Wer jetzt noch an erworbenem Besitz hängt, ihn hegt und pflegt, wer ein starkes Bedürfnis nach Identität, nach Stabilität der eigenen Orientierungen und Werthaltungen aufweist, droht zum Außenseiter zu werden und aus der Gesellschaft herauszufallen. "Charakter" wird zum Synonym für komische Figur, Sonderling, Kauz, Ich-Schwäche avanciert zur Tugend der Flexibilität. Es macht ja den Funktionswert kultureller Normen aus, dass sie den Menschen das Einfügen in die vorgefundene Wirklichkeit des Lebens erleichtern. Was aber, wenn diese Wirklichkeit sich dramatisch verändert und lebensgeschichtlich erworbene Normen und Werte irgendwann auf kein Lebensgelände mehr so richtig passen?
Vor allem ältere Menschen machen angesichts des forcierten gesellschaftlichen Wandels die Erfahrung, dass das, "was Hänschen gelernt hat, dem Hans nichts mehr nützt" (Peter Brückner). Sie verstehen wie Friedrich Hebbels Meister Anton die Welt nicht mehr, sind desorientiert, fühlen sich verstört und entwertet. Sie erleben die Verhaltenszumutungen des flexiblen Kapitalismus wie Voodoo-Imperative, als ein Zugleich von Wirklichkeits-, Erfahrungs- und Identitätsberaubung. Die Abstraktions- und Beschleunigungsschübe der Gegenwart bewirken eine massenhafte Desynchronisation von Realitäts- und Identitätsstruktur, die innere Gleichgewichtsstörungen und Schwindelgefühle hervorruft. Immer mehr menschen haben das Gefühl, dass der Film der äußeren Realität schneller läuft als der innere Text, den sie dazu sprechen. Sie sehnen sich nach stationären Zuständen und hoffen, dass eines Tages die äußere Realität wieder zu ihren inneren Texten passt. Manch einen treibt diese Sehnsucht in die Arme von Rechtspopulisten, die ihm Entlasten durch die Herstellung von Übersichtlichkeit und Einmaligkeit versprechen.
Wenn eingeschliffene Lebensmuster vor dem Zusammenbruch stehen und die lebendige Einbindung in die Gesellschaft verlorengeht, treten starke Spannungen auf, die den Einzelnen zerreißen können. Eingeübt in das passive Hinnehmen unerträglicher Zustände, schicken sich viele Menschen in ihren gestreckten sozialen Tod und ertragen, was sie nicht mehr aushalten, oft noch lang. Ihre Aggressionen werden in der Watte innerer Hemmungen stumpf und wenden sich nicht selten in Gestalt von Depression oder Krankheiten gegen die eigene Person. |
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