Die Globalisierung, die unsere Gegenwart prägt, ist ein umkämpfter Prozess. Das haben spätestens die Proteste gegen das Treffen der World Trade Organization 1999 in Seattle deutlich gemacht, die mittels neuer Medien organisiert und koordiniert wurden. Der neoliberalen Vorstellung von Globalisierung, die von einem transnationalen Netzwerk von Politikern, Wirtschaftsbossen und Wissenschaftlern propagiert wird, steht zunehmend eine alternative, demokratische Vorstellung gegenüber, die auf Kooperation, Inklusion, Transparenz und Partizipation aufbaut. Ihre Anhänger kritisieren unter anderem, dass die globale Ökonomie demokratische Institutionen unterhöhle und die Macht sich in einer kleinen Anzahl von Ländern und Konzernen konzentriere. Zum einen stützt sich die demokratische Globalisierung auf Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft, zum anderen auf unabhängige (nichtkommerzielle) Medienorganisationen und auf Internetwebpages.
Ein sehr gutes Beispiel für alternative Medien ist die Schaffung von Independent Media Center (Indymedia/IMC), kollektive, egalitäre und nicht hierarchische Netzwerke von Aktivisten und Aktivistinnen, die mittels Berichten, Fotos und Filmen die Wirklichkeitsrepräsentationen der dominanten Medien in Frage stellen, kritisieren und alternative Perspektiven offerieren, die der demokratischen Globalisierung verpflichtet sind. So versuchen sie beispielsweise öffentliche Aufmerksamkeit für die Folgen der globalen Erderwärmung zu gewinnen und damit Druck auf Politiker und Regierungen auszuüben. Das Internet wird zu einem performativen Raum. Handlungen werden vollzogen, indem sie geäußert werden. Auf diese Weise ermöglichen digitale Technologien auch weniger dichten und organisierten Netzwerken, Themen zu setzen, alternative Perspektiven zu entfalten und ihnen eigenständige Bedeutung zu geben.
Dabei geht es vor allem darum, oft lange bestehende, chronisch gewordene Problemlagen, Gefahren und Risiken in dringende und drängende Angelegenheiten zu verwandeln, die erledigt werden müssen, indem sie diesen mediale Aufmerksamkeit verschaffen. Hierzu setzen soziale Bewegungen - etwa Protestereignisse wie Demonstrationen, öffentliche Spektakel oder Aktionen im Internet - ein. Kommerzielle Medien, die der Kultur des Konsums verpflichtet sind, berichten in der Regel nicht über diese Proteste, die durchaus auch antikapitalistischen Charakter haben können. Der Logik des Konsums, die das neoliberale Netzwerk stärkt und aufrechterhält, stellen die neuen sozialen Bewegungen die Menschenrechte und die Demokratie gegenüber, die universal gelten sollen.
Die Aufgabe der IMCs, deren Zentrum die Webpage ist, besteht nun gerade darin, über politischen Aktivismus und globale Kampagnen zu berichten. Sie verknüpfen die lokale Arbeit mit globalen Auseinandersetzungen, wobei der globale Kontext für die Wahrnehmung der Bewegung entscheidend ist. In einem weiteren Schritt können die Kampagnen dazu dienen, transnationale Koalitionen zu schmieden. Daneben sollen sie Aktivisten und Aktivistinnen helfen, Fertigkeiten und Kompetenzen in der Medienproduktion und der elektronischen Kommunikation zu erwerben und zu verfeinern. IMCs sind dem "open publishing"-Prinzip verpflichtet und versuchen, autonome Online-Zonen zu schaffen. Sie knüpfen damit an die Tradition der Fanzines und der von Jugendlichen geprägten DIY-Culture ("Do-it-yourself") an, die grünen Radikalismus mit direkten politischen Aktionen, neuen musikalischen Sounds und Erfahrungen verband. Den IMCs gelingt es, ein anderes, vor allem komplexeres Bild von sozialen Bewegungen als die Mainstreammedien zu zeichnen, sie anders und differenzierter zu rahmen.
Die neuen sozialen Bewegungen nutzen also das Internet in ihrem Netzwerk "aktiver Beziehungen", die auf kommunikativen sowie interaktiven Praktiken, auf Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen beruhen. Darüber hinaus zielen die Praktiken von Indymedia auf eine Demokratisierung des Journalismus, weil jeder dazu aufgefordert wird, als Journalist tätig zu sein und die technischen Möglichkeiten hierfür zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus werden die Praktiken der traditionellen Journalisten und ihre positivistischen Konzeptionen von Objektivität und Unparteilichkeit radikal in Frage gestellt. Dem gegenüber entwirft der alternative Online-Journalismus eine der Gemeinschaft verpflichtete Ethik, die parteiisch, eingreifend und verbindend ist. In seiner sozial kontextuellen und selbstreflexiven Orientierung stellt er den traditionellen Journalismus auf diese Weise grundsätzlich in Frage. |
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