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Informationen zur politischen Bildung (Heft 164)

Wandel der Lebensverhältnisse



Geldwirtschaft

Auch der Alltag außerhalb des Betriebes und der Erwerbsarbeit, in der Familie, in der Lebensführung, in der Ernährung und in den Wohnverhältnissen hat sich im Laufe der Industrialisierung des vorigen Jahrhunderts für alle Gruppen, aber besonders auch für die immer größer werdende Klasse der Lohnarbeiter und später der unselbstständigen Arbeitnehmer überhaupt gewandelt. Der alte, größere, meist bäuerliche handwerkliche Familienverband begann sich mit der Ausweitung der Fabrikarbeit und der Betriebe überhaupt aufzulösen. Damit verschwand zunächst für einen großen Teil der Fabrikarbeiter, dann aber auch für immer größere Teile des Handwerks, des Kleingewerbes, der Händler und schließlich auch der Angestellten zum großen Teil die alte bäuerliche oder halbbäuerliche Basis der Ernährungs- und Lebensversorgung, wie sie in der alten Hausgemeinschaft wurzelte und zu einem Teil noch durch Eigenproduktion sichergestellt war. In den größeren städtischen Siedlungen und in den neuen Mietswohnungen wurde man immer ausschließlicher vom Markt abhängig, auf dem man Nahrungsmittel, Kleidung, Schuhe, Möbel und sonstige Gebrauchsgegenstände gegen Geld kaufen musste und gerade in dem Umfang kaufen konnte, wie das Erwerbseinkommen es zuließ.

Auch das alles war nicht etwa völlig neu, beschränkte sich nicht nur auf die Arbeiter und entwickelte sich langsam in einem vielschichtigen Prozess, der für verschiedene Gruppen der Gesellschaft verschiedene Erscheinungsformen, Nachteile oder Vorteile mit sich brachte.

Neu aber war, dass die Industrialisierung die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass die große Mehrzahl der Bevölkerung vom geldwirtschaftlichen Markttausch bei allen Anschaffungen abhängig geworden ist. Damit wurden die gegenseitigen Abhängigkeiten für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung in der industriellen Gesellschaft allgemein und für die meisten fast nicht mehr rückgängig zu machen. Derartiges war in keiner anderen Gesellschaftsform vorher möglich gewesen, weil in keiner anderen Gesellschaftsform vorher die technischen Bedingungen dafür vorhanden gewesen waren.

Krisen und Hungersnöte

Dieser Trend ist in allen sich industrialisierenden Ländern zu beobachten. Aber bisher haben sich in den verschiedenen Ländern in der Frühindustrialisierung auch krisenartige Erscheinungen, Notsituationen und Kehrseiten des Prozesses wieder besonders für die sozial-ökonomisch schwächeren Schichten gezeigt, relativ unabhängig davon, ob die Industrialisierung unter privat- oder staatswirtschaftlichen Formen vor sich gegangen ist. So hat es im England oder Deutschland des vorigen Jahrhunderts nicht weniger als in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre unseres Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Frühindustrialisierung Hungersnöte, Wohnungsnot, besonders bei der Verstädterung, und teilweise Verschlechterung des Lebensstandards für die neuen Industriearbeiter, aber auch für große Teile der Bauern und Handwerker gegeben. Sicherlich haben sich auch im Wandel der Lebensverhältnisse spezielle, durch private oder staatswirtschaftliche Rahmenbedingungen oder durch Unterschiede im Stadium der technischen Entwicklung und der historischen Situation verursachte Verschiedenheiten ergeben - aber einige Grundzüge scheinen offensichtlich mit der Frühindustrialisierung und ihren veränderten Wirkungen auch in den Lebensverhältnissen ursprünglich verbunden zu sein.

