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Informationen zur politischen Bildung (Heft 164)
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Von der Ständeordnung zur Industriegesellschaft |

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Einleitung
1840-50
Mehrheit der Bevölkerung in England in Städten
1869
Gewerbefreiheit im Norddeutschen Bund
1873
Vereinheitlichung des Geld- und Münzwesens in Deutschland
Um 1900
Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland in Städten
In Deutschland wie in den anderen sich industrialisierenden Ländern löst sich im 19. Jahrhundert die agrarisch-ständische Gesellschaft, was eingangs schon beschrieben worden ist, Schritt für Schritt auf. Aber damit sind die Eigenarten der sich neu bildenden sozialen Ordnung noch nicht zureichend gekennzeichnet. Bauernbefreiung, Aufhebung des Zunftzwanges und Einschränkung der Adelsvorrechte besagt nur, was verschwand, aber nicht, was an die Stelle der alten Ordnung getreten ist.
Kapitalistische oder industrielle Gesellschaft?
Zunächst ist man versucht zu antworten: die kapitalistische Gesellschaft, wobei man das Wort ganz ohne Polemik etwa in dem Sinne verwenden kann, in dem es von sonst so verschieden gesinnten Wissenschaftlern wie Marx, Max Weber, Sombart oder Schumpeter angewendet wurde. Versteht man darunter Entwicklung des individuell verfügbaren Privateigentums an Kapital vor allem in der Gestalt der wichtigsten Produktionsmittel wie Grund und Boden, Werkzeuge und Maschinen; Konkurrenz und Tausch auf einem offenen Kundenmarkt mit Ausbildung eines Waren-, Geld- und Arbeitsmarktes und schließlich Rentabilitätswirtschaft, das heißt private, auf Gewinn abzielende Bewirtschaftung der Unternehmen und Firmen mit Orientierung an den jeweiligen Markttauschchancen - dann ist gar nicht zu bestreiten, dass im Europa und Amerika des vorigen Jahrhunderts die Industrialisierung unter solchen kapitalistischen Bedingungen geschehen ist. Dennoch muss die neu entstehende Ordnung zum Teil differenziert dargestellt und kann zum anderen nur im eingeschränkten Sinne als kapitalistische Gesellschaft bezeichnet werden.
Denn der Kapitalismus mit den von uns gekennzeichneten Merkmalen entstand nicht erst im 19. Jahrhundert. Privateigentum an Produktionsmitteln, Markttausch, Waren-, Geld- und zum Teil auch Arbeitsmarkt sowie auf Gewinn abzielende Bewirtschaftung von Firmen hat es im Rahmen der ständisch-agrarischen Gesellschaft schon mehrere Jahrhunderte früher gegeben - wenn der Kapitalismus damals auch nicht die vorherrschende Form des Wirtschaftens und der Gesellschaft war, das wurde er erst seit und mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
Aber auch dann sind kapitalistische Wirtschaft und industrielle Gesellschaft noch nicht völlig identisch, denn unterdes hat sich die Industrialisierung auch unter staatswirtschaftlichen Bedingungen - wie z. B. in der Sowjetunion - vollzogen und zeigt dabei gewisse Züge in der sozialen Ordnung, wie wir sie auch kennen. Die kapitalistische und privatwirtschaftliche Ordnung sind offensichtlich nicht identisch mit dem, was wir Industriegesellschaft nennen. Es gibt vielmehr Industriegesellschaften unter privatwirtschaftlicher und auch unter staatswirtschaftlichen Bedingungen. Das sollte man zum besseren Verständnis auch mancher unserer modernen Probleme in Erinnerung behalten und deswegen schon in der Schilderung des 19. Jahrhunderts zu diesem besseren Verständnis unserer Gegenwart auf die Differenzierung achten. Im anderen Fall kann man zu leicht zu dem irreführenden Schluss verleitet werden, durch Aufhebung kapitalistischer Bedingungen etwa des Privateigentums an den Produktionsmitteln die Lösung aller dringenden Probleme unserer modernen Gesellschaft herbeizuführen, ohne zu sehen, welche Schwierigkeiten die industrielle Gesellschaft in sich birgt, ganz gleich, ob es sich unter privatwirtschaftlichen oder staatswirtschaftlichen Bedingungen entwickelt hat und noch weiter entwickelt.
