|
|
 |

 |

Aus Politik und Zeitgeschichte (B 44/2002)
 |
 |
 |
 |
 |
Die Innenseite der der Globalisierung |

 |
 |
Über die Ursachen von Wut und Hass Götz Eisenberg
|
 |
|

II. Verinnerlichte soziale Kontrolle |
   |
 |
 |
 |
 |
 |
Es ist nicht nur Glück, dass es bisher nicht dazu kam, sondern vor allem das Resultat von Selbstbeherrschung und Aggressionshemmung. Eine durch Verhaltenszumutungen des heutigen gesellschaftlichen Lebens hervorgerufene diffuse Wut wird durch verinnerlichte Hemmungen im Zaum gehalten. Die Sozialisation im Rahmen herkömmlicher Familien führt zur Ausbildung einer "inneren Selbstzwangapparatur" (Norbert Elias), die dafür sorgt, dass sich die Menschen in ihr oft trostloses Schicksal fügen und eher ein Leben in stiller Verzweiflung führen, als sich aufzulehnen. Sie haben, wie Heinrich Heine bemerkte, den Stock, mit dem man sie geschlagen hat, verschluckt.
Zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters hofften Akteure der französischen Revolution wie Robespierre auf "ein Meisterstück der Natur": die Ausbildung einer inneren Instanz, die den Menschen quasi reflexartig darüber belehrt, was das Richtige ist, das er zu tun, und was das Falsche, das er zu unterlassen habe. Die im Entstehen begriffene bürgerlich-kapitalistische Produktionsweise verlangte nach neuen Formen der sozialen Integration - ohne permanente äußere Kontrolle und massiven Zwang. Wie schafft man es, dass Menschen arbeiten wollen und sich die Produkte ihrer Arbeit widerspruchslos wegnehmen lassen? Es wäre zu kostspielig und ineffizient, hinter jeden Arbeiter einen Polizisten zu platzieren, der ihn überwacht. Also musste die Polizei verinnerlicht werden und die Gestalt des Gewissens annehmen.
Die Psychoanalyse beschrieb die Verinnerlichung des zunächst äußeren Zwangs später als Bildung des Über-Ichs. Dieses bildet sich im Rahmen der patriarchalisch strukturierten Traditionsfamilie dadurch aus, dass sich das Kind - zunächst aus Furcht vor Strafe, später im günstigsten Fall aus Einsicht und freien Stücken - mit den Eltern identifiziert und ihre Ge- und Verbote in sich aufnimmt. In der Folge wird das Über-Ich auf andere Personen und Instanzen wie Lehrer, Schule, Vorgesetzte, Fabrik und die Inhaber politischer Macht übertragen, die von der familialen Vorunterwerfung profitieren und die Familie beerben. Die über weite Strecken herrschende Stabilität der bürgerlichen Gesellschaft verdankt sich dem Umstand, dass das Über-Ich den verinnerlichten Staat und der Staat die Externalisierung des Über-Ich darstellt. Zwischen dem von Heinrich Mann beschriebenen Untertan und "seinem" Staat herrschte tiefes Einverständnis, Realitäts- und Identitätsstruktur waren eng miteinander verzahnt.
Nun gibt es wenig Grund dafür, diesen Zustand, der seit einiger Zeit in Auflösung begriffen ist, zu idealisieren. Außerhalb privilegierter bürgerlicher Familien bestand Erziehung häufig aus bloßer Unterwerfung und gewaltsamer Erzeugung von blinder Gehorsamsbereitschaft. Das buchstäbliche Einbläuen von Regeln und Verhaltensweisen brachte autoritäre, unsichere und ängstliche Menschen hervor, die ihre unterdrückte Wut auf Minoritäten verschoben. Das, was sie unter Schmerzen in sich begruben und dann ein Leben lang krampfhaft niederhielten, bekämpften sie an Menschen und Gruppen, die diese verdrängten Impulse vermeintlich oder real verkörperten.
Man könnte den Schwund elterlich-väterlicher Autorität und das Ende jener pädagogischen Paranoia, die man lange mit Erziehung verwechselte, also begrüßen, wenn etwas qualitativ Besseres und Menschlicheres an ihre Stelle getreten wäre. Tatsächlich befinden wir uns jedoch an der Schwelle zu einem erzieherischen Nirwana.
Mit dem Anbruch des konsumistischen Zeitalters, vollends aber mit dem Übergang zum System des "flexiblen Kapitalismus" (Richard Sennett) erweisen sich die "Produkte" familiärer Sozialisation als dysfunktional. Dem charakterlich geprägten Menschen mangelt es nicht selten an Konsumlust und Wendigkeit. Der autoritäre Untertan mit seiner zwanghaften Neigung zu Sparsamkeit und Routine war der erwünschte Sozialcharakter des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Massenabsatz von Waren und die veränderten Verhaltensanforderungen der Industrie verlangen nun nach einem Menschentyp, der süchtig konsumiert und beruflichen und örtlichen Veränderungen offen gegenübersteht. Der charakterlich geprägte und lebensgeschichtlich an ein Bündel von festen Eigenschaften fixierte Mensch musste durch den "flexiblen Menschen" abgelöst werden, der sich im Gleitflug den wechselnden Marktwinden überlässt und seine Bindungen an Menschen und Orte aufzugeben bereit ist. |
 |
 |
|
 |
10. Februar 2012
 |
|