Die unseres Erachtens für den "Lifestyle Techno" symptomatische Veranstaltung, der so genannte Rave, impliziert ein Tanz-Vergnügen, das so lange dauert, dass - tendenziell - jeder Teilnehmer an einem beliebigen Zeitpunkt in das Geschehen ein- und auch wieder aussteigen kann, ohne ein essentielles Ereignis zu versäumen. Eine solche Party dauert oft zwölf Stunden und länger (mitunter auch mehrere Tage). Wesentlich dafür, dass dieses sozialzeitliche Andauern über viele Stunden hinweg für den Party-Teilnehmer, also für den "Raver", zu einem Kontinuum von vielfältig ineinander verwobenen Auf- und Abregungen wird, ist das, was diese Stunden (er-)füllt und - was beim Raver typischerweise starke körperliche Empfindungen auslöst - physisch-psychisches Wohlbefinden evoziert: das Tanzen in einem verrückten Zeit-Raum aus Musik und Licht, in dem dem Raver Hören und Sehen keineswegs vergeht, sondern in dem es ihm im Gegenteil zum Ohrenschmaus und zur Augenweide wird: Er tanzt idealerweise nicht zur, er tanzt vielmehr sozusagen in der Techno-Musik, die den Körper zu überfluten und zu durchströmen und die Welt ringsumher vergessen zu machen scheint. Um diesen Effekt hervorzurufen, scheint die Erzeugung eines Klang-Raumes, in dem und durch den man sich überall gleich gut bewegen kann, unverzichtbar zu sein. Und im Zentrum dieses ganzen Spektakels steht (unbeschadet allen sonstigen organisatorischen, logistischen und technischen Aufwandes) funktional unersetzbar bekanntlich jener Akteur, der zwar nicht alles, ohne den alles (andere) jedoch nichts ist: der Meister des Mischpultes, der Herr der Plattenteller: der DJ - Priester, Schamane, Psychotherapeut, Führer, Hirte und so manches andere mehr, jedenfalls in der Wahrnehmung seiner Bewunderer.
Eines jedenfalls ist der Techno-DJ sicher nicht: Er ist kein Discjockey; das heißt, er spielt nicht einfach Schallplatten ab (und gibt dazu womöglich noch irgendwelche mehr oder minder launigen Kommentare von sich). Vielmehr kreiert der DJ die Musik zum Tanzen in der Partysituation selber - nur eben nicht mit herkömmlichen Instrumenten, sondern mittels Tonträgern, Plattenspielern, Mischpulten und anderen elektronischen Geräten. Im Wesentlichen werden dabei Sound-Sequenzen ("loops") vom DJ am "turn table" eingefügt in eine situative Soundkomposition - sozusagen in Akten der spontanen Neuschöpfung durch Durchmischung, Rekombination und Modifizierung der nach wie vor vorwiegend auf Vinylscheiben gepressten "tracks". Der DJ führt dabei Tracks sozusagen zusammen, lagert sie aufeinander, schiebt sie ineinander und achtet dabei darauf, interessante bzw. technisch anspruchsvolle, verblüffende und von virtuoser Fingerfertigkeit zeugende "Übergänge" zu schaffen. Hierbei zählt die Kunst, Bass-Frequenz-Differenzen zwischen den einzelnen Tracks auszugleichen und dadurch Unterbrechungen im Rhythmus des Beats zu vermeiden, zwar zu den geläufigsten, aber sicher nicht zu den schwierigsten Übungen.
Durch das mit multiplen Techniken durchgeführte "Verweben" des vorhandenen Soundmaterials zu oft stundenlang dauernden, komplexen Klangteppichen entsteht - idealerweise - der Eindruck eines durchgehenden Stückes, eines Tracks, auf dem, wenn schon nicht die gesamte Party, dann doch zumindest die Party tanzt, die dieser DJ - in der Regel ein bis zwei Stunden, im Extrem aber auch einmal bis zu zwölf Stunden lang - macht, indem er eben in der Situation seinen Sound für diese eine Situation kreiert. |
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