Eigenarten der industriellen Gesellschaft
So gehört zu den Eigenarten einer industriellen Gesellschaft sowohl unter privat- wie staatswirtschaftlichen Bedingungen etwa die Tendenz,
- die Mehrheit der Bevölkerung zu verstädtern,
- das Schwergewicht von der Landwirtschaft auf das Gewerbe und den Handel zu verschieben,
- Hausgemeinschaft und Arbeitsstätte voreinander zu trennen,
- die Stellung, Form und Funktion der Familie zu ändern und durch ein öffentliches Schulwesen zu ergänzen,
- die Mehrzahl der Bevölkerung in unselbstständige Arbeitnehmer zu verwandeln,
- die Arbeitnehmerschaft in verschiedene Schichten wie Angestellte und Arbeiter zu differenzieren,
- die ganze Gesellschaft zu bürokratisieren.
Wir heben von diesen Vorgängen nur einige hervor, um die neue Industriegesellschaft in ihren sozialen Eigenschaften zu kennzeichnen:
Verstädterung
Die Verstädterung der Bevölkerungsmehrheit setzt sich in England bereits zwischen 1840 und 1850, in Deutschland erst um die Wende zum 20. Jahrhundert durch. Auch jetzt bedeutet es nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Großstädten wohnt. Immerhin ist die Herausbildung so vieler Großstädte, wie wir sie jetzt kennen, erst durch die Industrialisierung möglich, zum Teil auch notwendig geworden, wenn man an die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Licht, Beheizung etc. und an Verkehrsverhältnisse unter industriellen Arbeitsbedingungen denkt.
Landwirtschaft und gewerblicher Sektor
Die Verlagerung von der Landwirtschaft auf den gewerblichen Sektor manifestiert sich vor allem in der Abnahme des Anteils der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung. Um 1800 lebten in Deutschland etwa noch 75 bis 80 % hauptsächlich von der landwirtschaftlichen Betätigung. Jetzt sind es etwa nur noch 8 %. Die Verlagerung in den gewerblichen Sektor erklärt sich aus dem Gewinn, den der gewerbliche Sektor am gesamten Bevölkerungswachstum erhalten hat.
Mit der Industrialisierung schiebt sich eine neue Schichtung immer mehr in den Vordergrund. Zunächst tritt der Unterschied zwischen Arbeitgebern und Unternehmern auf der einen Seite und den Arbeitern auf der anderen Seite im selben Tempo immer deutlicher hervor, wie die Industrialisierung Fabriken und Betriebe entstehen lässt.
Unselbstständige Arbeitnehmer
Hieraus entwickelt sich die Tendenz, die Bevölkerungsmehrheit überhaupt in unselbstständige Arbeitnehmer umzuwandeln, wie es schließlich in der Mitte unseres Jahrhunderts in fast allen Industriestaaten, gleichgültig ob unter privatwirtschaftlichen oder staatswirtschaftlichen Bedingungen, der Fall geworden ist. Im Unterschied zu den Bauern, den Handwerkern oder Kleingewerbetreibenden besitzen die unselbstständigen Arbeitnehmer der industrialisierten Welt kein oder kein nennenswertes Eigentum an Grund und Boden und Werkzeugen oder Maschinen mehr, mit dem sie ihre Lebensversorgung selbst sichern können. Sie sind daher gezwungen, ihre Arbeitskraft denjenigen gegen Lohn und Gehalt anzubieten, die über die wichtigsten Produktionsmittel verfügen. Es ist dabei nicht ausgemacht, in welcher Form sie über diese Produktionsmittel verfügen, ob aufgrund des Privateigentums, wie unter den kapitalistischen Bedingungen, oder aufgrund der staatswirtschaftlichen Ordnung, in der die Bürokratie im Rahmen der Einparteidiktatur wie in der Sowjetunion über die Verwendung der Produktionsmittel entscheidet. Diese Entscheidung haben also alle Industriegesellschaften, unter welchen Eigentumsbedingungen auch immer, bisher gemeinsam.
