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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 52/2008)
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Arbeitsalltag einer Kultfigur: Der Techno-DJ |

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Ronald Hitzler / Michaela Pfadenhauer
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Bei unserer Strukturbeschreibung dessen, was ein DJ an einem solchen Arbeitsplatz tut, folgen wir nun mehr oder weniger chronologisch dem Ablauf eines DJ-Sets, das genau genommen bereits mit den Vorbereitungen des DJs im Vorfeld seines Engagements beginnt:
Vorbereitungen: Beim Partyveranstalter oder bei anderen mit den jeweiligen Umständen besser vertrauten Personen (zum Beispiel seinem Manager bzw. Booker oder auch dem jeweiligen Stage-Manager) informiert sich der DJ über die Art und den Ort ("location") der Veranstaltung, über deren (musikalischen) Ruf`, die anderen für die Veranstaltung gebuchten DJs ("line-up"), die Uhrzeit bzw. den relativen Zeitpunkt seines Auftritts (relativ zum Beginn und zum Ende der Party), über die zu erwartenden Gäste usw. Auf die durch diese Informationen antizipierte Partysituation hin stellt er (in groben Zügen) das ihm hierfür geeignet erscheinende Sortiment in seinem Plattenkoffer zusammen. Damit der DJ während des Sets jede Platte auf einen Blick und in Sekundenschnelle identifizieren kann, muss sie möglichst in ihrer ursprünglichen bzw. in einer für ihn markanten Schutzhülle (wieder-)verpackt sein.
Der derart aufgeräumte und sortierte Plattenkoffer muss entweder vom DJ selber oder durch Helfer ("hands") zum Veranstaltungsort und - eventuell über eine Zwischenlagerung im Produktionsbereich - zur Bühne, also möglichst nahe ans DJ-Pult transportiert werden. Während noch ein anderer DJ auflegt, begibt sich der DJ, den wir jetzt sozusagen begleiten, in die Nähe der Turntables. In der verbleibenden Zeit bis zu seinem Set unterhält er sich vor allem mit Freunden, die ihn begleitet oder an der Bühne bereits erwartet haben. Er bespricht sich aber auch mit dem DJ, der noch auflegt, mit dem Stage-Manager, der ihn - zumindest dann, wenn er nicht ortskundig ist - zur Bühne geführt hat, und mit den Technikern (vor allem mit den gerätekundigen "locals").
Sein Set bereitet der DJ vor, indem er den oder die mitgebrachten Plattenkoffer für sich möglichst gut erreichbar hinter dem Pult platziert, den oder die Koffer öffnet, die Platten rasch durchblättert, einige Platten herauszieht und auf Eck stellt, mitunter die eine oder andere Platte umsortiert und seinen Kopfhörer bereitlegt. (Jeder DJ hat einen eigenen Kopfhörer dabei, und wenn dieser nicht funktioniert, führt dies in der Regel zu mehr oder weniger panikartigen Reaktionen.)
Übergabe/Übernahme: Die Übergabe des Sets wird in der Regel dadurch eingeleitet, dass der DJ, der abgibt, dem übernehmenden mittels Verständigungszeichen oder auch verbal zu verstehen gibt, dass er seine letzte Platte aufgelegt hat, und dabei zumeist den Stöpsel seines Kopfhörers aus der Buchse am Pult zieht. Der übernehmende DJ stöpselt seinen Kopfhörer ein, legt eine Platte aus seinem Sortiment auf den freien bzw. leeren Plattenspieler und hört über Kopfhörer in diese erste Platte hinein, während auf der Tanzfläche die letzte Platte des abgebenden DJs zu hören ist. Nicht selten tauscht der übernehmende DJ seine zuerst ausgesuchte Platte wieder gegen eine andere aus und wartet dann, nebenher mit dem anderen DJ oder anderen Menschen auf der Bühne kommunizierend und interagierend oder auch die Tanzenden beobachtend, bis er an der Reihe ist.
