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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 52/2008)

Der Eventfilm als geschichtspolitisches Melodram


Andreas Dörner
Inhalt

Einleitung

Die Eigenschaften des Formats

Die Relevanz für die politische Kultur

Einleitung
Geschichte hat im Zeitalter der medialen Eventkultur alles Altehrwürdige und Verstaubte verloren. Sie wird zum Medienereignis, das den Zuschauern intensive emotionale und ästhetische Erfahrungen ermöglicht. Historische Figuren, gleich ob real beglaubigt oder frei erfunden, agieren hier als Helden mit Kultpotential. Mit ihnen kann sich das heutige Publikum identifizieren und so in vergangene Welten eintauchen: das heißt historische Ereignisse sinnlich erfahren. Triumph und Niederlage, Opfer und Verrat, Reichtum und Armut vergangener Zeiten werden im Verlauf der filmischen Als-ob-Welten zur aktuellen Wirklichkeit.

Zur Person
Andreas Dörner
Dr. phil. habil., geb. 1960; Professor für Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg, Institut für Medienwissenschaft, Wilhelm-Röpke-Str. 6A, 35039 Marburg/Lahn.
E-Mail: doerner@staff.uni-marburg.de

Hierzulande hat sich seit einigen Jahren vor allem das Fernsehen um eine solche "Verlebendigung" von Geschichte gekümmert. Es hat, so Edgar Wolfrum, "die Grundversorgung der Gesellschaft mit Geschichtsbildern übernommen"[1]. Dies betrifft zum einen die Alltagsgeschichte, wenn in sogenannten "Living History"-Formaten in Schwarzwaldhäusern das Leben um 1900 nachgestellt wird oder wenn junge Menschen eine Bräuteschule im Stil der 1950er Jahre besuchen. Zum anderen bereiten Dokumentarmagazine, marktführend noch immer die Produktionen von ZDF-Haushistoriker Guido Knopp, die großen Züge der Geschichte unterhaltsam und Quoten steigernd auf. Das interessanteste Phänomen sind jedoch die populären Eventfilme, die seit der Jahrtausendwende das deutsche Fernsehprogramm bevölkern und beste Quoten für die Sender erzielen.[2] In diesen wird vor allem die jüngere Geschichte thematisiert, von der Zeit des Nationalsozialismus mit Krieg, Holocaust, Flucht und Vertreibung ("Dresden", ZDF, 2006; "Die Flucht", ARD, 2007; "Die Gustloff", ZDF, 2008) über die Nachkriegszeit der Berliner Luftbrücke ("Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei", Sat. 1, 2005) und der Hamburger Sturmflut 1962 ("Die Sturmflut", RTL, 2006) bis hin zur deutsch-deutschen Geschichte und Wiedervereinigung (u.a. "Der Tunnel", Sat. 1, 2001, "Die Frau vom Checkpoint Charlie", ARD, 2007; "Die Prager Botschaft", RTL, 2007).[3] Hatte sich das klassische Dokudrama, das hierzulande vor allem durch die Produktionen von Horst Königstein und Heinrich Breloer geprägt ist, noch um einen Brückenschlag zwischen dokumentarischer Rekonstruktion und Verlebendigung von Geschichte bemüht, so wird in den Eventfilmen eine weitgehende Fiktionalisierung der Historie in einem dennoch historisch beglaubigten Rahmen geleistet. Das neue Ereignisfernsehen setzt seine Akzente eindeutig im Bereich der Unterhaltung, und gerade deshalb ist es in der Lage, als "Politainment"-Phänomen auch politisch-kulturelle Relevanz zu entfalten.[4]

Die Reichweiten der Filme sind mit teilweise über zehn Millionen Zuschauern so hoch wie sonst nur bei Sportübertragungen oder Ausnahmeformaten wie "Wetten, dass...?". Sie erreichen vor allem auch das unterhaltungsorientierte, politisch kaum interessierte Publikum. Die Eventfilme sind damit zu einem wichtigen Faktor der politischen Kultur Deutschlands geworden.
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10. Februar 2012
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