Soziale Gegensätze
Aber im vorigen Jahrhundert war der Unterschied zwischen den kapitalistischen Unternehmern als Eigentümer und Verwalter ihrer Unternehmungen auf der einen und den Arbeitern auf der anderen Seite eines der wichtigsten Kennzeichen dieser Epoche der frühen Industrialisierung unter privatwirtschaftlichen Bedingungen. Diese neuen industriellen Unternehmer, Kapitalbesitzer oder Arbeitgeber und die unselbstständigen Arbeiter waren nicht mehr Teil einer ständischen Ordnung, in der ein Wechsel zwischen den sozialen Gruppen durch Rechtsstatuten erschwert wurde oder verhindert werden sollte. Jetzt war ein Aufstieg möglich und im Anfang der Industrialisierung noch häufiger als in späteren Stadien. Mit der zunehmenden Demokratisierung des Staatsapparates am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde schrittweise für immer größere Gruppen, auch für die Arbeitnehmer, die Gleichheit vor dem Gesetz zur Wirklichkeit. Ist also das Überwechseln immer weniger de jure, durch Rechtssatzungen gehindert worden, so wurde es doch bei der Vergrößerung des Kapitalbesitzes und Verfestigung der neuen besitzenden Klassen de facto immer schwerer und unmöglicher.
Aus den Reihen der neuen industriellen Unternehmer in Verbindung mit den Bankiers und den Großkaufleuten entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem in der Gründerepoche des Deutschen Reiches, ein neues Großbürgertum. Das relativ gemeinsame Interesse dieses Großbürgertums an Gewinnsteigerung und Marktbeherrschung geriet mit dem Interesse der Arbeiter und Arbeitnehmer an Steigerung des Lohns, Sicherung des Arbeitsplatzes und Schutz vor Krankheit, Alter und Invalidität zunächst in einen latenten, dass heißt unterschwellig vorhandenen Gegensatz. Dieser Gegensatz manifestierte sich in aktuellen Konflikten wie Streiks, Lohnkämpfen und Aussperrungen.
Soziale Differenzierungen
Die Zahl der unselbstständigen Arbeitnehmer nahm also mit der Industrialisierung außerordentlich rasch zu. Dagegen verringerte sich der Anteil der Handwerker, des Kleingewerbes und der Landwirtschaft an der Gesamtbevölkerung. Das legte die Annahme nahe, die industrielle kapitalistische Welt werde sich immer mehr nur in zwei großen Klassen trennen: Kapitalisten und Arbeiter. Unter dem Eindruck der frühindustriellen Verhältnisse schien es z. B. für Marx außerdem als wahrscheinlich, dass die Arbeiter unter dem Druck der Konkurrenz und der kapitalistischen Gesetzlichkeiten immer mehr verelenden werden. Tatsächlich hat sich im Verlauf der industriellen Entwicklung die Mehrzahl der Bevölkerung in unselbstständigen Arbeitnehmer umgewandelt. Aber die Verelendung der frühindustriellen Zeit ist nicht fortgesetzt worden. Der Lebensstandard der Arbeiter hat sich durchschnittlich gehoben.
Außerdem ist nur ein Teil des Handwerks und der Kleingewerbetreibenden durch die Industrialisierung zugrunde- und in die Arbeitnehmerschaft übergegangen. Ein anderer Teil modernisierte sich und übernahm in der Zulieferung oder Reparatur neue Funktionen. Vor allem aber differenzierte sich die Arbeitnehmerschaft selbst mit der zunehmenden Verwaltung und Bürokratisierung und dem wachsenden Dienstleistungssektor. Nach 1900 wuchs der Anteil der Angestellten an der erwerbstätigen Bevölkerung in rascherem Takt, während der Anteil der Arbeiter an den Erwerbstätigen zu stagnieren begann.
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Besonderheiten der deutschen Entwicklung
Das alles waren durchgehende Entwicklungstendenzen in den industrialisierten Ländern des vorigen Jahrhunderts. Deutschland aber zeigte daneben noch besondere Züge. In Deutschland geschah die Einigung zum Deutschen Reich und damit die Schaffung wichtiger Voraussetzungen für die ökonomische und industrielle Entwicklung nicht unter bürgerlicher Führung, sondern unter Dominanz des durch das Königshaus, den ostelbischen Adel, das adlig geführte Offizierskorps und das preuß’sche Beamtentum geprägten und beherrschten Preußens aufgrund seiner militärischen Überlegenheit.
