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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 39/2008)

Perspektiven eines alternativen Internet


Rainer Winter
Inhalt

Einleitung

Cultural Studies und alternative Medien

Globalisierung und neue soziale Bewegungen

Taktische Medien und Social Software

Internet und Fangemeinschaften

Schlussfolgerungen

Cultural Studies und alternative Medien
Es war vor allem der in den 1960er Jahren in Großbritannien entstandene Ansatz der Cultural Studies, der die Rezeption und Aneignung von Medien in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten zu einem wichtigen Forschungsthema machte. Ihre Studien zu jugendlichen Subkulturen, zur Fernsehrezeption und zu Fankulturen zeigen, dass die Mediennutzung, die oft gemeinschaftlich erfolgt, produktive, kreative und bisweilen subversive Aspekte haben kann.[7] Diese entfalten sich gerade in Abgrenzung bzw. in Opposition zur dominanten Kultur und ihren Machtstrukturen. So kann die Aneignung von Fernsehserien, ihre Integration in das alltägliche Leben, bisweilen als Widerstand gegen hegemoniale Sinnstrukturen begriffen werden,[8] wenn etwa soziale Rollendefinitionen, Identitätsmuster oder Normalitätserwartungen subversiv unterlaufen, parodiert oder abgelehnt werden. Den Cultural Studies geht es um alltägliche Veränderungen von Bedeutungen, Einstellungen und Wertorientierungen, um die Entfaltung des produktiven und kreativen Potentials der Lebenswelt, um die Kritik an Machtverhältnissen, um Momente der Selbstermächtigung, die vielleicht schnell vergehen, aber trotzdem prägend und einflussreich sein können.[9]

Offen bleibt bei dieser eher optimistischen Lesart der Populärkultur, ob und inwiefern auf die ermächtigenden Akte der Medienrezeption, in denen um Bedeutungen sowie Vergnügen gerungen wird und in denen sich ein Eigensinn entfaltet, kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen folgen, die über die Momente von Rezeption und Aneignung hinausgehen. Die kreativen Alltagspraktiken im Umgang mit Medien können sich in ihrer Wirkung auch darauf beschränken, den Handelnden zu helfen, sich besser zurechtzufinden oder die Banalität des Alltagslebens leichter zu ertragen, indem man sich zeitweilig von einschränkenden Erwartungen distanziert, sich in Machtstrukturen taktisch verhält oder kleine Fluchten ergreift.

Dagegen lassen sich alternative Medien, zu denen ich die Medien von Protestgruppen, Aktivisten und Aktivistinnen, sozialen Bewegungen, Subkulturen, aber manchmal auch von Fans und Hobbyisten zähle, von vornherein als "channels of resistance" begreifen, die explizit, absichtlich und mit Engagement hegemoniale Strukturen in Frage stellen und in einem symbolischen Kampf um Bedeutung herausfordern.[10] Sie sind weder den Gesetzen der Marktlogik unterworfen noch vom Staat abhängig. Sie operieren im Bereich der sich konstituierenden (transnationalen) Zivilgesellschaft.[11] Nick Couldry weist daraufhin, dass alternative Medien es einer "community of citizens" erlauben, sich in einer demokratischen Praxis zu engagieren, die auf Dialog, weitgehender Kontrolle über symbolische Ressourcen und Repräsentationen der Wirklichkeit sowie auf Offenheit beruht.[12]

Somit wird im Bereich der Cultural Studies ein neues Forschungsfeld eröffnet, das zum einen (digitale) Medienkulturen innerhalb sozialer Bewegungen und alternativer Gemeinschaften untersucht, zum anderen erforscht, wie sie durch die Kommunikationen in Gemeinschaften und Bewegungen erst geschaffen werden.[13] Im Sinne von James Carey, einem Begründer der amerikanischen Cultural Studies, wird Kommunikation als Kultur und Kultur als Kommunikation begriffen.[14]

Um das kommunikative Potential alternativer digitaler Medien nutzen und entfalten zu können, sind allerdings vielfältige mediale Kompetenzen erforderlich, die technische und kulturelle Fertigkeiten beinhalten. Der amerikanische Medienpädagoge und Kulturtheoretiker Douglas Kellner[15] fordert deshalb einen erweiterten Bildungsbegriff, der die neuen Medien beinhaltet und zur Förderung multipler Kompetenzen, insbesondere bei Jugendlichen und sozial benachteiligten Gruppen, beitragen soll. So soll es zu einer Ermächtigung von Individuen und Gruppen kommen, indem sie Informations- und Kommunikationstechnologien kompetent und effektiv einsetzen lernen. Auf diese Weise können sie ihre Problemlagen und Interessen darstellen, die in den traditionellen Medien oft nicht repräsentiert werden. Im nächsten Schritt werde ich diesen Prozess am Beispiel der neuen sozialen Bewegungen veranschaulichen.
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10. Februar 2012
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Neue Medien - Internet - Kommunikation
Editorial
Raumzeitliche Struktur im Internet
Globalisierung der Medien und transkulturelle Kommunikation
Aus Vielen wird das Eins gefunden - wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert
Perspektiven eines alternativen Internet
Internetnutzung von Migranten - ein Weg zur Integration?
Kinder und Jugendliche zwischen Virtualität und Realität
Psychische Folgen der Internetnutzung
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