Ernährungsweise

Zunächst zeigte sich der Wandel in der Ernährungsweise. Auch hier ist die Umwandlung für verschiedene Schichten und Klassen in Deutschland oder in England verschieden gewesen. Begüterte bürgerliche Gruppen oder aber adlige Großgrundbesitzer waren in der Wahl ihres Speisezettels und in den Chancen, neue Ernährungsmöglichkeiten auch in Luxusform auszunutzen, weniger beschränkt als etwa arme Bauern oder die neuen Fabrikarbeiter. Zwischen diesen Unterschichten und den Spitzen der sozialen Stufenleiter gab es in der städtischen und ländlichen Bevölkerung eine reiche Abstufung auch im Lebensstandard und in den Voraussetzungen, den Wandel in der Ernährungsweise mitzumachen oder sich gegen Hungerbedrohungen und Standardsenkungen zu wehren. Nach der Ausbreitung der relativ billigen Kartoffel wurden arme Bauern oder Arbeiter durch die Kartoffelkrankheit z. B. in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts und den damit zusammenhängenden Ernteausfall besonders hart und härter getroffen als andere Sozialschichten, die mit höherem Lebensstandard nicht primär auf die Kartoffelnahrung angewiesen waren.

Für die Unterschichten wurden vor der Jahrhundertmitte schätzungsweise 50 bis 70 % der Einkünfte für Nahrungsmittel verwendet. Im Unterschied zur vorindustriellen Welt bestand etwa bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts die Hauptnahrung in Schwarzbrot, Hülsenfrüchten und Kartoffeln.

Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts stieg der Konsum an Fleisch, Zucker, Weißbrot und Obst und verbesserte somit die Zusammensetzung der Ernährung. Das hing nicht nur mit der Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktivität im Getreidebau und in der Viehzucht, sondern auch mit verbilligten Handelswaren aus Übersee und aus den Kolonien und der neu aufkommenden Nahrungsmittelindustrie und Konservenherstellung, aber auch mit der sich ausbreitenden Kontrolle der Nahrungsmittel zusammen. Liebigs Fleischextrakt, Kathreiners Malzkaffee, Margarine als Butterersatz und billige Konserven sowie die Ausbreitung kommunaler Schlachthöfe und Nahrungsmittelkontrolle gegen Ende des Jahrhunderts haben den Lebensstandard - vor allem der ökonomisch schwächeren Schichten - angehoben. Als nach 1900 der Reallohn der Arbeiter stieg, verringerte sich der Anteil des Einkommens, der für Nahrungsmittel aufgewendet wurde, auf rund 30 bis 40 %. Die für die früheren Gesellschaften kennzeichnenden Bedrohungen durch die Hungersnöte wurden mit der Industrialisierung in der europäischen und nordamerikanischen Gesellschaft immer mehr zurückgedrängt oder ganz beseitigt.

Wohnverhältnisse

Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich in der Wohnungsfrage. Die Wohnungen und Wohnverhältnisse der armen Häusler, Heimarbeiter, der Weber, der armen Bauern oder Tagelöhner in der vorindustriellen Welt bis weit in das 19. Jahrhundert hinein waren sicherlich eng, überbelegt, schmutzig, dunkel und ohne die hygienische Ausrüstung, die man in der Gegenwart für die Mehrheit der Bevölkerung gewöhnt ist. Die Wohnverhältnisse der vom Lande in die Städte wandernden Arbeiter scheinen sich am Anfang der Industrialisierung entweder noch mehr verschlechtert oder jedenfalls nicht zum besseren verändert zu haben. Steigende Nachfrage nach billigen Wohnungen und freie Bodenspekulation sowie Ortsbegrenzungen trieben die Bodenpreise in den Städten in die Höhe, förderten den Bau von höheren, mehrstöckigen Mietskasernen und den Bau von Hinterhäusern sowie die Begrenzung der Straßenbreite.

1871 wohnten nach dem Bericht eines Stadtmissionars in einem Berliner Haus 250 Familien, auf einem Korridor 36 Wohnparteien. Um die Mieten aufbringen zu können, waren viele Familien gezwungen, Zimmer an Schlafburschen weiterzuvermieten, was die Überbelegungen der Wohnungen erhöhte. Nach Angaben des Vereins für Sozialpolitik, der sich um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse bemühte, hatten 1880 von allen Haushaltungen in Berlin 7,1 % Einmieter und 15,3 % Schlafleute, denen der Aufenthalt also nur zur Schlafenszeit eingeräumt wurde. In einem Fall drängten sich acht Schlafleute in einem Raum, in anderen Fällen entfielen auf einen Haushalt 34 Schlafburschen. 38 % der Haushaltungen, die Schlafburschen beherbergten, hatten nur einen Raum zur Verfügung, in dem auch die Familie mit den Kindern wohnen musste. Noch 1900 waren 43 % aller Haushaltungen in Berlin einräumig, 28 % zweiräumig. Ähnliche Tatbestände wurden um 1900 in Barmen, Königsberg, Magdeburg, Posen, Görlitz, Halle und Breslau festgestellt.

