|
|
 |

 |

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 52/2008)
 |
 |
 |
 |
 |
Der Papst als Medienstar |

 |
 |
René Schlott
|
 |
|

Die Päpste und die Medien |
   |
 |
 |
 |
 |
 |
Als der polnische Kardinal am 16. Oktober 1978 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde, gehörte zu einer seiner ersten Amtshandlungen eine Audienz für 1500 Medienvertreter. Von diesem besonderen Empfang berichtete die "Sunday Times", dass die eigentliche Ansprache des neuen Papstes nur 13 Minuten gedauert, Johannes Paul II. die Audienzhalle aber erst nach weiteren 50 Minuten verlassen habe. Entgegen den vatikanischen Gepflogenheiten gab der neue Papst nämlich einigen der anwesenden Journalisten nach seiner vorbereiteten Rede noch spontane Interviews. "So perhaps a new era is opening in the Vatican for the world's media", mutmaßte die Sunday Times damals. Das Blatt sollte Recht behalten: Johannes Paul II. ist als der "Medienpapst" in die Kirchen- und Kommunikationsgeschichte eingegangen.
Der polnische Pontifex hatte schnell verstanden, welche Möglichkeiten sich mit der massenmedialen Kommunikation für die katholische Kirche eröffneten. Offensiv reagierte er auf die Medialisierung: auf die zunehmende und gegenseitige Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche, darunter auch der Kirche, durch die Massenmedien. In einer Ansprache an katholische Medienexperten im März 2002 machte Johannes Paul II. deutlich, dass er sich bewusst den Medien und ihren Vertretern zuwandte, um möglichst viele Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen: "Die besondere Herausforderung besteht darin, Mittel und Wege zu finden, dass die Stimme der Kirche in der modernen Arena der Medien nicht an den Rand gedrängt oder gar zum Schweigen gebracht wird. (...) Nein! Jesus Christus muß der Welt verkündet werden, und deshalb muß die Kirche mit Mut und Zuversicht das weite Forum der Medien betreten."
Die meisten seiner Vorgänger hatten keine so offene Einstellung den modernen Medienstrukturen gegenüber, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Etablierung von Telegraphenverbindungen, Nachrichtenagenturen und Korrespondentennetzen herausbildeten. Dennoch partizipierten die Päpste immer an den technischen Medienentwicklungen der letzten 150 Jahre, indem sie einen eigenen vatikanischen Medienapparat aufbauten.
Der erste Papst des massenmedialen Zeitalters, Pius IX. (1846 - 1878), gründete eigene kirchliche Presseorgane, wie die bis heute erscheinende Tageszeitung L'Osservatore Romano (1861) und die Zeitschrift La Civiltà Cattolica (1850). Trotz dieses Medienengagements verurteilte Pius IX. in seinem "Syllabus Errorum" (Liste der Irrtümer) von 1864 die Meinungs- und Pressefreiheit. Sein Nachfolger Leo XIII. (1878 - 1903) machte intensiven Gebrauch von den neuen technischen Medienmöglichkeiten: 1903 sprach er ein Gebet in einen Phonographen. Diese Aufnahme des "Ave Maria" ist die älteste noch erhaltene Aufzeichnung einer Papststimme. Bereits 1896 hatte sich Leo XIII. in den Vatikanischen Gärten filmen lassen. Die bewegten Papstbilder gehören zu den ersten Zeugnissen der Filmgeschichte.
Während Pius X. (1903 - 1914) allen modernen Entwicklungen mit Skepsis begegnete, stand sein Nachfolger Benedikt XV. (1914 - 1922) der Presse als erster Pontifex für Interviews zur Verfügung. Pius XI. (1922 - 1939) gründete 1931 einen eigenen kirchlichen Radiosender. Bis heute sendet Radio Vatikan Nachrichten aus dem Zentrum der katholischen Kirche in 47 verschiedenen Sprachen. Besonders oft machte Pius XII. (1939 - 1958) Gebrauch von der Möglichkeit, über den Kirchensender direkt zu den Gläubigen in aller Welt zu sprechen. Anlässlich des Heiligen Jahres 1950 richtete er einen Vorläufer des heutigen vatikanischen Fernsehzentrums Centro Televisivo Vaticano ein, das die Fernsehanstalten in aller Welt mit kirchlich autorisiertem Filmmaterial versorgt. Die beiden technikfreundlichen Päpste Pius XI. und Pius XII. äußerten sich zudem erstmals in päpstlichen Lehrschreiben positiv zur Rolle der modernen Massenmedien: so in der "Filmenzyklika" Vigilanti Cura (Mit besonderer Aufmerksamkeit) vom 29. Juni 1936 und in der "Medienenzyklika" Miranda Prorsus (Die wunderbaren technischen Entwicklungen) vom 8. September 1957.
Unter Paul VI. (1963 - 1978) wurde 1964 der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel eingerichtet, wie die Massenmedien im kirchlichen Sprachgebrauch seit dem II. Vatikanischen Konzil (1963 - 1965) bezeichnet werden. Seit 1967 begeht die Kirche jährlich am 24. Januar, am Fest des Journalistenpatrons Franz von Sales (1567 - 1622), den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel.
Das Pontifikat Pauls VI. markiert außerdem den Beginn der modernen päpstlichen Reisetätigkeit. Von seiner ersten Reise an ist der Papst bei allen Pastoralvisiten und Staatsbesuchen stets von einem großen Presseaufgebot begleitet worden. Die Medienvertreter wurden schon damals vom Heiligen Stuhl ausgewählt und reisten mit dem Pontifex gemeinsam im Flugzeug. "Wie kein anderer Papst vor ihm sucht Paul VI. die Gesellschaft der Journalisten und fühlt sich bei ihnen wohl. (...) Bei seinem Besuch der Vereinten Nationen in New York 1965 sagte der Papst zu den Korrespondenten: Sie sollten wissen, daß wir ein Freund der Presse sind." Seinen Papstnamen Paul hatte er in Erinnerung an den Apostel Paulus gewählt. In ihm sah der Papst auch einen Vorläufer des modernen Journalisten, weil Paulus unter den Völkern die christliche Botschaft mit den Mitteln seiner Zeit verbreitet hatte.
Johannes Paul II. führte einerseits die von Paul VI. und seinen Vorgängern begonnene Medienpolitik fort, setzte andererseits mit seinen geschickten Medieninszenierungen und seinem persönlichen Charisma aber auch völlig neue Maßstäbe. Schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt sprach das britische Nachrichtenmagazin The Economist von einer "Popemania". Mit dem jungen und dynamischen Papst aus Polen war ein neuer Medienstar geboren. Fortan waren die Augen der Welt auf den Mann in der strahlend weißen Soutane gerichtet. |
 |
 |
|
 |
10. Februar 2012
 |
 |
 |
Schriftenreihe |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Das Kult-Buch - Glanz und Elend der Kommerzkultur
Du bist, was Du kaufst: Waren sind Kultobjekte. Mit ihnen bringen wir
unsere Identität zum Ausdruck. Dabei zählen im heutigen Lifestyle-Kapitalismus Erlebnis und Image meist mehr als der Gebrauchswert. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
Schriftenreihe |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Republik der Wichtigtuer
Wie spielen Politik und Medien in Deutschland zusammen? Die Journalistin Tissy Bruns berichtet vom "Jahrmarkt der Eitelkeiten" und analysiert gleichzeitig unsere Medienrepublik. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|