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Informationen zur politischen Bildung (Heft 164)
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Deutschland wird industrielle Weltmacht |

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Einleitung
1856
Bessemerverfahren in der Stahlerzeugung
1861
Telefon von Reis
1864
Siemens-Martin-Verfahren in der Stahlerzeugung
1871-73
"Gründerjahre" in Deutschland mit anschließender Krise
1879
Industrielle Nutzung des Thomasverfahrens in der Stahlerzeugung
1879
Elektrische Beleuchtung in New York von Edison
1893
Deutschland überflügelt England in der Stahlerzeugung
1897
Elektrische Eisenbahn in Berlin von Siemens
1897
Drahtlose Telegraphie von Marconi
1897
Dieselmotor von Diesel
1903
Deutschland überflügelt England in der Roheisengewinnung
England blieb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa industriell und in der Entwicklung zu einer neuen gesellschaftlichen Struktur noch das Vorbild und immer noch führend - aber nicht mehr allein; Westeuropa und vor allen Dingen Deutschland folgten mit Riesenschritten hinterher. Deutschland wurde sogar im Abstand von etwa einer Generation zum Rivalen Englands.
Eisen und Stahl
Seinen großen Sprung tat Deutschland aber erst nach der Gründung des Kaiserreiches 1871. Jetzt wurde es in großen, zum Teil neuen industriellen Bereichen sogar führend. In der Eisenindustrie, besonders in der Stahlerzeugung, hatten neue Erfindungen eine große Bedeutung für die industrielle Entwicklung bekommen. Das Bessemer-Verfahren von 1856, das Siemens-Martin-Verfahren von 1864 und das Thomas-Verfahren, das seit 1879 industriell genutzt wurde, sind Marksteine in der Geschichte der Stahlerzeugung. Diese Entwicklung senkte die Grundkosten des Rohstahls und steigerte die Stahlerzeugung in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Belgien zwischen 1870 und 1913 um das Dreiundachtzigfache. In dieser Entwicklung überflügelte Deutschland England um die Jahrhundertwende aufgrund größerer Rohstoffvorkommen, größerer Hochofenanlagen und wachsender Kapitalzusammenschlüsse. In der Stahlerzeugung überrundete Deutschland England 1893, in der Roheisenerzeugung 1903. Aber schon früher, nämlich 1890, hatten die USA in der Stahl- und Eisenproduktion den ersten Platz in der ganzen Welt erobert.
Chemie, Motoren, Elektrizität
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte die Produktion von Chemiegütern große technische Veränderungen durch. Die Metallurgie wurde zu einem Zweig der angewandten Chemie und führte zur Herstellung von neuen Werkstoffen wie Stahllegierungen und Aluminium. Ebenso sind Glas-, Papier-, Zement-, Gummi- und Keramikherstellung zu Teilen der chemischen Industrie geworden. Auch auf diesem Gebiet, besonders in der Herstellung von Schwefelsäure und in der Entwicklung der Farbstoffindustrie, hatte Deutschland am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Großbritannien und andere europäische Länder überrundet oder sich sogar an die Spitze der Weltentwicklung gesetzt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es neue Entwicklungen in der Energiegewinnung und Energieversorgung: die Einführung des Verbrennungsmotors und die industrielle Nutzung der Elektrizität, die durch eine lange experimentelle und wissenschaftliche Forschung während des 19. Jahrhunderts vorbereitet worden war und einen revolutionären Umschwung bedeutete. Auch im Ausbau dieser neuen Kraftversorgung übernahm Deutschland an der Wende zum 20. Jahrhundert in Europa die Führung.
Folgen der verspäteten Industrialisierung in Deutschland
Der relativ verspätete Eintritt Deutschlands in die Reihe der sich industrialisierenden Mächte hatte verschiedene Voraussetzungen und einige bedeutsame Folgen. Durch den Dreißigjährigen Krieg geschwächt, war Deutschland durch religiöse Spaltungen und Viel- und Kleinstaaterei mit wirtschaftlich hinderlichen Zollgrenzen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts noch immer überwiegend eine agrarisch-ständische Gesellschaft mit Hörigkeit der Bauern, schwach entwickeltem Bürgertum und mit absolutistischen Regierungsformen geblieben.
Durch die Stein-Hardenbergschen Reformen zwischen 1808 und 1812, den Deutschen Zollverein von 1834, die Revolution von 1848 und schließlich die Gründung des deutschen Kaiserreiches durch Bismarck 1871 wurden die vielen Zoll- und Landesgrenzen, die Hörigkeit und Erbuntertänigkeit der Bauern, die Zunftbeschränkungen und adligen Vorrechte Schritt für Schritt abgebaut, Gewerbefreiheit, eine einheitliche Währung, eine modernisierte Landwirtschaft geschaffen und die Industrie- und Kapitalentwicklung gefördert. Der Sieg über Frankreich 1870/71 leitete mit der von Frankreich gezahlten Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Franken und mit der Einverleibung der Erzvorkommen in Lothringen und der Kalilager in Elsass die so genannte Gründerperiode mit der stürmischen Entwicklung von neuen Unternehmungen und mit der Nutzung der neuen technischen Erfindungen in den Formen einer modernen organisierten kapitalistischen Industriewirtschaft ein.
