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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 52-53/2004)
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Männer als Opfer von Gewalt |

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Hans-Joachim Lenz
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Auf der Ebene der deutschen Kriminalstatistik bildet sich seit langem ab, dass zwei von drei Tatverdächtigen Männer sind. So waren beispielsweise in der neuesten verfügbaren Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) aus dem Jahre 2003 85,5 Prozent aller Tatverdächtigen von leichten, gefährlichen und schweren Körperverletzungen Männer. Weil die Gewaltbereitschaft von Männern zum Standardrepertoire der herrschenden Männlichkeitsvorstellungen gehört, erscheint männliche Gewalttätigkeit als "normal". In einer Analyse der männlichen Sozialisation arbeiten Lothar Böhnisch und Reinhard Winter acht Bewältigungsprinzipien des Mannseins heraus: Externalisierung, Gewalt, Benutzung, Stummheit, Alleinsein, Körperferne, Rationalität, Kontrolle. In diesen Prinzipien drückt sich aus, dass die männliche Form der Weltaneignung auf Herrschaft und Kontrolle beruht und sich in einem verhängnisvollen patriarchalen Kulturbegriff vermittelt. In immer neuen Variationen dreht sich dieser um Unterwerfung, Aneignung, Sicherheben über ein Gegebenes oder um gewaltsame Veränderung eines Gegebenen.
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Zur Person |
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Hans-Joachim Lenz
Sozialwissenschaftler, geb. 1947; Praxis für Geschlechterforschung - Beratung - Weiterbildung.
Anschrift: Burgweg 33, 90542 Eckenhaid.
E-Mail: hj-lenz@t-online.de
Veröffentlichungen zur geschlechtsspezifischen Gewaltforschung, u. a.: Spirale der Gewalt. Jungen und Männer als Opfer von Gewalt, Berlin 1996; Männliche Opfererfahrungen. Problemlagen und Hilfeansätze in der Männerberatung, Weinheim 2000.
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Dies ist alles bekannt und gilt weithin als "normal". Weniger bekannt hingegen ist, dass sich die mehrheitlich von Männern ausgeübte Gewalt auch überwiegend gegen Männer selbst richtet. Mit der Ausnahme von Sexualstraftaten sind Männer als Opfer bei allen Delikten in der Überzahl. "Bei Mord und Totschlag, Raub und insbesondere bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung überwiegen männliche Opfer."
Insbesondere für Jungen und junge Männer besteht ein höheres Risiko als für Mädchen und junge Frauen, Opfer von anderen Jungen oder Männern zu werden. "Die Opferziffer der männlichen 14- bis unter 18-Jährigen hat seit Mitte der achtziger Jahre um etwa das Zehnfache zugenommen, die der Mädchen um etwa das Fünffache." Der Anteil ist in den Altersgruppen der 14- bis 18-jährigen und der 18- bis 21-jährigen Jungen bzw. jungen Männer am größten, wie aus der Grafik ersichtlich wird.
Auffallend an diesem Schaubild ist der Anstieg der Opferziffern bei den 14- bis 21-Jährigen im Zeitraum von 1985 bis 1999. Dies ist ein Zeichen der gesunkenen Toleranzschwelle gegenüber Gewalt und einer zunehmend bedrängten Männlichkeit. Die Erfahrung des Verletztwerdens gehört zu jedem Männerleben, insbesondere aber in und nach der Pubertät. Niederlage, Erniedrigung oder Demütigung sind tägliche Unterwerfungserfahrungen unter die Übermacht vor allem anderer Männer. Die verschiedenen Lebensbereiche, in welchen Männer vorwiegend Verletzungserfahrungen machen bzw. gemacht haben, verlaufen entlang der für ihre Entwicklung relevantenSozialisationsinstanzen wie Herkunftsfamilie, Gleichaltrigengruppe, Schule, Bundeswehr, Partnerschaft und Beruf. Deren offener Lehrplan lautet: "Männer werden systematisch dazu konditioniert, Schmerzen zu ertragen ... " Sie lernen so, ihre Empfindungen von Verletzungen und das Leiden daran zu verbergen. Der Satz "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" scheint noch immer aktuell zu sein. |
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08. Februar 2012
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