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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 44/2002)

Die Innenseite der der Globalisierung


Über die Ursachen von Wut und Hass
Götz Eisenberg
Inhalt

Einleitung

I. "Sind wir nicht alle ein bisschen Robert?"

II. Verinnerlichte soziale Kontrolle

III. Wieviel Flexibilität verträgt der Mensch?

IV. Psychische Deregulierung

V. Soziale und psychische Desintegration

VI. Die "Bösen" sind wir los, das "Böse" ist geblieben

VII. Geräte-Sozialisation

VIII. Ein moralisches Ozonloch

IX. "Entinnerlichung" der sozialen Kontrolle

X. Der Amoklauf des Geldes

IV. Psychische Deregulierung

Die tektonischen Beben, die durch die Wucht von Modernisierungs- und Globalisierungsprozessen ausgelöst werden, erschüttern nicht nur die tragenden Gerüste des Gesellschaftsbaus, sondern auch die tradierten Formen sozialer Integration und den Innenbau der Menschen. Was da mobilisiert und flexibilisiert wird, ist eben nicht nur die Ware Arbeitskraft. Von den neuen Funktionsimperativen des hochfluiden, globalisierten Kapitals dazu aufgefordert, sich permanent psychisch umzumontieren und auf die sich drehenden Winde des Marktes wendig und prompt zu reagieren, sind immer mehr Menschen genötigt, eine fragmentarische Identität auszubilden, die "borderlineartige" Züge trägt. Das, was man bislang für schwere Krankheitszeichen hielt und mit den Namen "narzisstische" oder "Borderline-Störung" belegte, droht zur sozialpsychologischen Signatur des "Neuen Zeitalters" zu werden. Die im Namen des Neoliberalismus betriebene Deregulierung von Sozialstaat, Wirtschaft und Gesellschaft scheint mit einer psychischen und moralischen Deregulierung einherzugehen, von der das Über-Ich, das Ich und seine Modi der Abwehr gleichermaßen betroffen sind. Die Menschen geraten in den Sog einer regressiven Entstrukturierung, die dazu führen kann, dass archaische Mechanismen wie Spaltung und Projektion die Überhand über die reifen Ich-Funktionen und Abwehrmechanismen gewinnen. Da gleichzeitig die Verwandlung von "Fremdzwängen in verinnerlichte Selbstzwänge" (Norbert Elias) nicht mehr mit ausreichender Zuverlässigkeit stattfindet, wächst die Neigung, intrapsychische Spannungen und Konflikte in die Außenwelt zu tragen und dort auszuagieren.

Die Markt- und Kapitallogik räumt nicht nur alle ihren expansiven Drang behindernden äußeren Barrieren und Kontrollen beiseite, sondern auch die im Inneren der Menschen. Der flexible Mensch soll alle Bindungen und Hemmungen ablegen, damit er zu allem fähig werde. So ist es denn auch. Man kann offensichtlich nicht beides zugleich haben: den hochflexiblen, wendigen, allseits anschlussfähigen Menschen und einen Fundus von verinnerlichten handlungsleitenden Normen und Werten. Daher ist damit zu rechnen, dass es vermehrt zu unkontrollierten Trieb- und Impulsdurchbrüchen kommt, die im Extremfall die Form einer völlig ungerichteten Aggressionsentladung, des Amoklaufs annehmen können.
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10. Februar 2012
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Gewalt in der Gesellschaft
Editorial
Gewalt und Gesellschaft
Gewalt in modernen Gesellschaften - zwischen Ausblendung und Dramatisierung
Jugendgewalt und Gesellschaft
Die Innenseite der der Globalisierung
Gewalttätig durch Medien?
Veränderung der Schulkultur als Ansatz schulischer Gewaltprävention
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