Der eigentliche Moment der Übergabe wird zwischen den beiden DJs in der Regel nonverbal vereinbart. Wir haben immer wieder folgendes symptomatische Übergabe- bzw. Übernahme-Verhalten beobachtet:
a) der (für die Tanzenden) unmerkliche Übergang: Dieser wird dadurch bewerkstelligt, dass der übernehmende DJ die erste Platte seines Sets auswählt und so in die laufende Platte einmischt, dass sie in Tempo und Klangbild mit der letzten Platte des abgebenden DJs möglichst deckungsgleich ist, so dass die Tanzenden idealerweise nicht sogleich bemerken, dass nun ein anderer DJ die Musik zur Party macht. In diesem Fall führt der übernehmende DJ die Raver ganz allmählich (das heißt über mehrere Platten hinweg) in die Stimmung hinein, die er mit seinem Set erzeugen will;
b) der "break" durch den abgebenden DJ: Dieser erfolgt meist dadurch, dass der abgebende DJ entweder eine letzte Platte mit einem markanten Ende auswählt, oder dass er die Platte unvermittelt bzw. abrupt herunterfährt;
c) der "crash" durch den übernehmenden DJ: Dieser wird in der Regel dadurch erreicht, dass der übernehmende DJ sein Set mit einem kakophonischen Intro eröffnet, also mit unharmonischen, unrhythmischen Geräuschen, die das Tanzen vollständig zum Erliegen bringen, um dann die Stimmung auf der Party gleichsam ganz neu aufzubauen. Wenn die Party schon sehr lange, eventuell ein paar Tage dauert, und es infolgedessen schwierig ist, noch eigene Akzente zu setzen, kann die Strategie des DJs durchaus darin bestehen, sein Publikum mit dem von ihm gewählten Intro hinzuhalten. Hierfür zögert er das Einsetzen der "bass drum" für eine Weile - und durchaus nicht zur ungeteilten Freude der Tanzenden - hinaus, um dadurch einen besonders markanten Einstieg zu bekommen.
Auflegen: Die Kunstfertigkeit des Techno-DJs erweist sich wesentlich darin - zwar auf eine Gesamtidee zu seinem Set hin, zugleich aber hochgradig situations- bzw. partystimmungsflexibel -, zunächst einmal die richtigen Platten auszusuchen (das heißt meist die gesamte mitgebrachte Auswahl - wie den Zettelkasten einer Bücherei - immer wieder durchzublättern, eine Platte bzw. einen darauf enthaltenen Track vor-zuhören, und die Platte dann anzuspielen oder eventuell gegen eine andere auszutauschen); dann darin, mit den Platten zu arbeiten (das heißt zu mixen, zu scratchen usw.), vor allem aber: Tracks virtuos aneinanderzureihen (das heißt nicht nur keine Lücken oder gar Pausen zwischen den verschiedenen Sound-Sequenzen entstehen, sondern diese ohne die Tanzenden bzw. die Zuhörer irritierende Brüche ineinander übergehen zu lassen). Dazu ist es in der Regel erforderlich, die Tempi der beiden aufeinanderfolgenden Stücke anzugleichen und unter Einsatz diverser Filtertechniken (Halleffekte, Echoeffekte, Ausfiltern usw.) ihr Klangbild aufeinander abzustimmen.
Dem Musikwissenschaftler Ansgar Jerrentrup zufolge haben Techno-DJs eigene Techniken zum Einmischen entwickelt: erstens das "kontinuierliche Crossfading", das heißt das unmerkliche Ineinanderverweben bzw. Überlagern zweier Stücke; zweitens das "sanfte Fading", d.h. das unmerkliche Ablösen durch sanftes Ausregeln der einen und Einregeln der anderen Platte, und drittens das "ruckartig einsetzende Crossfading", d.h. durch schnelles Herausziehen der einen und schnelles Hineinziehen der anderen Platte harte Schnitte und Einschübe zu erzeugen.
Der DJ in Interaktion: Wie bereits erwähnt, hört der DJ über Kopfhörer immer schon auch in die Platte hinein, die auf die aktuell laufende folgen soll: Je nach Beanspruchung bzw. Konzentration hört er dabei fast beiläufig in eine, lediglich auf seiner Schulter liegende Ohrmuschel seiner Kopfhörer, er setzt die Kopfhörer halb auf, so dass ein Ohr von einer Ohrmuschel bedeckt ist, oder er zieht - eher selten - die Kopfhörer über beide Ohren. Die Platzierung der Kopfhörer signalisiert auch hinlänglich verlässlich Personen, die den DJ relativ gut kennen, ob er angesprochen oder anderweitig behelligt werden darf oder nicht, denn prinzipiell ist die Kommunikation bzw. Interaktion von auf der Bühne befindlichen Personen mit dem DJ während seinem Set eine diffizile Angelegenheit: Oberste Priorität für alles, was auf der Bühne geschieht, ist, dass der DJ "eine gute Party macht", was in der Regel eben einige Konzentration erfordert. Deshalb erbringen, auf verbale oder gestische Anforderung des DJs hin, verschiedene Personen (teils Freunde, teils Staff-Mitglieder) immer wieder diverse Dienstleistungen (etwa Getränke holen und reichen, Zigaretten geben und anzünden, usw.).
