichts kann ungeschehen gemacht werden, auch wenn Dinge zu einem Abschluss gebracht werden können. Bartoszewski erinnert an die Fragen der Entschädigungen für die Zwangsarbeiter - und bleibt doch dabei nicht stehen: "Das Kriegskapitel der gemeinsamen Geschichte dürfte mit dem Abkommen über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter endgültig abgeschlossen sein", schreibt er und schließt an: "Die beiden Länder verfügen heute über ein umfangreiches Netz von bilateralen Institutionen, Stiftungen, Verbänden und Städtepartnerschaften; die wirtschaftlichen Beziehungen florieren." Von beiden Seiten sind die Voraussetzungen für dieses Aufblühen geschaffen worden. Er fährt fort: "... obwohl eine solide Basis für unsere Partnerschaft geschaffen werden konnte, wird es sicher noch eine Weile dauern, bis Deutsche und Polen überkommene Berührungsängste abgebaut und wirklich zueinander gefunden haben. Die Verständigung der Völker hinkt leider immer noch hinter der Aussöhnung der Eliten unserer beiden Länder hinterher."
Bartoszewskis Vertrauen gründet darauf, dass Deutschland in die Europäische Integration einbezogen ist: "Es ist allerdings unmöglich, die gegenwärtigen und die zukünftigen polnisch-deutschen Beziehungen losgelöst vom gesamteuropäischen Zusammenhang zu betrachten." Eine grundsätzlich neue Situation sei dadurch entstanden, dass Deutschland freiwillig auf immer größere Teilbereiche seiner Souveränität verzichtet und seine Friedfertigkeit unter Beweis gestellt habe. "Das solchermaßen eingehegte Deutschland hat - zum Glück - nichts mehr gemein mit dem von Expansionsdrang und Großmachtstreben besessenen Staat, der in der polnischen Bedrohungsperzeption eine prominente Rolle spielte." [2]
Dies ist die Basis eines neuen Vertrauens, das ausstrahlen kann auf alle Bereiche. Es macht den Blick auf die gesamte Vergangenheit der Beziehungen zwischen Polen und Deutschen frei. Was Bartoszewski über diese neue oder wiedergewonnene Perspektive in Bezug auf das Verhältnis seines Landes zu Deutschland feststellt, gilt der Sache nach auch für alle anderen östlichen Nachbarn Deutschlands, zumal die an der Ostsee, die EU-Beitrittskandidaten. Auch für diese trifft zu, dass sie das Deutschland von heute als einen ganz und gar auf Europa eingeschworenen Staat betrachten. Die deutschen Bindungen an Europa ermöglichen Vertrauen hinsichtlich der Zukunft,
sie eröffnen aber auch der Beschäftigung mit der Vergangenheit ganz neue Möglichkeiten [3] .
Fußnoten
- Stephan Martens, Die "Berliner Generation". Deutschlands Befindlichkeiten aus französischer Sicht, in: Internationale Politik (2000) 9, S. 15-20.
- Wadyslaw Bartoszewski, Angst vor der Großmacht? Deutschland und Polen nach dem Umbruch, ebd., S. 9-14.
- Die weiteren Ausführungen stützen sich auf die Erfahrungen der Mitarbeiter in der Ost-Akademie Lüneburg. Sie wurden gesammelt in Seminaren und Konferenzen, in Begegnungs- und Hospitationsprogrammen mit Teilnehmenden aus allen im Text erwähnten Ländern. Die Eindrücke wurden vertieft bei persönlichen Begegnungen, in wissenschaftlichen Gesprächen sowie bei Besuchen und Veranstaltungen in den EU-Beitrittsländern an der Ostsee sowie im russischen Ostpreußen. Auf die fortlaufende Berichterstattung über die Aktivitäten von Heimatkreisgemeinden und Kommunen sei hier eigens hingewiesen. Zusammenfassend zu den Aktivitäten und Beobachtungen s. Gerhard Doliesen, Polska w centrum uwagi, in: Polska w Europie, (2000) 33, S. 50-63; ders., Polen - ein Schwerpunkt der europäischen Bildungs- und Vermittlungstätigkeit in der Ost-Akademie Lüneburg, in: Deutsche Studien, (1999) 141, S. 69-82; Eine Teilbilanz zieht auf der Basis der Erfahrungen der Ost-Akademie und eigener Recherchen in Polen und Deutschland Horst-Dieter Frhr. v. Enzberg in einer noch unveröffentlichten Arbeit: Deutsch-polnische Kommunalpartnerschaften im Zeichen der Ost-Erweiterung der Europäischen Union. Untersuchungen zur betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung. (Lüneburg 2000 - Veröffentlichung in den Deutschen Studien ist für dieses Jahr vorgesehen). Dort auch weiterführende Literaturhinweise.