In England und Frankreich war es schon früher zu einer Art Symbiose zwischen adliger und bürgerlicher Lebensführung und Schichtung gekommen. Das ursprünglich adlige Bild vom Gentleman oder vom Kavalier wurde von den nachrückenden bürgerlichen Klassen übernommen und mit bürgerlichen Zügen ergänzt und verändert und konnte von ihnen übernommen, ergänzt und verändert werden. Die Adelsideale waren, wie Max Weber sich ausdrückte, in diesem Sinne prinzipiell demokratisierbar.
In Deutschland zeigte sich während des vorigen Jahrhunderts eine umgekehrte Tendenz. Das Bürgertum orientierte sich am Lebensideal vor allem des ostelbischen preußischen Adels und des Offizierkorps. Dessen auszeichnende Besonderheit zeigte sich aber im Merkmal der so genannten Satisfaktionsfähigkeit, das heißt der Möglichkeit, zur Genugtuung bei so genannten Ehrenbeleidigungen zum Duell zu fordern oder gefordert zu werden, und dieses Kriterium war prinzipiell nicht demokratisierbar. Infolgedessen versuchte ein großer Teil des deutschen Bürgertums, sich an feudale und militärische Ideale "anzupassen". "Die geschichtliche Entwicklung Deutschlands hat es mit sich gebracht, dass die bürgerliche Klasse feudalisiert und militarisiert wurde - ein junger Kaufmann will bei uns nicht aussehen wie ein junger Kaufmann, sondern womöglich wie ein Leutnant in Zivil", wie es ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter noch 1914 geschildert hat.
Das galt natürlich nicht für alle bürgerlichen Gruppen und Schichten in gleichem Maße. Liberale und demokratisch gesinnte Strömungen im Bürgertum stemmten sich gegen diese Tendenz. Es galt aber besonders für einen Teil der Großindustrie, vor allem der Schwerindustrie, die durch viele gemeinsame Zollinteressen mit den ostelbischen Großagrariern ein Bündnis eingegangen waren und die wirtschaftliche Entwicklung führten, dafür dem Adel und dem Herrscherhaus die Regierung überließen.
Das spiegelte sich auch in der Betonung des so genannten "Herr im Hause-Standpunktes" des industriellen Unternehmens wider. Sicherlich war die frühindustrielle Betriebsorganisation überall am militärischen Modell des Liniensystems, mit Über- und Unterordnung im Befehlen und Gehorchen orientiert. Das gilt für die Industrialisierung unter privatwirtschaftlichen Bedingungen des vorigen Jahrhunderts wie unter staatswirtschaftlichen Bedingungen etwa auch der Sowjetunion in unserem Jahrhundert. Aber im halbfeudal überformten Wilhelminischen Reich wurde diese Betriebsorganisation besonders in der Schwerindustrie noch durch ständische und patriarchalische Eigenarten betont oder ergänzt. So gab der damals sehr bekannte und geadelte Industrielle Freiherr von Stumm-Halberg in einer Polemik mit einem Vertreter des liberalen Bürgertums im Reichstag noch 1890 zu, dass in seiner Arbeitsordnung den Arbeitern unter Strafandrohung vorgeschrieben wurde, ihre Verheiratung ihm vorher anzuzeigen, - ähnlich wie der feudale Grundherr in der vorindustriellen Welt das von seinen hörigen Bauern verlangen konnte. Diese lange Überformung der industriellen kapitalistischen Entwicklung durch feudale oder halbständische Schichten, Verhaltensweisen und Lebensformen verzögerte die demokratische Entwicklung in der deutschen Geschichte und hatte unheilvolle Folgen, ohne die auch der Nationalsozialismus wahrscheinlich nicht vollauf begriffen werden kann. |
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10. Februar 2012
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Informationen zur politischen Bildung |
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Das 19. Jahrhundert 1
Die Grundlagen für die gegenwärtigen politischen Systeme der europäischen Staatenwelt wurden im 19. Jahrhundert geschaffen: von Monarchien zu demokratischen Verfassungsstaaten. |
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