Nicht selten werden dem DJ auch von Tanzenden Getränke und vor allem Zigaretten (und mitunter auch ein Joint) zum Pult gereicht. Von den Tanzenden aus werden aber auch (direkt oder indirekt über am Pult stehende Freunde) Wünsche an den DJ gerichtet (Autogramme, ein gemeinsames Foto, im schlimmsten Fall auch Plattenwünsche).
Intensität und Qualität der Freundschaft prägen bzw. bestimmen zum einen, inwieweit und in welcher Form (vom Blickkontakt suchen, über Ansprechen bis zum Berühren bzw. "Antatschen") um den Pult herum lagernde Freunde auch ohne entsprechende Aufforderung durch den DJ mit ihm kommunizieren bzw. interagieren dürfen bzw. können und zum anderen, inwieweit sie vom DJ selber oder von dessen Freunden daran gehindert werden, ihn zu behelligen. Jederzeit dazu berechtigt, mit dem DJ zu kommunizieren, ist der Stage-Manager und sind in der Regel auch Techniker, die ablaufrelevante Dinge zu erledigen haben.
Je nach Charakter und Tagesform des DJs zeigt sich dieser in der Interaktion mit den Tanzenden eher extrovertiert oder eher introvertiert, eher priesterlich oder eher kumpelhaft, auf die gesamte "party crowd" oder auf einzelne Tanzende hin orientiert, kommuniziert er eher non-verbal (indem er etwa "hands ups" provoziert) oder verbal (indem er beispielsweise die Lautstärke zurückfährt und das Publikum durch lautes Zurufen ermuntert, anheizt, lobt oder auch beschimpft). In der Regel versucht er allerdings - abhängig davon, ob sich die Gesamt-Party im Auftakt-Stadium, in der Hoch-Zeit oder in einer fortgeschrittenen oder gar in der finalen Stunde befindet und welche Akzente ("warming up", "peak experiences" evozieren oder "cooling down") er in bzw. mit seinem Set setzen möchte -, die Stimmung auf der Tanzfläche über die Musikauswahl und Soundmischung zu beeinflussen.
Die Dauer des Sets ist vor dem Auftritt zwischen DJ und Veranstalter genau vereinbart und verbindlich festgelegt worden: in der Regel auf ein bis zwei Stunden, in Einzelfällen aber auch auf bis zu zwölf Stunden. Das nahende Ende seines Sets wird dem DJ nicht nur vom Stage-Manager direkt, sondern indirekt auch dadurch angezeigt, dass der nächste DJ die Bühne betritt und sich mehr oder weniger auffällig neben den Turntables postiert. Nun kann der abgebende DJ zwischen verschiedenen Abgangs-Varianten wählen: Entweder beendet er sein Set mit einer Art Crescendo, versucht den Stimmungshöhepunkt also genau ans Ende seines Auftritts zu setzen, oder er bringt die Tanzenden wie von einer Art Flugreise sozusagen wieder sanft herunter; in einem anderen Fall animiert er die Tanzenden dazu, ihn zu feiern, oder er präsentiert den Tanzenden (gestisch) den nach ihm auflegenden DJ, oder aber er übergibt das Set nachgerade unmerklich.
Nach der Übergabe, also nach der Beendigung seines Sets, beginnt der DJ, seine(n) Plattenkoffer einzuräumen und seine sonstigen Utensilien zusammenzusammeln. Eventuell kommuniziert oder interagiert er mit dem nach ihm auflegenden DJ, soweit sich dieser dadurch nicht (übermäßig) gestört bzw. irritiert zeigt. Vor allem aber wendet er sich typischerweise seinen um das Pult lagernden Freunden zu und erwartet nicht selten - positive - Kommentare zur Qualität seines Auftritts. Über kurz oder lang verlässt er dann - meist in Begleitung seines Freundeskreises (seiner "posse") - die DJ-Bühne. |
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10. Februar 2012
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