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Der Alters-Survey: Die zweite Lebenshälfte im Spiegel repräsentativer Daten


6.5.2003
Der Wandel der Altersstruktur steht für die reichen Länder mit an vorderster Stelle. Diese demographische Entwicklung zählt zu den tiefgreifendsten gesellschaftlichen Umbrüchen der kommenden Jahrzehnte.

I. Einleitung



Unter den Herausforderungen, denen sich die Bevölkerungen der reichen Länder gegenübersehen, steht der Wandel ihrer Altersstruktur mit an vorderster Stelle. Diese demographische Entwicklung - gewöhnlich (etwas missverständlich) als "Altern der Gesellschaft" bezeichnet - zählt zu den tiefgreifendsten gesellschaftlichen Umbrüchen der kommenden Jahrzehnte. Dabei ist nicht nur an den zunehmenden quantitativen Anteil der Älteren an der Bevölkerung zu denken, sondern auch an die damit verbundenen qualitativen und strukturellen Veränderungen.

Zugleich hat der Ruhestand seinen Charakter als "Restzeit", die es irgendwie zu durchleben gilt, verloren und ist zu einer eigenständigen, längeren Lebensphase geworden. Sie erfordert den Entwurf neuer biographischer Projekte und stellt die Frage der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben in neuer Form. Und die heutigen Älteren erreichen den Ruhestand im Durchschnitt in besserer gesundheitlicher Verfassung, mit besseren Qualifikationen und mit einer besseren materiellen Absicherung als frühere Generationen. Die wachsende Gruppe der Älteren gerät damit nicht nur als sozialpolitische "Alterslast", sondern auch als ein bisher viel zu wenig beachtetes Potenzial von Interessen und Fähigkeiten ins Blickfeld.

Die Institutionalisierung des Alters als Ruhestand und damit als eigenständige Lebensphase entspricht lange gehegten Wünschen der arbeitenden Menschen und ihrer gewerkschaftlichen und politischen Vertreter. Wie jeder Erfolg schafft allerdings auch dieser seine eigenen Folgeprobleme. Im Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen zurzeit die ökonomischen Probleme der Finanzpolitik und der Arbeitskosten. Die lange Zeit jenseits des Erwerbslebens wirft jedoch auch psychologische und soziologische Probleme auf: solche der individuellen Entwicklung und Sinnfindung und solche der gesellschaftlichen Integration und Partizipation.[1]

Für die Forschung stellt sich mit dem tief greifenden Strukturwandel des Alters die Aufgabe einer Dauerbeobachtung, die - um die Unterscheidung von Robert Musil aufzugreifen - "Wirklichkeitssinn" und "Möglichkeitssinn" vereint: Sinn für das, was gegeben ist, ebenso wie für das, was sich daraus entfalten kann. Der Wandel reicht jedoch weit über die Altersphase im engeren Sinne hinaus. Alle Lebensalter erhalten ein neues Gewicht; die Beziehungen und Austauschprozesse zwischen ihnen sind neu zu bestimmen. Die Forschung über die Zukunft des Alterns wird zu einem notwendigen Teil der Forschung über die Zukunft der Gesellschaft. In dieser Perspektive ist der Alters-Survey angelegt, eine mit Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderte repräsentative Untersuchung der 40- bis 85-jährigen Deutschen in Privathaushalten.[2]



Fußnoten

  1. In den folgenden Abschnitten stützen wir uns u.a. auf die Ausführungen von Martin Kohli, Der Alters-Survey als Instrument wissenschaftlicher Beobachtung, in: ders./Harald Künemund (Hrsg.), Die zweite Lebenshälfte. Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey, Opladen 2000.
  2. Die erste Welle des Alters-Survey, über die wir hier berichten, wurde von der Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf (FALL) an der Freien Universität Berlin und der Forschungsgruppe Psychogerontologie an der Universität Nijmegen in Kooperation mit infas-Sozialforschung (Bonn) durchgeführt. Die Datenerhebung fand im Jahre 1996 statt. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autoren.