Die Ausstattung der Wohnungen war entsprechend dürftig. Geheizt wurde meistens mit einem Herd in einem Raum, sehr häufig war und blieb die Küche der einzig beheizte Raum, der gleichzeitig als Wohnraum diente. Die Wasserleitung in den Wohnungen verbreitete sich erst nach den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Deutschland, als man nach der Erfindung des Elektromotors das Wasser auch in die höheren Etagen pumpen konnte. Die Toiletten waren meistens im Hof oder im Treppenhaus. Das Bad in den Wohnungen war ganz wenig verbreitet. 1880 hatten in Berlin von 1000 Wohnungen nur 36 ein Bad, 1910 besaßen 137 Wohnungen eines. Dass derartige städtische Wohnverhältnisse für die betroffenen Schichten, sowohl was die Erziehung der Kinder wie die Abwehr von Seuchen und Krankheiten anbetraf, Gefahrenherde erster Ordnung darstellten, muss man kaum mehr erläutern.

Die städtischen Wohnverhältnisse waren für einen großen Teil der unteren sozialen Schichten in Deutschland noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ähnlich wie in England während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dennoch darf man den gesamten Trend der Entwicklung darüber nicht vernachlässigen, an dem ein steigender Lebensstandard, Verbesserung des Realeinkommens und auch eine Verbesserung der Wohnverhältnisse zu beobachten ist, und der sich zuletzt auch für die benachteiligten sozialen Schichten auswirkte.

So nahm nach den Untersuchungen nach W. G. Hoffmann in England im vorigen Jahrhundert die Zahl der bewohnten Häuser rasch zu, die Zahl der Personen pro Haus aber ab, was eine Verbesserung der Wohnraumverhältnisse anzeigt. Außerdem stieg der Realwert des Mobiliars pro Einwohner von 6,6 £ im Jahr 1802 auf 24,6 £ im Jahr 1880. In Deutschland stiegen - in Preisen von 1913 ausgedrückt - die Ausgaben für Wohnungseinrichtungen von 10 Mark 1850 auf 44 Mark 1913 pro Kopf.

Eine ähnliche Entwicklungsrichtung ist auch in der Vergrößerung der Freizeit, der Verbesserung der Schulverhältnisse und der Bildungsinstitutionen und in der wachsenden Möglichkeit für verschiedene Gruppen der Gesellschaft zu erkennen, sich zusammenzuschließen, ihre Interessen zu artikulieren und sich um die Verbesserung ihrer Lage zu bemühen. Dazu hat sicherlich die Ausbreitung der industriellen Technik entscheidend beigetragen. Dennoch ist dieser Trend nicht ohne die auch bewussten Anstrengungen, sozialen und politischen Kämpfe und Ziel gerichteten organisatorischen Bewegungen verschiedener Strömungen und Gruppen in der Gesellschaft im liberalen Bürgertum, in kirchlichen Kreisen, aber besonders auch in der aufkommenden Arbeiterbewegung zu verstehen.
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10. Februar 2012
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Das 19. Jahrhundert 2
Französische Revolution und Auflösung der Ständischen Gesellschaft
Voraussetzungen der Industrialisierung - Entwicklung der Technik
Verkehrswege und Transportwesen
Deutschland wird industrielle Weltmacht
Von der Ständeordnung zur Industriegesellschaft
Wandel der Arbeitsverhältnisse
Wandel der Lebensverhältnisse
Arbeiterbewegung in England und Frankreich
Die Arbeiterbewegung in Deutschland
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Das 19. Jahrhundert 1
Das 19. Jahrhundert 1
Die Grundlagen für die gegenwärtigen politischen Systeme der europäischen Staatenwelt wurden im 19. Jahrhundert geschaffen: von Monarchien zu demokratischen Verfassungsstaaten.
Das 19. Jahrhundert 1