Die Krise in den 70er Jahren mit der nachfolgenden Depression führte zum Ruin vieler kleiner Unternehmen und Firmen und förderte die Organisation von Konzernen. Die Überwindung der Krise leitete gegen Ende des Jahrhunderts unter der Sicherung der Schutzzollpolitik einen neuen, die ganze deutsche Gesellschaft in industrieller, technischer und ökonomischer Hinsicht umwandelnden Aufschwung ein. Der Außenhandel und die Handelsschifffahrt wurden erweitert, der Export nicht nur von Waren, sondern auch von Kapital nahm an Bedeutung zu. Deutschland begann, sich an dem Wettbewerb um die Schaffung von Kolonien zu beteiligen und die Rüstungsindustrie auszubauen.
Hier in Deutschland wie in anderen Ländern hatte der Industrialisierungsprozess die Modernisierung und technische Verbesserung der Landwirtschaft zur Voraussetzung, die ihrerseits mit dem Bevölkerungswachstum in Verbindung stand.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach der schrittweisen Bauernbefreiung, machte die deutsche Landwirtschaft ähnliche Verbesserungen durch wie die englische Landwirtschaft im 18. Jahrhundert: die Einführung des Fruchtwechsels zur besseren Ausnutzung des Bodens, die Ausweitung der Futterpflanzung und des Kartoffelanbaus, die Verbesserung der Düngung, später vor allem unter Nutzung der neuen chemischen Erfindungen, und außerdem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die wachsende Verbesserung der maschinellen Ausrüstung. So brauchte man 1800 zum Mähen von 1 a (100 m2) Weizen mit einer Sichel 60 Minuten, 1900 mit einem Mähbinder nur noch zwei Minuten.
Bevölkerungsentwicklung
Die mit der Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft verbundene Verbilligung der Lebenshaltung, neue hygienische Maßnahmen und die Zunahme der Heiratshäufigkeit führten zur Senkung der Sterblichkeit, vor allem der Säuglingssterblichkeit, zur Verlängerung der Lebenserwartung und zur Erhöhung der Geburtenziffern. Das hatte insgesamt das beschleunigte Bevölkerungswachstum in ganz Europa und auch in Deutschland zur Folge. So wuchs die Bevölkerung in Europa zwischen 1800 und 1900 von 187 Millionen auf 406 Millionen, in Deutschland zwischen 1800 und 1900 von 24,5 Millionen auf 56,4 Millionen an.
Unternehmer, Aktiengesellschaften und Banken
Auf dieser Basis erhebt sich die moderne Industrialisierung in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem nach 1870/71. Männer und Familien, wie z. B. Henschel, Hoesch, Röchling, Daimler, Benz, Bosch, Siemens, Krupp, Rathenau, Zeiss, Thyssen oder Klöckner beginnen in der ersten oder zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im Anfang unseres Jahrhunderts als Eigentümer, Hauptaktionäre, Direktoren oder Aufsichtsräte in den großen neuen wirtschaftlichen Imperien zu führenden Kräften der kapitalistischen Industrieentwicklung aufzusteigen. Sie spielen eine leitende Rolle im Lokomotivenbau, in der Schwerindustrie, in der Elektrizitätswirtschaft, in der optischen Industrie und in der Chemieindustrie. Sie kommen aus den Reihen der Handwerksmeister wie Henschel oder Krupp, aus dem Handel wie Röchling, aus der Gruppe der Erfinder, Ingenieure und Konstrukteure wie Benz, Daimler, Siemens.
Die Finanzierung der immer größer werdenden Unternehmen kann immer weniger durch einzelne Personen oder Familien geleistet werden, sondern bedarf des Kapitalzusammenschlusses in den Aktiengesellschaften, von denen bis 1850 in Preußen 102, von 1850 bis 1857 295 gegründet wurden. Zwischen 1870 bis 74 investierte man in 857 Aktiengesellschaften über 1 Milliarde Taler. Die großen Banken als Finanzierungsquellen und Finanzierungssteuerer spielen eine immer bedeutendere Rolle. Das ist die Zeit der Machtausweitung und Kapitalkonzentration in den so genannten Berliner D-Banken: Deutsche Bank, Dresdner Bank, Darmstädter Bank, Disconto-Gesellschaft. In diesem Zeitraum wird Deutschland zu einem kapitalistisch organisierten modernen Industriestaat mit Weltgeltung. |
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10. Februar 2012
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Informationen zur politischen Bildung |
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Das 19. Jahrhundert 1
Die Grundlagen für die gegenwärtigen politischen Systeme der europäischen Staatenwelt wurden im 19. Jahrhundert geschaffen: von Monarchien zu demokratischen Verfassungsstaaten. |
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